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Künstliche Intelligenz : Große Gefahr, übertriebene Angst – was denn nun?

Das ist Kino: In der Wirklichkeit beherrschen auch künftig reale Menschen digitale Roboter. Bild: Face to Face

Immer schlauere Computer verändern die Welt: Jetzt schlägt Henry Kissinger Alarm. Andere sind zuversichtlicher. Und was wird aus Deutschland?

          Henry Kissinger schlägt Alarm. Kurz vor seinem 95. Geburtstag warnt der frühere amerikanische Außenminister und Friedensnobelpreisträger vor den Folgen immer schlauer werdender Software. Künstliche Intelligenz (KI) werde eine gewaltige Transformation auslösen, schreibt er in einem Aufsatz für das Magazin „The Atlantic“ und schlägt unter der dramatischen Überschrift „Das Ende der Aufklärung“ den ganz großen historischen Bogen: Bislang, so Kissinger, sei die veränderungsstärkste technische Erfindung die Druckerpresse gewesen, in deren Folge Vernunft zunehmend an die Stelle der Religion und wissenschaftliche Erkenntnis und persönlicher Sachverstand an den Platz von Schicksalsgläubigkeit getreten seien. Informationen konnten gespeichert, in Bibliotheken systematisiert und leicht(er) an künftige Generationen weitergegeben werden.

          Alexander Armbruster

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft Online.

          Das habe die Weltordnung bis heute geprägt, urteilt der erfahrene Politologe und sagt nun voraus, dass eine noch folgenschwerere Umwälzung bevorstehe durch den Aufstieg kompetenterer Computer. Möglich sei eine „Welt, die auf Maschinen basiert, die von Daten und Algorithmen angetrieben werden und unregiert von ethischen oder philosophischen Normen“. „Individuen werden zu Daten, und Daten werden beherrschend.“ Und dann fragt er gar: „Was geschieht, wenn Künstliche Intelligenz den Menschen übersteigt (…) und Gesellschaften nicht länger in der Lage sind, die Welt, die sie bewohnen, in einer Art und Weise zu interpretieren, die bedeutungsvoll für sie ist?“

          Deutschland muss mehr tun

          An drastischen Warnungen mangelt es in der Diskussion um Künstliche Intelligenz derzeit wahrlich nicht, und es sind nicht nur Philosophen, Soziologen und Historiker, die diese Töne anschlagen. Und es geht nicht dabei nicht nur um den Vergleich zwischen Mensch und Maschine, es geht auch um einen zunehmenden Wettbewerb um Toptalente, zwischen Tech-Konzernen und Nationen. Chinas Führung möchte die Volksrepublik bis zum Jahr 2030 zur führenden KI-Nation des Planeten machen. Im Silicon Valley an der amerikanischen Westküste investieren Unternehmen Milliarden in schnellere Rechner, größere Datenmengen und cleverer Computerprogramme.

          „Wir sitzen zwischen zwei Riesen, die daran arbeiten mit großem Einsatz“, sagt Fabian Westerheide. Er ist Unternehmer, Wagniskapitalgeber und derjenige, der die Berliner Konferenz „Rise of AI“ organisiert, die mittlerweile mit 700 Teilnehmern ein veritables KI-Treffen in Deutschland geworden ist. Hier treffen sich Vertreter großer Konzerne mit solchen junger Startups.

          In der Telekom-Dependance in Berlin präsentieren sich junge Unternehmen, die öffentlich wenig bekannte Namen tragen wie Parlamind, Sightcorp oder Verne Global. Sie arbeiten an Programmen, die Kundenbeschwerden verstehen und beantworten oder die am Gesichtsausdruck erkennen können, ob sich jemand freut oder ärgert. Sony präsentiert das Playstation-Spiel „Detroit: Become Human“, das im Jahr 2038 spielt in einer imaginären Welt, in der Roboter so weit entwickelt sind, dass sie nicht mehr ohne weiteres vom Menschen unterschieden werden können.

          Deutschland muss mehr tun, um nicht abgehängt zu werden, mahnt Westerheide. Gemeinsam mit Mitarbeitern der Unternehmensberatung Roland Berger hat er Tausende Unternehmen auf der ganzen Welt analysiert und eine KI-Landkarte erstellt. Der Befund ist aus deutscher Sicht alarmierend: 40 Prozent der relevanten KI-Unternehmen sitzen seiner Analyse zufolge derzeit in den Vereinigten Staaten, jeweils 11 Prozent in China und Israel, deutlich dahinter folgten dann in Europa erst Großbritannien und anschließend Deutschland und Frankreich.

          „Sollen unsere Autos und Häuser in Amerika oder China programmiert werden?“, fragt er und erklärt, warum das aus seiner Sicht ein Problem sein kann: „Unsere Werte werden nur repräsentiert werden in unserer Software, wenn wir das selbst machen.“ Mit „wir“ meint er Europa, weil er sogar die große Volkswirtschaft Deutschland für zu klein hält, um allein eine gewichtige Rolle spielen zu können. Und er bekräftigt, dass er darin vor allem eine gewaltige Chance sieht: „Künstliche Intelligenz ist keine Bedrohung, sie killt eben nicht unsere Arbeitsplätze.“

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