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Technischer Fortschritt : Wo Künstliche Intelligenz zur Religion wird

Alibaba weiter als Amazon

Wenn es darum geht, seine Kunden zu verstehen, ist der chinesische Internethändler Alibaba schon weiter als der amerikanische Konzern Amazon. Über Websites und Apps sammelt das Unternehmen von Jack Ma Daten über Einkaufsverhalten, Medienkonsum, Logistikbedürfnisse, Zahlungs- und Kredithistorie, Suchpräferenzen, die Nutzung sozialer Netzwerke und über Schlagwörter in Suchmaschinen. Von mehr als einer halbe Milliarde aktiver Nutzer pro Monat errechnet Alibaba mehr als 8000 Kennwerte. Anstatt wie Amazon Vorschläge anhand von Bestellungen aus der Vergangenheit zu unterbreiten, schiebt Alibaba seine Kunden auch zu Marken und Produkten, die diese noch gar nicht kennen.

Auch den Finanzbereich soll Künstliche Intelligenz aufrollen. „Mojie“ heißt eine App der China Merchants Bank, die anstelle des Bankberaters das Geld der Nutzer anlegt. Aktien kauft und verkauft sie nach eigenem Ermessen. Nutzer haben in den Dienst bis heute 5 Milliarden Yuan eingezahlt. Das sind 636 Millionen Euro, womit die App der größte Finanzroboter Chinas ist.

2,6 Milliarden Dollar flossen im vergangenen Jahr nach Angaben des Forschungsinstituts Wuzhen in chinesische KI-Firmen. Damit liegt China vor Großbritannien an zweiter Stelle, aber abgeschlagen hinter den Vereinigten Staaten, wo während dieser Zeit mit 17,9 Milliarden Dollar fast sieben Mal so viel in die Branche investiert wurde. Allerdings dürfte diese in China mit einer prognostizierten Rate von jährlich 50 Prozent sehr viel schneller wachsen. Und schon zeigen sich womöglich erste Übertreibungen. „Ungerecht hoch“ seien die Gehälter, die in der Industrie für KI-Wissenschaftler gezahlt würden, sagt etwa Wang Xiaochuan vom Internetunternehmen Sogou. Die Investoren, die ihr Geld im unbeirrbaren Glauben an die bevorstehende Revolution in die Unternehmen gesteckt hätten, erwarteten zu hohe Renditen. Im Vergleich zu Amerikas Wettbewerbern seien Chinas KI-Start-ups „viel teurer“.

Schon heute ist China der größte Robotermarkt der Welt. Dass der südchinesische Haushaltswarenhersteller Midea den Augsburger Roboterhersteller Kuka gekauft hat, ist Ausdruck eines Dilemmas, das aus Jahrzehnten sozialistischer Fehlplanung entstanden ist: Weil wegen der Ein-Kind-Politik das Arbeitskräfteangebot sinkt und die Gehälter gleichzeitig schnell steigen, müssten Chinas Fabriken eigentlich mehr Leistung aus jedem Arbeiter herausholen, damit Einkommen und Wachstum nicht sinken. Das Gegenteil aber ist der Fall. Ein chinesischer Arbeiter schaffe nur ein Fünftel der Leistung eines Arbeiters in Amerika, schätzt das Forschungsinstitut Conference Board. In Indien liege der Produktivitätswert nur ein paar Prozentpunkte unter dem Chinas.

Eine große Schwäche des fertigenden Sektors in China sei der Mangel an Qualität, hat der Schanghaier Industrieberater Georg Stieler auf seinen Reisen beobachtet. In den drei Jahrzehnten des Aufstiegs habe es vor allem immer schnell und günstig gehen müssen. „Doch ein Produkt von vorne bis hinten zu durchdenken, bis es tatsächlich perfekt ist, und das dann in den Produktionsprozess zu übertragen, ist kulturell in China kaum angelegt.“

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