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EU möchte sich abheben : Eine Ethikcheckliste für die Künstliche Intelligenz

Mensch und Maschine: Kanzlerin Angela Merkel auf der Hannover Messe 2018. Bild: Reuters

Der Wettlauf um die schlauesten Computer läuft. Braucht es für die Anwendung dieser Technologie ethische Leitlinien? Die EU-Kommission hat eine Reihe erdacht.

          Es ist inzwischen eine Binse, dass die künstliche Intelligenz Leben und Alltag der Menschen grundlegend verändern wird. Es gibt kaum ein Feld, in dem Wissenschaft und Politik keine Anwendung für solche selbstlernenden Computerprogramme sieht: Ob im Gesundheitsschutz oder der Energieversorgung, wenn es um das autonome Fahren oder die Landwirtschaft, die Abwehr von Cyberangriffen oder die Risikoanalyse im Finanzmarkt, überall kann die Künstliche Intelligenz (KI) den Menschen wichtige Entscheidungen abnehmen.

          Hendrik Kafsack

          Wirtschaftskorrespondent in Brüssel.

          Damit aber stellen sich auch ethische Fragen, etwa wie verhindert werden kann, dass die KI die Menschen oder einzelnen Gruppen benachteiligt – und wer für Folgen und Fehler von Entscheidung der „Maschinen“ die Verantwortung trägt. Die Internetkonzerne haben das inzwischen erkannt.

          So hat das amerikanische Unternehmen Alphabet (Google) eben erst einen eigenen Ethikrat gegründet, auch wenn es ihn der nach nur einer Woche wegen andauernder Kritik an der Zusammensetzung des Gremiums Ende vergangener Woche schon wieder aufgelöst hat. Für die Europäische Kommission hätte das keine bessere Vorlage für ihre Vorschläge zu dem Thema sein können. An diesem Montag legt die Behörde in Brüssel Vorschläge dafür vor, um auf europäischer Ebene ethische Leitlinien für die Künstliche Intelligenz zu etablieren. „Die ethische Dimension der KI ist kein Luxusprodukt“, sagt der zuständige Vizepräsident der Kommission, Andrus Ansip. Ohne Vertrauen in die neue Technologie könne und werde die Gesellschaft deren Potential nicht ausnutzen.

          Deutsche Industrie ist skeptischer

          Auf Basis der Empfehlungen einer Gruppe von Fachleuten hat die Kommission eine Art Checkliste mit sieben Voraussetzungen für eine vertrauenswürdige KI definiert. Das beginnt damit, dass intelligente Systeme die Autonomie der Menschen nicht verringern, einschränken oder fehlleiten sollen. Die Algorithmen, auf denen sie basieren, sollen Fehler und widersprüchliche Handlungen erkennen und damit umgehen können. Die Menschen sollen die volle Kontrolle über ihre Daten behalten. KI soll keine Menschen diskriminieren, also den Zugang zu allen Anwendungen sicherstellen. Sie solle so angelegt sein, dass sie das soziale Niveau und den Umweltschutz verbessert. Zudem soll nachvollziehbar sein, warum ein System eine Entscheidung trifft und wer die Verantwortung dafür übernimmt.

          In einer Pilotphase sind nun erst einmal alle Betroffenen vom Sommer an aufgerufen, die ethischen Leitlinien auf ihre Praxistauglichkeit auszutesten. Die Kommission erhofft sich von ihnen – ähnlich wie bei den strikten Datenschutzregeln – einen Vorteil im internationalen Wettbewerb. Die EU könne mit ihnen zum Weltmarktführer in vertrauenswürdigen KI werden, hofft Ansip.

          Der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) zeigt sich da deutlich skeptischer. Er bezeichnete die Leitlinien zwar als wichtigen Schritte für KI „Made in Europe“, warnte aber zugleich davor, alle Anwendungen über einen Kamm zu scheren. Vor allem rief der BDI dazu auf, mehr in die Entwicklung von KI zu investieren. Tatsächlich standen privaten Investitionen von bis zu 3,2 Milliarden Euro im Jahr in Europa nach Angaben der Kommission 9,7 Milliarden Euro in Asien und 18,6 Milliarden Euro in Nordamerika gegenüber.

          Die Europäische Kommission wolle deshalb auch die internationale Zusammenarbeit verbessern, sagte die für Digitales zuständige Kommissarin Mariya Gabriel. Der Fokus liege dabei auf der Kooperation mit Partnern wie Japan, Kanada und Singapur, die ähnliche Ziele verfolgten. Die EU werde aber auch auf Ebene der G7 oder G20, wo sich die wichtigsten Industrie- und Schwellenländer treffen, an einem gemeinsamen Ansatz arbeiten. Der BDI warnt davor, die Amerikaner auszuschließen. Schon heute nutzten die Europäer etliche Dienstleistungen aus Übersee. Ein gemeinsames transatlantisches Verständnis für die Nutzung der KI müsse deshalb das Ziel sein.

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