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Ladenschluss : Gönnt dem Sonntag seine Ruhe

Einfach mal ausspannen: So sollte ein Sonntag sein. Bild: dpa

Der Sonntag ist ein ganz besonderer Tag – und Brötchen vom Bäcker gehören dazu. Das bedeutet aber noch lange nicht, dass auch andere Läden öffnen sollten.

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          Sonntag ist Brötchen-Tag – und das im ganzen Land. Es mag etwas anachronistisch wirken, diese Nachricht als Neuigkeit zu verkünden, während Sie womöglich gerade die Sonntagszeitung bei einem opulenten Frühstück mit ebensolchen Brötchen lesen. Ist es aber nicht. Die Nachricht ist brandheiß, gerade ein paar Tage alt. In die Welt gesetzt hat sie der Bundesgerichtshof, also jenes höchste deutsche Zivilgericht, das im Leben der Verbraucher schon so manche Fehlentwicklung geradegerückt hat.

          Bäckereien dürfen nun am Sonntag den ganzen Tag über Brötchen verkaufen und sind nicht an die engen Grenzen des Ladenschlussgesetzes gebunden, die von Bundesland zu Bundesland übrigens höchst verschieden sind. Jedenfalls sind sie es dann nicht, wenn sie noch einige Tische und Stühle in ihrem Verkaufsraum unterbringen und damit vorgaukeln können, dass sie in Wahrheit ein Café mit angeschlossener Ladentheke sind. Dafür gelten liberalere Regeln. Und sollten Zweifel aufkommen, ab wann diese bahnbrechende Neuerung Wirkung entfaltet, lohnt es sich ausnahmsweise einmal, Günter Schabowski zu zitieren: „Nach meiner Kenntnis gilt das sofort, unverzüglich.“ Das ist der Vorteil von höchstrichterlicher Rechtsprechung.

          Das lenkt den Blick auf eine der leidenschaftlichsten Kulturdebatten der Deutschen, die immer wieder hochkocht, selbst wenn gewichtigere Dinge anstehen, das Brexit-Chaos zum Beispiel. Die zentrale Frage dieser Kulturdebatte ist: Wie heilig ist uns der Sonntag?

          Strikte Sonntagsruhe 

          Diese Frage war in der Tat einmal rein religiös gemeint, der freie Sonntag geht schließlich auf die christliche Tradition Deutschlands zurück. Die Kirchen haben den Gottesbefehl, am siebten Tag für Ruhe zu sorgen, schon seit je vehement verteidigt, auch um für das notwendige Publikum in der Messe zu sorgen. In Deutschland waren sie damit besonders erfolgreich, die Angelsachsen etwa sind weniger dogmatisch. Zumindest was den Kommerz angeht, gleicht dort jeder Tag der Woche dem anderen – mit der Folge, dass sich auch der Arbeitstakt vieler Menschen ändert: In den Supermärkten und Elektroläden muss schließlich irgendjemand diese Wochenendkunden bedienen.

          Dieser pragmatische Ansatz findet viele Anhänger. So mancher fühlt sich allzu stark in seiner privaten Lebensführung gegängelt, wenn er am Sonntag auf andere Freizeitaktivitäten ausweichen muss als das Shoppen. Aber interessanterweise stirbt die Frage nach der Heiligkeit des Sonntags auch in Zeiten massenhafter Kirchenaustritte nicht aus. Oder anders ausgedrückt: Man muss nicht an Gott glauben, um zu wünschen, dass das Tempo an einem Tag in der Woche gedrosselt wird.

          Zu viele Ausnahmen sind gefährlich 

          Dabei wird die gute alte Sonntagsruhe ohnehin schon in vielerlei Hinsicht gestört. Das Bäckerhandwerk jubelte nach dem Karlsruher Richterspruch auch deshalb so laut, weil ihm die sonntägliche Betriebsamkeit an Tankstellen und in bahnhofsnahen Supermärkten ein Dorn im Auge ist. Dort werden Brötchen mit dem fadenscheinigen Argument feilgeboten, sie seien notwendiger Reisebedarf.

          Brötchen in einer Münchner Bäckerei: Das Bäckerhandwerk jubelte vor allem über das Urteil, weil andere am Sonntag öffnen dürfen.

          Auch das ist eine Wahrheit, die oft unter der Ladentheke verborgen bleibt: Es ist vor allem der Wettbewerbsdruck, der die Bäckereien in den Sonntagsverkauf drängt. Er dehnt sich naturgemäß aus. Jede Ausnahme, die geschaffen wird, liefert eine Begründungshilfe für neue Ausnahmen. Die Politik hat das erkannt und schreitet jetzt stärker bei offensichtlichen Verstößen gegen das Ladenschlussgesetz ein. Dabei bekommt sie von Seiten der Gerichte oft Schützenhilfe.

          Bei der Semmel war das diesmal anders. Ihr kam zugute, dass sie ein vergängliches Produkt ist: Einmal in den Ofen geschoben, hält sie allenfalls einige Stunden. Noch dazu ist der Sonntag wie geschaffen für sie: Es ist der einzige Tag in der Woche, in der die Menschen Zeit haben, ein wenig länger miteinander am Frühstückstisch zu verweilen. Das allerdings liegt nur daran, dass der Sonntag gerade kein Tag wie alle anderen ist. Und das sollte auch so bleiben.

          Corinna Budras

          Redakteurin in der Wirtschaft und für Frankfurter Allgemeine Einspruch.

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