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Technischer Fortschritt : Wo Künstliche Intelligenz zur Religion wird

Das klingt eher nach Wahn als Vision. Tatsächlich liegen in Chinas Traum von der Künstlichen Intelligenz wie bei jeder Psychose Glück und Angst dicht nebeneinander. Die Chance, welche diese Technik dem Land bietet, betrachtet die Führung auch als Gefahr. Und es sind nicht nur die fünf Millionen Arbeitsplätze, die Chinas Präsident Xi Jinping in seiner Rede auf dem Hamburger G-20-Gipfel im Juli als von der Automatisierung bedroht beschwor. Mehr noch fürchtet China, etwas zu verpassen. Bis heute leidet die Nation unter dem Trauma, dass das Kaiserreich mit Beginn des 19. Jahrhunderts von der führenden Volkswirtschaft der Welt zur rückständigen Agrargesellschaft mit geschätzt 45 Millionen Hungertoten herabstieg.

Mit den Worten, es gäbe „nichts, was wir nicht besäßen“, hatte Kaiser Qianlong im Jahr 1793 ein Handelsabkommen mit dem englischen König George III. zurückgewiesen. Es folgten die koloniale Invasion und Chinas Rückfall hinter die ökonomische und technologische Überlegenheit des Westens, die einhundert Jahre andauern sollte. Niemals wieder, so hat es bereits Mao befohlen, dürfe China eine industrielle Revolution verpassen.

„Wir können das nicht den Chinesen überlassen“

Also strebt Peking im Bereich der Künstlichen Intelligenz die Weltherrschaft an. Ende Juli veröffentlichte der Staatsrat den Plan, dass das Land in drei Jahren mit dem Westen gleichgezogen haben soll. Fünf Jahre später sollen Chinas Roboter und Datenmaschinen die Welt führen, im Jahr 2030 dominieren. 1 Billion Yuan werde die heimische KI-Industrie dann zur Wirtschaftsleistung des Landes beitragen, umgerechnet 127 Milliarden Euro, das ist der Plan. Den Wert der Branchen eingerechnet, die von Künstlicher Intelligenz insgesamt profitieren, kommt Peking gar auf das Zehnfache dieser Summe. Angesichts der Schätzungen von Beratern wie PwC, nach denen die Technik im Jahr 2030 fast 16 Billionen Dollar erwirtschaftet, klingt das nicht überdreht.

Der von Peking angekündigte KI-Plan ist im Ausland deutlich vernommen worden. In den Vereinigten Staaten geht die Mahnung um, diesen Wettstreit auf keinen Fall verlieren zu dürfen. In Deutschland forderte der CDU-Politiker Thomas Jarzombek als Reaktion darauf: „Wir brauchen in der neuen Legislaturperiode sofort einen Masterplan, in dem Forschung und Wirtschaft zusammenarbeiten.“ Diese Technologie sei „so entscheidend, dass wir sie nicht China überlassen dürfen, wo es ein ganz anderes Menschenbild gibt“.

Tatsächlich hat China Vorteile in der Entwicklung Künstlicher Intelligenz. 730 Millionen Internetnutzer generieren gewaltige Datenmengen. Nirgendwo auf der Welt ist die Smartphone-Dichte höher als im Reich der Mitte. Schließlich: In keiner anderen großen Ökonomie ist der Sinn für Datenschutz geringer.

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