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Kunstmarkt : „Investieren in Kunst ist vollkommener Unsinn“

  • Aktualisiert am

„Neo Rauch hat die Malerei wieder ins Gespräch gebracht” Bild: AP

Der Galerist Gerd Harry Lybke begann als Aktmodell für Maler. Heute ist er einer der erfolgreichsten Galeristen Deutschlands. Im Interview spricht er über den Irrtum der Spekulanten, die Langmut der Sammler und die teure deutsche Malerei.

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          Der Galerist Gerd Harry Lybke begann als Aktmodell für Maler. Heute ist er einer der erfolgreichsten Galeristen Deutschlands. Im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung spricht er über den Irrtum der Spekulanten, die Langmut der Sammler und warum deutsche Malerei so teuer ist.

          Herr Lybke, Sammler reißen sich um junge Maler aus Deutschland. Freuen Sie sich über sechsstellige Preise?

          Als Galerist kann ich mich über die Preisexplosion gar nicht freuen. Die Leute reden immer über die Preise auf Auktionen - aber die sind ja nicht normal. Auf einer Auktion werden 300 Prozent mehr gezahlt als in meiner Galerie. Dort bleibt es dabei, daß ich die Preise nicht ausreize.

          Hochdotierte Maler der Leipziger Schule: Matthias Weischer
          Hochdotierte Maler der Leipziger Schule: Matthias Weischer : Bild: dpa/dpaweb

          Wäre das nicht verlockend?

          Ich verabscheue das Geld nicht. Aber ich weiß: Versteigerungen sind Grenzsituationen. Mehr als fünf Leute sind nicht bereit und in der Lage, einen Spitzenpreis zu zahlen. Wenn ich diesen Preis auch in der Galerie fordern würde, würde ich mich abhängig machen von fünf Leuten auf der Welt. Da bleibe ich mit dem Preis lieber so weit darunter, daß ich 600 oder 900 Mitspieler habe.

          Mit Matthias Weischer, Tim Eitel und David Schnell vertreten Sie hochdotierte Maler. Wann haben Sie die Leipziger Schule entdeckt?

          Vor vier Jahren haben wir begonnen, gemeinsam zu arbeiten, da kannte ich die drei schon zehn Jahre und wußte ungefähr, wie sie ticken. Da haben sie Bilder noch für dreitausend Euro an Kumpels verkauft, die heute auf Versteigerungen für 300.000 Euro weggehen.

          Warum gerade Malerei?

          Nach Video und Fotografie entstand eine Leerstelle. Keiner wußte, wie die zu füllen ist - bis klar war: Es gibt eine große Sehnsucht nach Malerei. Neo Rauch hat die Malerei weltweit wieder ins Gespräch gebracht.

          Läßt sich der Erfolg wiederholen?

          Das läßt sich in der Malerei so schnell nicht wiederholen. Da ist erst mal Schluß.

          Aber die Jagd auf Talente hat doch gerade erst begonnen!

          Es stimmt: Die Leute rammeln los und versuchen Künstler im dritten oder vierten Studienjahr zu finden, die wirklich gut sind. Das klappt natürlich nicht. Die haben noch gar keine Fehler gemacht. Und ohne Fehler zu machen, kann man nicht wissen, wer man ist. Da braucht es ein bißchen mehr Zeit.

          Warum warten? Die Goldgräberstimmung herrscht jetzt. Wer weiß, ob sich in fünf Jahren noch jemand für Malerei interessiert?

          Man kann natürlich niemandem sagen: Grabe das Gold nicht ab, wenn du es findest! Die Frage ist nur: Ist der Künstler so blöd, da mitzumachen?

          Warum sollte er nicht?

          Vor 15 oder 20 Jahren war das noch anders: Da haben die gefragten Künstler angefangen zu produzieren wie wild. Das ist auf lange Sicht nicht verständlich. Da richtete sich vor 20 Jahren alle Aufmerksamkeit auf einen. Dann hat er plötzlich anstatt 20 Arbeiten 400 gemacht, hat die auch alle verkauft und viel Geld bekommen. Und das war's dann auch schon. Mehr ist nicht passiert. Wenn die Leute 50 geworden sind, sagt man: "Der war mal berühmt." Das ist doch traurig.

          Kunst und Kommerz vertragen sich also nicht?

          Das Statussymbol des Künstlers sind heutzutage nicht mehr dicke Autos oder drei Frauen. Wichtig ist es, im Diskurs zu sein. Die meisten Künstler, die ich vertrete, sind nicht auf kommerziellen Erfolg aus, sondern darauf, in der Kunstgeschichte Erfolg zu haben.

          Und das geht nur, wenn der Künstler arm ist?

          Das ist wahrscheinlich ein Klischee: Aber mir ist noch niemand begegnet, der nur Geld scheffeln will und trotzdem noch gute Kunst macht. Künstler wollen eigentlich alle unsterblich werden - sonst brauchen sie auch gar nicht erst anzutreten. Wenn man einmal im Staat der Künstler anerkannt ist, besitzt man ja einen gewissen Freibrief. Dann will man nicht mehr zurückgestuft werden ins Reich der Bauunternehmer, die nur Geld haben.

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