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F.A.Z. exklusiv : Laborärzte warnen vor Selbsttests

Covid-19-Antigen-Schnelltest in der Schweiz Bild: dpa

Die deutschen Laborärzte warnen: Corona-Tests seien nichts für Laien – und die Gefahren durch falsche Anwendungen und Ergebnisse größer als der Nutzen.

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          Die deutschen Laborärzte sehen die von Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) geplante Ausweitung von Schnell- und Selbsttests kritisch. „Wir warnen vor Schnelltests, die Gefahr ist größer als der Nutzen“, sagte der Vorsitzende des Berufsverbands der Deutschen Laborärzte BDL, Andreas Bobrowski, der F.A.Z. Besser wäre es, mehr PCR-Tests ins Labor zu schicken. Derzeit werde nur die Hälfte der Kapazität von zwei Millionen PCR-Tests in der Woche genutzt.

          Christian Geinitz
          Wirtschaftskorrespondent in Berlin

          Neben der geringeren Aussagekraft von Schnelltests sei das größte Problem die unzulängliche Probenentnahme durch nicht ausreichend geschultes Personal. Die Weltgesundheitsorganisation WHO empfehle zurecht die Entnahme tief in der Nase und im Rachenraum. „Das kann man nicht in ein, zwei Stunden lernen“, sagte Bobrowski. „Am besten macht man das in Arztpraxen sonst kann das Ergebnis schnell falsch sein.“

          Die Ausweitung auf Apotheken könne schwierig werden, da sie ihren Kunden nicht wehtun wollten, um sie nicht zu verlieren: „Leider gilt: Beim Nasenabstrich müssen einem die Tränen kommen, im Rachen muss der Würgereiz ausgelöst werden.“

          Dadurch verliere man den Überblick

          Aus dem gleichen Grund lehnt Bobrowski die geplanten Selbsttest für Zuhause ab. „Niemand will sich selbst wehtun oder den Kindern am Frühstückstisch vor der Schule. Aber die Bequemlichkeit können wir uns nicht leisten, wenn wir die Pandemie in den Griff bekommen wollen.“ Über die in der Zulassung befindlichen Gurgeltests sei noch zu wenig bekannt. Es bestehe die Gefahr, dass schon der Genuss von Kaffee oder Pfefferminzbonbons das Ergebnis verfälsche. Außerdem müsse das Ausspucken bei guter Lüftung und mit Abstand erfolgen, da es den Aerosolausstoß geradezu provoziere.

          Eine weitere Schwierigkeit sehen die Laborärzte darin, dass positive Selbsttestergebnisse nicht an die Gesundheitsämter gemeldet werden könnten und dass die Quarantäne ausbleibe. Dadurch verliere man den Überblick über das Infektionsgeschehen. Der Vorwurf, die Laborärzte fürchteten um ihr Geschäft, sei falsch. Nicht zuletzt deshalb, weil mehr positive Schnelltest auch mehr PCR-Tests im Labor nach sich zögen.

          „Wichtig, dass der Preis nicht plötzlich nach unten geschraubt wird“

          Spahn hatte am Dienstag angekündigt, jedem Bürger kostenfrei Zugang zu Antigen-Schnelltestungen zu ermöglichen. Im nächsten Schritt sollen auch Laien-Selbsttests in Drogerien, Supermärkten oder im Internet frei erhältlich sein. Die Hersteller sind auf diese Produktionsausweitung vorbereitet. Schon jetzt liefern sie 30 bis 50 Millionen Schnelltests im Monat aus. „Da kommen dann noch ein paar Millionen dazu, das schaffen wir“, sagte der Geschäftsführer des Verbands der Diagnostica-Industrie VDGH, Martin Walger, der F.A.Z.

          Das Hochfahren der Produktion sei unproblematisch, frühere Engpässe – etwa in der Belieferung von Pflegeheimen – seien auf Distributionsschwierigkeiten zurückzuführen gewesen, die jetzt behoben seien. Unklar ist Walger zufolge noch der Zeitpunkt und der Umfang der Genehmigungen von Laien-Selbsttests durch das Bundesinstitut BFarm. Dort warten derzeit 30 Hersteller auf eine Sonderzulassung.

          Die Hersteller wählten diesen Weg, da die übliche Beantragung einer CE-Kennzeichnung über den Tüv oder über andere „benannte Stellen“ kompliziert sei und lange dauere. „Es macht aber keinen Sinn, wenn das BFarm dieselben Anforderungen stellt und genauso lange braucht“, kritisierte Walger. „Das Institut muss jetzt dringend den Turbo einschalten.“

          Mit der für einen Schnelltest vorgesehenen Vergütung von 9 Euro könne die Branche leben. Wichtig sei aber, dass die Regelung in die Testverordnung aufgenommen werde, „damit es Verlässlichkeit in der Vergütung gibt“, sagte Walger. „Und wichtig ist auch, dass der Preis nicht plötzlich nach unten geschraubt wird.“

          Deutschland hat sich in Rahmenverträgen zunächst 50 bis 60 Millionen Schnelltests im Monat gesichert. Bei 9 Euro je Test und weiteren 9 Euro für die Durchführung und für das Impfzeugnis betragen die Kosten also mindestens 900 Millionen Euro im Monat. Davon sollen Selbstanwender einen Euro je Test aufbringen. Der Rest stammt aus dem Bundeshaushalt, wobei sich Finanzminister Olaf Scholz (SPD) für diese Kostenübernahme schon offen gezeigt haben soll.

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