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FAZ.NET exklusiv : „Google verfügt über tolle Daten, die wir schlicht nicht haben“

Lakemeyer teilt seinerseits den Ellis-Aufruf auch nicht uneingeschränkt. Er hält für falsch, dass die Forscher ihn allein auf das maschinelle Lernen beziehen, und würde trotz der derzeitigen Popularität dieses Forschungszweiges die Künstliche Intelligenz insgesamt mit allen anderen Methoden einbeziehen. Zudem hält er die existierenden Möglichkeiten schon für gut, in Europa einen hochwertigen Master-Abschluss oder eine Promotion in Künstlicher Intelligenz zu erzielen. Seiner Ansicht nach mangelt es aufstrebenden Forschern eher an Karrieremöglichkeiten danach. „Wir brauchten in Europa so was wie ein CERN für KI – gute Unis gibt es“, sagt er. Das CERN ist ein Spitzenlabor für Kernphysiker in Genf, an dem gut zwanzig europäische Staaten beteiligt sind, darunter Deutschland, Frankreich und Britannien.

„Ich sehe das völlig anders als Herr Wahlster“

„Ich kann nicht erkennen, dass gute Spitzenforscher nicht genügend Möglichkeiten haben, ihre Forschungen finanziert zu bekommen“, sagte hingegen Wolfgang Wahlster, der das Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) führt, gerade in einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Den Ellis-Aufruf findet er aus einem weiteren Punkt unnötig: „Ich halte die Unterscheidung zwischen Grundlagenforschung und anwendungsorientierter Forschung für eine unsinnige Spaltung in einem sich so rasant entwickelnden Gebiet. Wir müssen Grundlagenforschung und ihre Überführung in konkrete Anwendungen zusammen denken.“

Die zuversichtliche Einschätzung des DFKI-Chefs stößt ihrerseits auf teils harschen Widerspruch. „Ich beurteile die Wettbewerbsfähigkeit öffentlicher Institutionen im Bereich der KI-Forschung völlig anders als Herr Wahlster“, teilte der in Tübingen forschende Neurowissenschaftler Matthias Bethge FAZ.NET mit, der den Ellis-Aufruf ebenfalls unterzeichnet hat. Er ergänzte mit Bezug auf entsprechende Aussagen Wahlsters: „Eine Person anzuheuern, die mal im Silicon Valley war, hat wenig damit zu tun, ob man genügend Talente holen und halten kann, die an der Spitze der Forschung stehen.“

Europa werde die Entwicklungen in der KI „nur dann positiv mitgestalten können, wenn wir uns darum kümmern, auch einen angemessenen Anteil an den besten Forschern zu bekommen“. Bethge bekräftigte zudem, warum sich der von ihm mitgetragene Aufruf auf das maschinelle Lernen bezieht. „Die entscheidende Grundlage der Intelligenz ist die Lernfähigkeit. Daher investieren Unternehmen gerade im Bereich des maschinellen Lernens so massiv in Grundlagenforscher, die auf den führenden Konferenzen publizieren.“

Für keineswegs „unsinnig“ hält auch EurAI-Präsident Lakemeyer die Abgrenzung zwischen an den Grundlagen und eher an der Praxis orientierter Forschung, sondern diese sei eine Realität. „Die Unterscheidung zwischen Grundlagenforschung, wie sie das Max-Planck-Institut für Intelligente Systeme und Universitäten machen, und anwendungsorientierterer Forschung, wie sie das DFKI oder Fraunhofer machen, ist da“, sagt er. Die Forschungsarbeiten, die etwa Googles KI-Wissenschaftler publizieren, hält er für sehr anerkennenswert. Ihn treibe dabei eher etwas anderes um als die Qualität; es sei „nicht ganz durchsichtig, ob zum Beispiel wirklich alle wichtigen Forschungsergebnisse auch publik gemacht werden oder wir vielleicht nur die Spitze des Eisberges sehen.“

EurAI ist die Dachvereinigung der nationalen KI-Vereinigungen in Europa. Sie hat derzeit rund 4500 Mitglieder. Gegründet wurde die Organisation zu Beginn der achtziger Jahre maßgeblich von dem deutschen Informatiker Wolfgang Bibel.

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