https://www.faz.net/-gqe-11cqe

: Kurzarbeit lohnt sich für die Arbeiter

  • Aktualisiert am

Daimler in Sindelfingen, das größte Mercedes-Werk, machte am Montag den Auftakt. 20 000 Mitarbeiter des Stammwerks werden nach den verlängerten Werksferien direkt in die Kurzarbeit gehen, kündigte das Unternehmen an.

          2 Min.

          Daimler in Sindelfingen, das größte Mercedes-Werk, machte am Montag den Auftakt. 20 000 Mitarbeiter des Stammwerks werden nach den verlängerten Werksferien direkt in die Kurzarbeit gehen, kündigte das Unternehmen an. Darauf hatte es sich mit dem Betriebsrat geeinigt. Insgesamt schickt Daimler wegen der Absatzkrise gut 30 000 Menschen in Kurzarbeit. Nach dieser Nachricht ging es Schlag auf Schlag: Opel, Bosch, Rheinmetall, Continental, Kali und Salz, der Chiphersteller Infineon, alle haben Kurzarbeit angekündigt. Am Freitag folgten der Bayer-Konzern, der Entsprechendes für sein stark eingebrochenes Kunststoffgeschäft plant, und der Stahlriese Thyssen-Krupp.

          Die Liste der Unternehmen, die Anfang 2009 kurzarbeiten, liest wie sich das "Who is who" der deutschen Industrie. Der Präsident des Arbeitgeberverbands Gesamtmetall, Martin Kannegiesser, spricht mit Blick auf die rapide wegbrechenden Aufträge schon von einem "Tsunami", der die Industrie ereilt hat: "In manchen Branchen ist der Eimer leer, dort sind die Auftragsbestände abgearbeitet."

          Die Agenturen für Arbeit kommen kaum noch nach, die vielen Anträge auf Kurzarbeit in ihre Zentrale zu melden. Der Chef der Bundesagentur, Frank-Jürgen Weise, hat deswegen bis jetzt keine aktuellen Zahlen vorliegen. Doch: "Das entwickelt sich schneller als erwartet", sagt er. Mit rund 200 000 Kurzarbeitern haben die Arbeitsmarktforscher der BA bislang gerechnet, dabei wird es Anfang 2009 bestimmt nicht bleiben.

          Mit Kurzarbeit reagieren die Betriebe auf den rapiden Wirtschaftseinbruch der letzten Wochen. Anders als im letzten Konjunkturabschwung wollen viele Unternehmen ihre Stammbelegschaft dieses Mal so lang wie möglich halten. 250 000 neue Arbeitsplätze sind im Aufschwung zum Beispiel in der Metall- und Elektroindustrie neu geschaffen worden. "Möglichst viele davon gilt es jetzt über die Krise zu retten", sagt Kannegiesser. Das tun die Unternehmen nicht aus Menschenfreundlichkeit, sondern weil sie schlechte Erfahrungen gemacht haben. Im letzten Abschwung haben sie relativ schnell entlassen. Im Aufschwung fehlten ihnen dann die qualifizierten Mitarbeiter.

          Deswegen reagieren viele Unternehmen auf die wegbrechenden Aufträge jetzt erst einmal, indem sie die Arbeitszeitkonten der Arbeiter und Angestellten tief ins Minus gehen ließen. Doch dieses Mittel ist in vielen Betrieben schon ausgereizt. "Nachdem die Freischichtkonten weitgehend aufgebraucht sind, sind weitere Programmreduzierungen ab Januar 2009 nur mit Kurzarbeit zu bewältigen", sagte der Betriebsratsvorsitzende des Daimler-Werks in Untertürkheim, Helmut Lense.

          Die Alternative zur Kurzarbeit heißt Arbeitszeitverkürzung. Gewerkschaften und Arbeitgeber haben das für Krisenzeiten in Tarifverträgen vereinbart. In der Metall- und Elektroindustrie wäre damit zum Beispiel eine Kürzung von 35 auf 29 Stunden Wochenarbeitszeit möglich.

          Die Arbeitnehmer mögen das nicht. Denn sie bekommen dann weniger Gehalt. Bei der Kurzarbeit wird ihnen dagegen ein Teil des Gehaltsverzichts ersetzt - bei Beschäftigten mit mindestens einem Kind legt die Arbeitsagentur 67 Prozent der Differenz zum normalen Bruttoentgelt drauf, bei allen anderen 60 Prozent. Der zweite, nach Ansicht vieler Betriebsräte gravierendere Nachteil der Arbeitszeitverkürzung: Wenn doch der Weg in die Arbeitslosigkeit kommt, berechnen die Arbeitsagenturen das Arbeitslosengeld auf der Grundlage des gekürzten Gehalts. Bei Arbeitnehmern, die aus der Kurzarbeit kommen, orientiert sich das Arbeitslosengeld dagegen am Gehalt vor der Kurzarbeit. "Das ist auf Dauer nicht tragbar und erschwert es den Unternehmen, flexibel auf die Krise zu reagieren", sagt Kannegiesser.

          Mit Kurzarbeit wollen die Unternehmen jetzt vor allem das erste Quartal 2009 überbrücken. Doch niemand weiß, wie lange die Krise dauern wird. "Unsere Kunden planen auf Sicht", sagt der Chef des drittgrößten deutschen Automobilzulieferers ZF Friedrichshafen, Hans-Georg Härter, der derzeit noch keine Kurzarbeit plant. Das erste Halbjahr 2009 ließe sich mit Kurzarbeit überbrücken. Gefährlich wird es, wenn sich danach keine Wende abzeichnet. Dann werden viele Betriebe doch entlassen müssen. BA-Chef Weise baut schon einmal vor. Ein Anstieg der Arbeitslosigkeit auf knapp unter vier Millionen sei 2009 in einem "besonders schlechten Monat" durchaus möglich, sagt er.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Frankfurt am Main : Stadt der Türme

          Nicht nur den Banken hat Frankfurt seine in Deutschland einzigartige Skyline zu verdanken. Auch Gewerkschaften und Seifenfabrikanten bauten schon Hochhäuser. Wir zeigen die größten und schönsten.

          Bei Vortrag angegriffen : Weizsäcker-Sohn in Klinik getötet

          Fritz von Weizsäcker, Sohn des früheren Bundespräsidenten, ist von einem Angreifer in Berlin bei einem Vortrag erstochen worden. Der Täter wurde festgenommen, über sein Motiv besteht noch Unklarheit.
          Derzeit besonders im Blickpunkt, aber schweigsam: Frankfurts Oberbürgermeister Peter Feldmann mit seiner Frau Zübeyde

          Vorwürfe gegen Feldmann : Die Stille nach dem Knall

          Die Frau des Frankfurter Rathauschefs Peter Feldmann soll als Kita-Leiterin außer einem Dienstwagen auch ein erhöhtes Gehalt beziehen. Eine politische Affäre wird daraus, falls Feldmann Einfluss genommen hat.
          Trotz geringer Einwohnerzahl: Mit mehr als einer Billion Dollar ist der norwegische Staatsfonds der größte der Welt.

          Staatsfonds in Deutschland : Schaut nach Norwegen

          Deutschland altert, das Rentensystem stößt an seine Grenzen. Kommt als Lösung nun ein deutscher Staatsfonds? Klarheit könnte der anstehende CDU-Parteitag bringen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.