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Technischer Fortschritt : Wo Künstliche Intelligenz zur Religion wird

Der humanoide Roboter Jia Jia ist eine Kreation der University of Science and Technology in China. Bild: AFP

Während Deutschland sein Wahlergebnis verarbeitet, hat das atheistische China zum Glauben gefunden: Schlaue Computer sollen alle Probleme des Landes lösen. Und mehr. Unsere nächste Regierung muss darauf reagieren.

          7 Min.

          Wenn Chinas bekanntester Unternehmer, der Gründer des Technologiekonzerns Alibaba Jack Ma, über Künstliche Intelligenz spricht, werden Erinnerungen wach an die ökonomischen Vorstellungen von Marx. In den nächsten 30 Jahren werde die Planwirtschaft ein Comeback erleben, sagt Ma. „Wenn wir Zugang zu allen Daten haben, finden wir die ,unsichtbare Hand des Marktes‘.“ Die Technik mache es möglich, die Marktkräfte „vorherzusagen und zu planen“, so Ma. Am Ende erlaube dies, „die Planwirtschaft zu verwirklichen“.

          Hendrik Ankenbrand
          Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Schanghai.

          Das klingt nicht nur esoterisch. Tatsächlich ist Künstliche Intelligenz in China zur Religion geworden. Sämtliche Probleme, die der rasante Aufstieg der Volksrepublik zur zweitgrößten Wirtschaft geschaffen hat, soll diese Technologie lösen. So prophezeien das die Eliten der Milliarden-Nation.

          KI-Fachleute wie Popstars

          Den 100 chinesischen Städten, die jeweils mehr als 1 Million Bewohner aufweisen, droht der Verkehrskollaps? Künstliche Intelligenz soll die Straßen von Staus befreien. Chinas Gesellschaft droht die Vergreisung? Roboter sollen die schwindenden Fabrikarbeiter ersetzen. Chinas Produktivität schwächelt, die Schulden türmen sich und die Luftverschmutzung nimmt weiter zu statt ab? Alles lösbar durch riesige Datenmengen, auf deren Grundlage selbstlernende Maschinen die perfekte Welt schaffen.

          So sieht es nicht nur die politische Führung. Jeder chinesischer Internetkonzern von Alibaba bis Tencent verfügt inzwischen über eine Abteilung für Künstliche Intelligenz. Deren Leiter wie etwa den ehemaligen Forschungschef des Suchmaschinenbetreibers Baidu, Andrew Ng, verehrt Chinas technikbegeisterte Mittelschicht wie Popstars. An der von Baidu für autonomes Fahren eingerichteten Plattform Apollo sind übrigens auch namhafte deutsche Unternehmen beteiligt wie Bosch, ZF Friedrichshafen und Continental.

          Der Automatisierung trauen selbst Privatunternehmer zu, jene Idee zu verwirklichen, an der Marx, Mao und Honecker gescheitert sind. „In der Vergangenheit haben viele gedacht, dass der Kommunismus nicht erreichbar ist“, sagt Liu Qiangdong, Gründer des Internethändlers JD.com, des nach Alibaba zweitgrößten chinesischen Internethändlers. Doch wenn Roboter anstelle von Menschen alle Arbeit verrichteten, könne die Regierung den Wohlstand verteilen. „Dann wird es keine Armen und keine Reichen mehr geben“, jubelt Liu und enteignet sich gedanklich schon mal selbst: „Alle Unternehmen werden verstaatlicht.“

          Machtinstrument für die Partei

          Dieser Satz schaffte es auf den Titel der Zeitung „Global Times“, eines Sprachrohrs von Chinas Kommunistischer Partei. Selbst haben die Kader Künstliche Intelligenz als Machtinstrument entdeckt. In der Provinz Sichuan soll die „Smart Red Cloud“ zwei Millionen Genossen überwachen. Der Computer errechnet von jedem Parteimitglied ein „Charakterbild“ und prognostiziert „künftiges“ Verhalten. Die Gesellschaft insgesamt will die Partei mit einem Punkteregime kontrollieren, das mit Hilfe Künstlicher Intelligenz nicht nur jene bestraft, die ihren Bankkredit nicht bedienen. Sondern auch alle, die ihre Eltern nicht oft genug besuchen, so wie es derzeit die Behörden in Schanghai erproben.

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