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KI berechnet Sterbedatum : Das Röntgenbild vom eigenen Tod

Röntgenbild des Thorax. Bild: dpa

Ärzte sind vielleicht manchmal blind. Aber intelligente Maschinen, die aus einem Röntgenbild den Tod voraussagen sollen, sind keinen Deut besser.

          2 Min.

          Während im Silicon Valley der Trend eindeutig zum ewigen Leben geht, was leicht an dem inneren Zwang der Think-Big-Entrepreneure festzumachen ist, eine vollkommen unvorbereitete Außenwelt für Frischzellen und ihre immer raffinierteren Nano-Neuro-Molekular-Interfaces begeistern zu wollen, bleibt der Tod für uns Normalsterbliche vorerst eine der wenigen beklemmenden Gewissheiten. Zum Glück leben die wenigsten wirklich in Todesangst. Wann genau wir gehen müssen, weiß entweder der Herrgott, oder es kümmert uns nicht, je nach spirituellem Temperament. Alles andere bringt unnötig Zweifel in unser Leben, und das nicht nur, weil wir an unserer Lebensversicherung hängen und voll auf Prämie setzen.

          Das Sterbedatum ist schlicht Ballastwissen, hochriskant noch dazu. Die britische Autorin Rachel Ward, frühere deutsche Jugendliteraturpreisträgerin, hat die möglichen Komplikationen dieses Ballastwissens in ihrem Thriller „Numbers – den Tod im Blick“ an der Geschichte der fünfzehnjährigen Jem spannend erzählt. Die junge Frau besitzt seit dem Tod ihrer Mutter eine Gabe: Sie sieht in den Augen jedes Menschen dessen Todestag. Also auch ihres Freundes, also auch der Opfer eines Massenunglücks auf dem Jahrmarkt. Stoff für unsägliche Tragödien also. Ein Gedankenspiel nur, atmet man hinterher erleichtert auf – eines, das allerdings wie jedes gefährliche Spiel auch den rechten Kick für den Weiterdreh liefert. Bei diesem Weiterdreh spielen im Hier und Heute Radiologen und Informatiker der Harvard Medical School und der Hochschule Stralsund die Hauptrolle. Sie haben den aktuellen Hype um Künstliche Intelligenz aufgegriffen und ihre ganz eigene digitale Kristallkugel kreiert, um die absehbare Maschinenherrschaft in der Medizin zu festigen.

          Sterberisiko im Röntgenthorax

          Eine einzige Röntgenthoraxaufnahme, behaupten sie im „Jama Network“, dem Fachorgan des amerikanischen Medizinverbandes, sowie ein paar Zusatzdaten über Alter, Geschlecht und Diabetes genügen, den Tod durch Herzversagen, Lungenkrebs oder Lungenversagen mit einer gewissen (über dem Zufallsniveau liegenden) Wahrscheinlichkeit vorhersagen zu können. Ihr tiefes neuronales Netzwerk hat ein paar zehntausend alte, unauffällige Röntgenbilder befundet und die Sterbedaten, soweit vorliegend, ausgewertet. So eine Maschinenintelligenz sieht auf Röntgenbildern manches, was der gemeine Arzt leicht übersieht. Manches allerdings auch, was nach wissenschaftlichen Maßstäben wenig mit der Erkrankungsprognose eines Menschen zu tun hat und deshalb KI auch auf falsche Fährten locken kann. Die Harvard-Forscher trauen ihrer KI allerdings Großes zu. Das Sterberisiko zumindest halten sie mit ihrer Maschinenintelligenz zumindest grob, wenn auch nicht auf das genaue Todesdatum hin, auf einige Jahre im Voraus für kalkulierbar. Für Raucher und Herzpatienten wird andernorts schon eine spezielle Prognose-KI getestet. Finger weg vom Röntgen also? Wer Risiken scheut, dürfte es sich jedenfalls künftig zweimal überlegen. Oder voll auf Silicon Valley setzen. Denn wer ewig lebt, den schreckt keine Sterbeprognose.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

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