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F.A.Z. exklusiv : Ein Bündnis, das mit Google & Co. mithalten will

Symbolisiert Künstliche Intelligenz: Der Roboter Cimon soll demnächst dem deutschen Astronauten Alexander Gerst auf der internationalen Raumstation ISS assistieren. Bild: dpa

Wie verhindert Europa, in der Künstlichen Intelligenz abgehängt zu werden? Fachleute starten eine große Initiative. Darum geht es.

          Die amerikanischen Tech-Konzerne investieren Milliardenbeträge, die chinesische Führung möchte die Volksrepublik in gut zehn Jahren zur führenden Nation des Planeten machen, wenn es um Künstliche Intelligenz (KI) geht – unter Forschern in Europa wächst die Furcht, künftig nicht mehr mithalten zu können. „Der Brain Drain findet statt: Die Leute gehen in die Vereinigten Staaten, weil sie dort riesige Gehälter bekommen und eine tolle Umgebung für Wissenschaftler“, warnte Gerhard Lakemeyer, Präsident der europäischen KI-Forschervereinigung EurAI, unlängst in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

          Alexander Armbruster

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft Online.

          Nun haben sich mehr als 550 Fachleute in Europa zusammengeschlossen und rufen dazu auf, einen hochwertigen Forschungsverbund auf den Weg zu bringen, der diesen Trend stoppen und Europa zu einem Standort machen soll, der den Vergleich mit Amerika und Asien nicht zu scheuen braucht. Als Namen haben sie sich Claire ausgedacht, das steht für „Confederation of Laboratories for Artificial Intelligence in Europe“ (Föderation von KI-Forschungseinrichtungen in Europa). „Europas Investitionen in Talente, Forschung, Technologie und Innovation liegen weit hinter denen der Wettbewerber zurück“, schreiben sie in ihrem Aufruf, welcher der F.A.Z. vorab vorliegt, und fordern: „Europa muss eine wichtige Rolle darin spielen, wie Künstliche Intelligenz die Welt verändert, und – natürlich – davon profitiert.“

          Claire soll einerseits aus einem Netzwerk exzellenter Forschungseinrichtungen bestehen, andererseits soll es einen zentralen „Hub“ geben, an dem Wissenschaftler von überallher vorübergehend forschen können sollen mit der denkbar besten Ausstattung. Als Vorbild dafür nennen die Claire-Unterstützer das Leibniz-Zentrum für Informatik auf Schloss Dagstuhl im saarländischen Wadern und das Kernphysiklabor Cern in Genf, an dem mehr als zwanzig Länder beteiligt sind.

          „Nicht einfach alle Daten auf einen Haufen schütten“

          Es gehe darum, alle wichtigen Teilgebiete der KI einzuschließen und eine komplette wissenschaftliche Karriere auf Weltklasse-Niveau zu ermöglichen, angefangen vom Bachelor-Studiengang bis hin zur Professur, erläutert Holger Hoos, einer der Initiatoren, gegenüber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Hoos studierte Informatik in Darmstadt, forschte und lehrte dann viele Jahre in Kanada und leitet mittlerweile einen Lehrstuhl an der Universität im niederländischen Leiden. Den Claire-Aufruf unterstützen neben ihm etwa der Robotik-Fachmann Wolfram Burgard und Jürgen Schmidhuber, einer der Pioniere auf dem Gebiet der sogenannten künstlichen neuronalen Netze und des „Deep Learning“. „Europa hat immer eine wichtige Rolle in der Künstlichen Intelligenz gespielt, aber nun besteht die Gefahr, dass es ohne eine entschiedene Reaktion auf allen Ebenen hinter China und die Vereinigten Staaten zurückfällt“, mahnt der spanische Informatiker Ramon Lopez de Mantaras. „Die digitale Transformation unserer Gesellschaft und Wirtschaft, die wir mit Industrie 4.0 erfolgreich begonnen haben, können wir nun in Europa über Claire mit Hilfe der KI auf alle Branchen ausweiten“, sagt Wolfgang Wahlster, der das Deutsche Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz (DFKI) leitet.

          Die neue Initiative europäischer KI-Fachleute ist indes nicht die erste. Sie ähnelt durchaus dem Wissenschaftspakt Ellis (European Lab for Learning & Intelligent Systems), den Spitzenforscher im maschinellen Lernen vor Monaten schon anregten, jenem derzeit besonders angesagten Bereich innerhalb der KI, der auf gewaltigen Datenmengen und riesiger Rechenleistung basiert.

          Dahinter steht etwa Bernhard Schölkopf vom Max-Planck-Institut für Intelligente Systeme in Tübingen, der nach Angaben von Google Scholar gegenwärtig am häufigsten zitierte deutsche Akademiker in diesem Bereich und derzeit zugleich führender KI-Forscher des Internetkonzerns Amazon. Zufall ist diese Ähnlichkeit der beiden Aufrufe nicht, gibt Claire-Initiator Hoos zu. „Sie haben uns inspiriert, und wir haben im Grunde darauf aufgebaut.“

          Auch wenn das maschinelle Lernen in den vergangenen Jahren beeindruckende Erfolge erbracht habe, hält indes nicht nur er einen allein darauf zugeschnittenen KI-Forschungsverbund für verkürzt; Hoos nennt als weitere seiner Ansicht nach ebenso wichtige Teilgebiete etwa die Robotik und die Automatisierung des logischen Schließens. „Die jüngsten Durchbrüche im Deep Learning haben die Illusion erzeugt, dass diese Methode die komplette KI lösen werde, und diese Illusion ist falsch“, kommentiert Luc De Raedt, Informatikprofessor an der Universität Leuven in Belgien. Hoos seinerseits würde sich wünschen, die andere Initiative mit Claire unter einen Hut zu bekommen – zu hören ist, dass zwischen beiden Seiten konstruktive Gespräche laufen. Denn schlussendlich, und das geben ihre jeweiligen Vertreter zu, verfolgen sie ja dasselbe Ziel: Europa als wichtigen KI-Standort zu erhalten und auszubauen.

          Die Claire-Initiatoren wiederum heben zudem hervor, wie sich ihr Anliegen teils deutlich von Bestrebungen in Amerika und Asien unterscheide. „Uns geht es nicht einfach darum, dass wir so viele Daten wie möglich auf einen Haufen schütten, und dann macht jeder damit, was er will“, erklärt Philipp Slusallek, der wissenschaftliche Direktor des DFKI, und ebenfalls einer der Initiatoren von Claire. Über ihr Vorhaben informieren sie seit diesem Montag auch auf der Internetseite claire-ai.org.

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