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Technischer Fortschritt : Wo Künstliche Intelligenz zur Religion wird

Richten soll dies die Künstliche Intelligenz. Schließlich seien die selbstdenkenden Roboter der Zukunft, hoffen viele chinesische Unternehmer, schneller und schlauer als die Wanderarbeiter. Diese religiöse Hoffnung, sagte im März ein Podiumsteilnehmer auf dem „Automation Development Summit“ im südchinesischen Guangzhou, erinnere ihn an den Berkeley-Philosophen Hubert L. Dreyfus. Dieser hatte im Jahr 1985 geschrieben, die Vorstellung, Fortschritte auf dem Weg zur Entwicklung intelligenter Maschinen zu machen, sei „wie der Glaube, dass jemand, der einen Baum hochklettert, Fortschritt auf dem Weg macht, den Mond anzufassen“.

„Roboter-Revolution“

Der Redner, nichtchinesischer Herkunft, ist Mitarbeiter von Huawei, dem innovativsten chinesischen Technik-Konzerns. Es gibt kaum eine chinesische Provinzregierung, die kein „Internationales Forum über das industrielle Internet“ ausrichtet. So schnell jagt eine Roboter-Konferenz die andere, dass sich auf den Einladungsschreiben schon mal noch der Blindtext des Power-Point-Programms befindet.

Bevor Chinas Ministerpräsident Li Keqiang nach Deutschland reist, ist den Pekinger Diplomaten kaum etwas so wichtig wie jener Teil in der Abschlusserklärung des Staatsbesuchs, in dem der Automation unter dem Schlagwort „Industrie 4.0“ das Wort geredet wird. Doch in den Fabriken in China, so berichten es die deutschen Hersteller, stünden die intelligenten Produktionslinien dann einsam in den Hallen herum und würden nicht in die Wertschöpfungskette integriert.

Die Staatspresse jubelt

Während sich aus den Datenmassen, die Internethändler wie Alibaba generieren, relativ einfach intelligente Programme entwickeln lassen, erfordert der Einsatz von Künstlicher Intelligenz in Fabriken oft individuelle Lösungen und ist dementsprechend kompliziert. Jeder zweite Roboter soll in drei Jahren von chinesischen Herstellern sein, so sieht es die „Roboter-Revolution“ vor, die Chinas Präsident Xi Jinping ausgerufen hat. Doch noch heute stammen geschätzt 70 Prozent aller in chinesischen Robotern verbauten Steuerungen aus dem Ausland. „Man kann keine industrielle Künstliche Intelligenz entwickeln, wenn man nicht die Grundlagen beherrscht“, sagt Berater Stieler.

Ihren Glauben an die Roboterzukunft lässt sich Chinas Führung jedoch nicht nehmen. Nicht weniger als eine Weltsensation hatte Pekings amtliche Nachrichtenagentur Xinhua angekündigt, als im April die von heimischen Forschern in drei Jahren entwickelte Roboterdame Jia Jia ihr erstes Interview geben sollte. Übertragen wurde es auf Englisch im Internet auf der ganzen Welt. Die Kader waren offensichtlich guter Dinge. Aus der Universität in Hefei hatten sie eine Verbindung ins Silicon Valley aufgebaut. Die Fragen an Jia Jia sollte Kevin Kelly stellen, Gründer des Technikdiensts „Wired“. Über den Roboter in Gestalt einer chinesischen Schönheit zeigte sich die Staatspresse am Ende zufrieden.

Der Rest der Zuschauer war hingegen entsetzt. Wie viele Buchstaben das englische Alphabet enthalte, wusste Jia Jia nicht. Und auf die Frage, wo sich geographisch die Chinesische Mauer befinde, lautete die Antwort nonchalant, diese stehe „in China“.

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