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Corona-Krise in Amerika : Kurvendiskussion mit dem Weißen Haus

Kevin Hassett leitete ein Wirtschaftsberater-Gremium des amerikanischen Präsidenten. Bild: Reuters

Donald Trumps Berater konstruieren eine superoptimistische Pandemie-Grafik. Die Kritik folgt prompt.

          2 Min.

          Der Ökonom Kevin Hassett hat für das Council of Economic Advisors CEA im Weißen Haus eine Pandemie-Grafik gefertigt, die bemerkenswert optimistisch scheint. Sie lässt die Toten binnen der nächsten zehn Tage verschwinden.

          Winand von Petersdorff-Campen

          Wirtschaftskorrespondent in Washington.

          Diese Grafik  hat zum offenen Bruch zwischen renommierten Ökonomen und dem Beratungsgremium des amerikanischen Präsidenten Donald Trump geführt. Jason Furman, unter Barack Obama Chef des Councils, sprach von einem Tiefpunkt in der 74 Jahre währenden Geschichte des  Beratungsgremiums. Er nannte Hassetts Grafik einen komplett oberflächlichen und in die falsche Richtung weisenden Versuch, die Pandemie-Entwicklung zu modellieren. Kritik kam auch von anderen bekannten Ökonomen wie Justin Wolfers, Claudia Sahm und Ernie Tedesci. 

          Gerade Furmans Kritik ist in dieser Schärfe ungewöhnlich. Er hatte Hassetts Bestellung zum Chef des CEA begrüßt, seine Leistungen gewürdigt und verbale Attacken gegen die Präsidentenberater vermieden. Der Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman, der Hassetts Grafik in  New York Times attackiert hatte, war da weniger zurückhaltend. Er hatte Hassett stets als Leichtgewicht angesehen und immer wieder genüsslich an ein frühes Buch des Ökonomen erinnert, in dem dieser den Dow Jones auf 36.000 Punkten springen sah.    

          Die Reaktion aus dem Weißen Haus ließ nicht lange auf sich warten: Der kommissarische Chef des CEA, Tomas Philipson, konterte, Harvard-Professor Furman habe ohnehin nie große wissenschaftlichen Leistungen vorzuweisen. Das zeige sich in seiner Kritik, in der er modelbasierte Projektionen mit Methoden der Datenglättung verwechsele. Anders ausgedrückt: Die Ökonomen im Weißen Haus behaupten, es handele sich bei der Grafik nicht um eine Vorhersage.

          Kevin Hassetts Graphik zeigt allerdings Pandemie-Tote pro Tag im Zeitverlauf und darüber eine Kurve, die zeigt, dass die Zahl der Menschen, die an Covid-19 sterben, bis zum 16. Mai auf null sinkt. Die realen Todeszahlen schwanken stark von Tag zu Tag. Für den 6. Mai gab Ourworldindata.org 2144 Tote an, in den Tagen davor waren jeweils um die 1300 Tote pro Tag registriert worden.

          Hassetts Kurve soll den realen Todeszahlen so nahe wie möglich kommen. Er hatte dafür eine sogenannte kubische Funktion genommen und fortgeschrieben. Die Fortschreibung suggeriert fälschlicherweise, dass die kubische Funktion eine Vorhersagekraft hat. Das haben Experten heftig kritisiert.

          Tatsächlich führen täglich neue Daten zu täglich neuen kubischen Funktionen, die auch deutliche Zunahmen bei den Todesfällen zeigen  können. Der Verdacht der Kritiker lautet nun, Hassett hat die Grafik an einem Tag veröffentlicht, an dem die suggerierte Aussage besonders gut zu den politischen Zielen Trumps passt: Der Präsident will die amerikanische Wirtschaft wieder öffnen, obwohl in den meisten Teilen des Landes die Infektionszahlen steigen.

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