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Ländlicher Raum : Ein Weinberg gegen Wanderungsverluste

  • -Aktualisiert am

Wachstum: Weintrauben reifen auch in Brandenburg Bild: IMAGO

In den Dörfern Ostdeutschlands ist der demographische Wandel schon länger zu besichtigen. Man kann die Entwicklung bejammern. Oder nach neuen Wegen suchen für das Leben auf dem Land. So wie in Baruth.

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          Am Anfang, sagt Annette Braemer-Wittke, seien sie kritisch beäugt worden. „Die Künstler klauen Äpfel“, hätten sich Dorfbewohner beschwert, dabei hatten „die Künstler“, die Obstbäume nur gepachtet. Streng getrennt seien die Welten der „Zuzügler“ und der Einheimischen gewesen.Die Episode mit den Äpfeln zeigt, wie es damals war, als in dem brandenburgischen Ort Baruth zwei Welten aufeinanderprallten: eine bunte Truppe Kreativer aus Berlin und die Einheimischen. Heute sei das anders, sagt Annette Braemer-Wittkes Mann Karsten. Heute definierten sich die Gruppen im Ort nicht mehr über Einheimische und Zugezogene, sondern über Interessen. Zwischen gestern und heute liegt das, was Baruth zu einem interessanten Ort macht: der Versuch nämlich, einem Dorf den Dämmerschlaf auszutreiben, es nicht hinzunehmen, dass angesichts von Abwanderung und Überalterung der ländliche Raum vor sich hin stirbt und mit ihm vieles an Tradition, Wissen und Kultur.

          In der ersten Zeit nach der Wende verlor Ostdeutschland jedes Jahr im Saldo 350.000 Menschen. Manche Landkreise hätten heute 20 bis 30 Prozent weniger Bewohner als zur Wiedervereinigung, sagt Manuel Slupina, Experte am Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung. Heute seien die Wanderungssalden zwischen Ost und West zwar ausgeglichen. Dafür aber gingen die Menschen vom Land in die Stadt. „In Sachsen-Anhalt wächst nur noch Magdeburg“, sagt Slupina, in Thüringen gelte das Gleiche für Weimar und Erfurt, in Brandenburg verliere alles, was weiter als 40 Kilometer von Berlin entfernt sei. Auch das Münchner Ifo-Institut weist auf einen zwar fast ausgeglichenen Wanderungssaldo zwischen Ost- und Westdeutschland hin. Die Altersstruktur sei aber weiter bedenklich, da es im Osten bei den jungen Erwerbsfähigen noch immer Wanderungsverluste gebe.

          Periphere Gegenden nennen Bevölkerungsforscher Regionen, in denen es immer einsamer wird. Prignitz und Uckermark in Brandenburg etwa, der Kyffhäuser Kreis in Thüringen, der Streifen zwischen Küste und Seenplatte in Mecklenburg-Vorpommern. Die Städte locken mit Universitäten und Arbeitsplätzen. „In der Wissensgesellschaft entstehen neue Stellen in den Städten“, sagt Slupina. Landflucht sei zwar kein neues Phänomen. Früher aber seien die Geburtenraten auf dem Land hoch genug gewesen, um die Verluste auszugleichen. „Jetzt sind sie genauso niedrig wie in der Stadt.“

          Eine niedrigere Hemmschwelle für die Einheimischen

          Baruth, 60 Kilometer südlich von Berlin, ist keines dieser idyllischen Bilderbuchdörfer, nach denen sich Großstadtmenschen sehnen, wenn sie im Feierabendstau leiden. Eigentlich ist es ohnehin eine Stadt, seit 1616 besitzt Baruth/Mark, so der offizielle Name, das Stadtrecht. Doch die 4.200 Einwohner verteilen sich auf zwölf Ortsteile und 230 Quadratkilometer, so dass jede Gemeinde für sich ein Dorf geblieben ist. Zu der Gruppe rund um die Wittkes – er Künstler, sie Kunsttherapeutin – gehören Landschaftsarchitekten und Kunstwissenschaftler, andere haben Geographie, Soziologie, Literatur oder IT als Hintergrund. Diese Leute wollte mehr von Baruth, als nur am Wochenende im Gras liegen und in den blauen Himmel schauen. Sie wollten sich mit dem auseinandersetzen, was sie auf dem Land vorfanden, etwas zurückgeben und dem Niedergang der Dörfer etwas entgegensetzen. Deshalb gründeten sie 2004 das Institut zur Entwicklung des Ländlichen Kulturraums (I-KU), gefördert unter anderem vom Land Brandenburg und der Kulturstiftung des Bundes. Die These der Gründer war: Die interessanten Dinge passieren auf dem Land. Über Projekte und Veranstaltungen wollten sie Wissen und Erfahrungen austauschen. Um Nachhaltigkeit, Regionalentwicklung, Kultur- und Energielandschaften sollte es gehen, um die Veränderung der ländlichen Räume. Das klingt zwar ein bisschen verkopft. Das erste Projekt dieser Raumpioniere aber war überaus handfest: 2006 pflanzten sie einen Weinberg, einen der nördlichsten in ganz Deutschland.

          Heute sind die Rebstöcke zwar immer noch zart, aber die ersten Jahrgänge des „Baruther Goldstaub“ wurden schon gekeltert. Raureif überzieht Gräser und Bäume, klirrend kalt ist es an diesem Tag. Die Idee für den Weinberg kam auf, weil die I-KU-Leute etwas mit einer niedrigeren Hemmschwelle für die lokale Bevölkerungen machen wollten, als Kunst sie gemeinhin hat. Aus Kultur und Landschaft wurde Kulturlandschaft und daraus der Weinberg. Hinzu kam, dass die Gegend schon einmal ein Weinanbaugebiet war – im Mittelalter. Also wurden erst 550 und dann noch mal 800 Rebstöcke gepflanzt, hinzu kam die Pflege, das Biegen und Binden der Ruten, das Bewässern. Der erste Wein, ein Cuvée aus den Rebsorten Helios, Solaris und Johanniter, erschien 2009 allen wie eine große Belohnung, ebenso das erste Weinbergfest, das inzwischen eine Institution in der Region ist. „Jetzt sind sie angekommen“, sagten die Einheimischen damals über die Kreativen.

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