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Länderbericht: Malta : Ein Konkurrent für Indien

Teils beschauliche Mittelmeerinsel, teils aufstrebendes Dienstleistungszentrum Bild: AFP

Der kleine Mittelmeerstaat Malta wird Anfang 2008 seinen schwierigen Weg nach Europa mit der Aufnahme in die Währungsunion krönen. Noch warten aber viele Malteser ungeduldig auf die Früchte ihrer Entscheidung für Europa.

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          Maltas Wirtschaft ist gut in Schwung gekommen. Dennoch zeigen sich viele Malteser eher unzufrieden. Dabei hat das reale Wachstum im ersten Quartal 2007 auf 3,5 Prozent zugelegt, nach einem Jahresplus von 2,9 Prozent für das Jahr 2006. Die Arbeitslosenquote lag zuletzt bei 6,8 Prozent, nach 7,3 Prozent im vergangenen Jahr. Damit ist Maltas Wirtschaft besser in das Jahr 2007 gestartet, als die Prognosen der Maltesischen Zentralbank vermuten ließen. Zudem zeigt sich nun in diesem Sommer auch die Tourismusbranche erfreut über volle Hotels, nachdem sie zuvor über zwei enttäuschende Jahre geklagt hatte. Dennoch sind die Malteser ungeduldig: „Wir sind in gewisser Weise auch ein Schwellenland“, sagt ein junger Erfolgsbanker, „und müssen doppelt so schnell wachsen wie bisher. Sonst brauchen wir 150 Jahre, bis wir zum Rest Europas aufschließen.“

          Tobias Piller

          Wirtschaftskorrespondent für Italien und Griechenland mit Sitz in Rom.

          Die Aufnahme Maltas in die Europäische Union 2004 hat große Erwartungen geweckt, bedeutet zunächst aber erst einmal eine neue Ausrichtung von Maltas Wirtschaft, mit einigen Lasten der Umgestaltung. Die turbulente Vorgeschichte des maltesischen EU-Beitritts stand dabei einer geduldigen und nüchternen Einschätzung im Weg: Der Eintritt Italiens in die Europäische Union war in Malta mehr als zehn Jahre lang umstritten gewesen, zwischen den neutralistischen, immer wieder nach Libyen blickenden Sozialisten der Labour Party auf der einen Seite und auf der anderen den Richtung Europa strebenden, christlich-demokratisch geprägten Nationalisten, die mit einer kurzen Unterbrechung seit 1987 regieren.

          Rosige Perspektiven ausgemalt

          Die Labour Party hatte schließlich während ihrer kurzen Regierungszeit von 1996 bis 1998 den EU-Aufnahmeantrag der Nationalisten zurückgezogen. Doch diese kehrten unerwartet schnell zurück an die Macht und setzten dann den Weg in Richtung EU fort. 2003 stimmten dann bei einer Volksabstimmung 53,6 Prozent der Wähler für den Beitritt. Wegen der traditionell knappen Mehrheiten in Malta hatten die am Ende siegreichen EU-Befürworter von der Nationalistischen Partei jedoch die europäischen Perspektiven in besonders rosigen Farben ausgemalt und damit immer größere Hoffnungen geschürt.

          Bild: F.A.Z.

          Für die älteren Malteser gibt es dabei viele Gründe für einen zufriedenen Rückblick. Denn in der kurzen Geschichte seit der Unabhängigkeit 1964 hat die Republik Malta viel erreicht. „Das ist wie ein Wunder“, sagt der frühere Staatspräsident Guido de Marco. Kaum selbständig geworden, mussten die Malteser noch Hungerjahre erleben. Früher ein Marinestützpunkt der Briten zur Absicherung der Routen nach Suez und Indien, während des Zweiten Weltkriegs von deutschen Bomben weitgehend zerstört, hatte Malta nach der Unabhängigkeit Indiens und nach dem Verlust der Herrschaft über den Suezkanal seine militärische Bedeutung verloren.

          In den 70ern war Malta Billiglohnland

          Die Republik mit den beiden steinigen Inseln Malta und Gozo, ohne Bodenschätze, hat eine neue Rolle gefunden, im Tourismus, aber auch als Produktionsstandort für mittelständische Unternehmen. In den siebziger Jahren diente Malta als Billiglohnland für europäische Unternehmen, denen die Regierung kostenlos Fabrikhallen zur Verfügung stellte. Als Kontrast zur Situation vor wenigen Jahrzehnten gibt es heute zahlreiche Wohlstandsindikatoren für die rund 400.000 Einwohner, etwa die Zahl von 353.000 Mobilfunkverträgen oder die 276.000 Fahrzeuge auf den zwei Inseln mit 316 Quadratkilometer, einer Fläche wie das Stadtgebiet von München.

          Die junge Wählergeneration hat aber nun den Wohlstandsunterschied zu Kerneuropa vor Augen. Der ist zwar bei weitem nicht so groß wie für andere neue Mitgliedsländer der EU, etwa Polen mit einem Pro-Kopf-Einkommen von 50 Prozent des europäischen Durchschnitts oder Bulgarien mit 32 Prozent. Doch die Labour-Opposition merkt süffisant an, dass Malta innerhalb des Europa der 25 zurückgefallen sei, von 79 Prozent des durchschnittlichen Pro-Kopf-Einkommens im Jahr 2000 auf nur noch 69 Prozent 2005.

          Lebensqualität als Standortvorteil

          In diesen Jahren hat die Inselrepublik jedoch einen beachtlichen Strukturwandel bewältigt. Längst sind Bekleidungs- oder Schuhfabriken nach China oder Rumänien abgewandert. Die Öffnung des heimischen Marktes kostete Tausende Arbeitsplätze in der bisher von Zöllen geschützten Möbelbranche. Malta stellt nun nicht mehr günstige Löhne, sondern andere Standortvorteile in den Mittelpunkt: die englische Landessprache, aber auch die Lebensqualität, die schon manchen deutschen Mittelständler verleitet hat, sich eine Fertigungsstätte dort zuzulegen, wo sich der Fabrikbesuch auch mit einem Wochenende am Meer verbinden lässt.

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