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Erweiterte Anzeige der Bafin : Kunden wenden sich von Wirecard ab

  • Aktualisiert am

An Ruhe ist im Wirecard-Konzern gerade nicht zu denken. Bild: EPA

Die Bafin verdächtigt Wirecard jetzt auch der Marktmanipulation. Nach der Verhaftung des früheren Konzernchefs Markus Braun, der inzwischen gegen Kaution frei ist, ziehen sich die ersten Geschäftspartner zurück.

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          Die Finanzaufsicht in Deutschland erweitert ihre Strafanzeige gegen das Unternehmen Wirecard. Eine Sprecherin der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin) teilte am späten Dienstagabend mit „Wir haben heute eine Nachtragsanzeige bei der Staatsanwaltschaft München I wegen des Verdachts der Marktmanipulation erstattet.“ Durch die Ad-hoc-Mitteilung vom Montag, in der Wirecard einräumte, dass die verschwundenen 1,9 Milliarden Euro mit „überwiegender Wahrscheinlichkeit“ gar nicht existent seien, habe sich der Verdacht der Marktmanipulation erhärtet. „Die Ad-hoc-Mitteilung der Wirecard AG vom 22. Juni 2020 verstärkt den Verdacht, dass die bilanzielle Darstellung zu Umsatzerlösen und Vermögensgegenständen in den Geschäftsberichten (zum Jahresende 2016, 2017 und 2018) unrichtig war“, erklärte die Sprecherin.

          Schon Anfang Juni hatte die Aufsicht Strafanzeige bei der Staatsanwaltschaft München gegen den gesamten damaligen Wirecard-Vorstand um den einstigen Konzernchef Braun erstattet. Damals ging es zunächst nur um mutmaßlich irreführende Aussagen in zwei Pflicht-Mitteilungen vom 12. März und 22. April. Die Behörde, die seit Anfang 2019 in Sachen Wirecard auch gegen den Konzern ermittelt, hatte ihre Untersuchung zu anderen Aspekten fortgeführt.

          Braun trennt sich von Anteilen

          Der Kurssturz der Wirecard-Aktie hat den am Freitag vom Vorstandsvorsitz zurückgetretenen Braun auch in seinem Privatvermögen hart getroffen. Der mit rund 7 Prozent der Anteile nun ehemals größte Aktionär, musste aufgrund sogenannter Margengeschäfte rund 5,5 Millionen seiner 8,7 Millionen Aktien für insgesamt rund 155 Millionen Euro verkaufen.

          Braun soll allerdings auch rund 4,2 Millionen Wirecard-Aktien  für einen Kredit über 150 Millionen Euro als Sicherheit hinterlegt haben. Diesen hatte er im Jahr 2017 bei der Deutschen Bank aufgenommen. Diese soll inzwischen allerdings nicht mehr Brauns Kreditgeber sein. Am Jahresende 2017 war das an den Kreditgeber verpfändete Aktienpaket noch 350 Millionen Euro wert gewesen. Am Dienstag schloss die zuletzt arg gebeutelte Aktie mit einem Kursanstieg um fast 19 Prozent auf 17,16 Euro. Im Februar 2020 stand sie noch bei 140 Euro.

          WIRECARD

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          Währenddessen wenden sich nach einem Bloomberg-Bericht die ersten Kunden und Geschäftspartner von Wirecard ab. In Singapur teilte der Fahrdienstleister Grab, der eine Partnerschaft mit Wirecard plante, auf Anfrage der Nachrichtenagentur mit, nicht mit der Integrationsvorbereitung nicht zu beginnen. Der französische Telekomkonzern Orange wird für seine Tochter Orange Bank informierten Kreisen zufolge in Kürze auf einen neuen Zahlungspartner umschwenken. Ein Orange-Sprecher lehnte eine Stellungnahme ab. Die Zusammenarbeit beider Firmen reicht mindestens bis 2013 zurück. Der niederländische Arm der Fluggesellschaft Air France-KLM prüft nach Angaben eines Sprechers die Lage. Die Londoner Onlinebank Revolut hat sich entschieden, Kunden auf einen anderen Anbieter umzustellen, um Probleme beim Service zu vermeiden, heißt es in dem Beitrag von Bloomberg.

          Hoher Vertrauensverlust

          Mindestens genauso dringend wie die Sicherung der Kundenbasis ist für den neuen Interims-Vorstandschef James Freis, die Zusammenarbeit mit den Kreditkarten-Anbietern zu sichern. Wirecard verfügt über Lizenzen von Mastercard, Visa und JCB International. Über sie gibt die Banksparte des Konzerns ihre Karten aus. Wenn Wirecard die verschollenen 1,9 Milliarden Euro nicht auffinden kann, könnten sich die Kreditkartenfirmen gezwungen sehen, die Lizenzen zu widerrufen, schreibt Bloomberg. Ein Wirecard-Sprecher lehnte eine Stellungnahme ab.

          Der ehemalige Wirecard-Chef Markus Braun auf der Hauptversammlung im  Juni 2019

          „Ob sie die Lizenzen von Visa und Mastercard halten können, ist die große Frage”, sagt Analyst Neil Campling von Mirabaud. „Ohne sie, haben sie kein Geschäft mehr.” Ein Sprecher von Mastercard erklärte, das Unternehmen verfolge die Entwicklung bei Wirecard, wollte sich zu den Gesprächen mit einzelnen Kunden aber nicht äußern. Aus dem Visa-Konzern hieß es, man beobachte weiterhin, was vor sich gehe. Wirecard hat nach Angaben seiner Internetseite mehr als 313.000 Firmen als Kunden. Der Zahlungsanbieter aus Aschheim bietet seine Dienste in 26 Ländern an.

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