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Neues Gutachten : Weiterbetrieb von drei AKW kann Strompreis deutlich senken

Der Kühlturm des Atomkraftwerk Isar 2 Bild: dpa

Der Beitrag der Atomreaktoren zu einem höheren Stromangebot ist gering, aber keine andere Erzeugungsart drückt die Tarife stärker – obwohl Robert Habeck etwas anderes sagt.

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          Der grüne Teil der Bundesregierung ist nicht nur wegen der Strahlungsrisiken gegen eine echte Laufzeitverlängerung von Kernkraftwerken, sondern auch, weil der Weiterbetrieb die Energiekrise nicht wirklich lindere. Nach Ansicht von Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) tragen die Reaktoren weder in nennenswertem Umfang zur Versorgungssicherheit bei, noch drückten sie die Strompreise in größerem Maße. Tatsächlich legen die kostenintensivsten der zur Deckung der Stromnachfrage gerade noch benötigten Kraftwerke den Tarif für alle anderen fest. Das sind derzeit die teuren Gasverstromungsanlagen. An deren Preisdominanz würde auch die Kernkraft nicht viel ändern, argumentieren Habeck und andere.

          Christian Geinitz
          Wirtschaftskorrespondent in Berlin

          Doch es gibt immer mehr wissenschaftliche Erkenntnisse, die dieser Einschätzung widersprechen. Mitte September fand das Ifo-Institut heraus, dass eine Weiternutzung der letzten drei Atomkraftwerke den Strompreis 2023 um 4 Prozent senken würde. Die Meiler könnten immerhin 4 Prozent der deutschen Elektrizität erzeugen. Die von Habeck ermöglichte „Einsatzreserve“ lediglich der zwei süddeutschen Atomkraftwerke bis zum Frühjahr sieht das Ifo skeptisch: Um Schwankungen der Nachfrage und der erneuerbaren Energien auszugleichen, seien die Anlagen ungeeignet, „die Kostenstruktur verlangt nach einem Dauerbetrieb“. Die Quintessenz der Forscher lautet: „Es kann sinnvoll sein, sich die Option Atomstrom auch über eine krisenbedingte, kurzfristige Laufzeitverlängerung im kommenden Jahr hinaus offenzuhalten.“

          Verschiedene Szenarien

          In dieselbe Richtung weist jetzt eine neue Studie von Ökonomen der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. Das Papier betrachtet verschiedene Szenarien je nach deutschen und internationalen Bedingungen zu Angebot, Nachfrage, Preis oder Wetterlagen. Und zwar kurzfristig bis 2024 und mittelfristig bis 2027, wobei für die Stichjahre ein Emissionspreis von 80 und 100 Euro je Tonne Kohlendioxid zugrunde liegt.

          Im optimistischen Szenario nimmt das Modell eine fallende Stromnachfrage um ein Zehntel an, einen europäischen Gasgroßhandelspreis von 120 Euro je Megawattstunde (MWh), eine Produktion der französischen Kernkraftwerke von 370 Terawattstunden (TWh), einen ambitionierten Ausbau der Erneuerbaren in den Nachbarländern und ein „Wetterjahr“ wie 2020. Für die pessimistische Perspektive werden eine unveränderte Nachfrage und Preise von 180 Euro unterstellt sowie 330 TWh, ein verzögerter Ökostromausbau und eine um 10 Prozent ungünstigere Witterung als 2020.

          Die Untersuchung macht deutlich, dass von den erneuerbaren Energien die größte Kapazitätsausweitung zu erwarten ist, je nach Tempo erreicht allein der deutsche Zubau bis 2024 minimal 38 und bis 2027 maximal 139 Gigawatt (GW). Aber auch die traditionellen Erzeugungsarten können, wenn sie dürfen, einen Beitrag leisten. Wenn zum Beispiel die Kohlekraftwerke aus der dritten und vierten Stilllegungs-Ausschreibung am Netz bleiben, beträgt die Ausweitung 2,7 GW. Laufen die Kernkraftwerke weiter – alle drei –, sind von ihnen 4,1 GW zu erwarten.

          Sehr hohe Preiseffekte

          Auch wenn sich die Angebotssteigerung aus der Atomspaltung in Grenzen hält, sind die Preiseffekte hoch, vor allem kurzfristig. Selbst in einem pessimistischen Szenario senkt die Nuklearenergie den Strompreis 2024 gegenüber dem sonst zu erwartenden Niveau um 8,5 Prozent auf 223 Euro je Megawattstunde. Im optimistischen Fall sind es minus 12,1 Prozent auf 106 Euro. Der Beitrag zur Preisdämpfung der weiterlaufenden Kohlekraftwerke und des ambitionierten Ausbaus der Erneuerbaren ist mit maximal 5 Prozent viel geringer. Kombiniert man alle Leistungssteigerungen, wird der durchschnittliche Strompreis 2024 im besten Falle 102 Euro betragen und im schlechtesten 208 Euro. Ganz ohne diese Schritte wären es 120 und 244 Euro.

          Die Weiterführung der Kernkraft mit neuen Brennstäben würde im optimistischen Szenario die emissionsintensive Braunkohle verdrängen und hätte daher die höchste Minderungswirkung für den Treibhausgasausstoß. Bei pessimistischer Annahme wäre der Emissionseffekt geringer, aber noch immer signifikant, weil die Verfeuerung von Erdgas, Steinkohle und Öl zurückginge.

          Für 2027 rechnen die Wissenschaftler rund um die „Wirtschaftsweise“ Veronika Grimm ohne zusätzliche Kapazitätsausweitung mit einem Strompreis zwischen 87 und 137 Euro je MWh. Mit vermehrten Erneuerbaren ließe sich dann der Preis am stärksten drücken, optimistisch gesehen um 13 und pessimistisch um 4 Prozent. Aber selbst zu diesem Zeitpunkt könnte die Kernkraft noch eine Preisreduktion um 2 bis 10 Prozent leisten. Bei der Emissionsminderung läge im optimistischen Szenario die Atomenergie weiterhin vorn, im Falle einer negativen Entwicklung der Bedingungen wäre der Beitrag des Ökostroms zum Klimaschutz aber größer.

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