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China will dominieren : „Maschinen haben Chips, Menschen ein Herz“

Jack Ma hat den Tech-Konzern Alibaba aufgebaut und ist dadurch der reichste Chinese geworden. Bild: Reuters

In Schanghai treffen sich Unternehmer und Spitzenforscher und feiern die Künstliche Intelligenz. Vor einer großen Gefahr warnen sie jedoch.

          Als Chinas bekanntester Unternehmer an das Mikrofon tritt, hat die politische Führung bereits die Losung ausgegeben. Niemand kennt die Hackordnung in der Volksrepublik besser als Alibaba-Gründer Jack Ma, der sich möglicherweise auch deshalb bald aus seinem Konzern zurückziehen muss, weil es manchem im Peking missfallen hat, dass er ein wenig zu viel im Scheinwerferlicht gestanden hat in China, denn: Dort gibt die Partei den Takt vor, nicht das freie Unternehmertum.

          Hendrik Ankenbrand

          Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Schanghai.

          Und so hat an diesem Morgen zu Beginn der Schanghaier „World Artificial Conference“  Liu He, Vizeministerpräsident und engster wirtschaftspolitischer Berater des Staats- und Parteichefs Xi Jinping, bereits deutlich gemacht, wie zwiespältig Chinas Führung die Künstliche Intelligenz sieht, die den Maschinen das Lernen beibringt und Roboter hervorbringt, die in den Hunderttausenden Fabriken des Landes Zigmillionen Arbeitsplätze ersetzen könnten.

          Schneller und schlauer

          Künstliche Intelligenz, die China so schnell vorantreiben will wie kein anderes Land auf der Welt, könne der neue Treiber der chinesischen Wirtschaft werden, hat Liu gesagt. Allerdings sei es eben auch eine Gefahr, dass KI die Arbeitslosenrate erhöhe und die Einkommensverteilung im Land ungleicher mache.

          Jack Ma greift die Bedenken des Apparatschiks auf. Maschinen seien „schneller“ als Menschen, ruft er in die Halle hinein, ausnahmsweise mit violetter Krawatte um den Hals. Sie seien auch „schlauer“. Doch die Menschen hätten „Weisheit“, sagt Ma. „Maschinen werden niemals Liebe und Leidenschaft empfinden können. Sie haben Chips, Menschen haben ein Herz.“

          Der Rand zum Kitsch ist nun nicht mehr weit, doch die Worte haben einen realen Hintergrund. Harvard-Ökonom Kenneth Rogoff zum Beispiel glaubt, dass das große Arbeitskräftereservoir der Milliardennation China vom Vorteil zum Nachteil bei seiner weiteren Entwicklung werden könnte – die Roboter seien schuld. Sollten Roboter und Künstliche Intelligenz künftig die Produktion in der Wirtschaft bestimmen, könne eine zu große Bevölkerung das Wachstum bremsen anstatt es zu beschleunigen – zumal, wenn eine autoritäre Führung ihren Zugang zu Internet und Informationen begrenzt.

          Noch in den „Kinderschuhen“

          Man mag von diesem Argument halten, was man will. Fakt ist: Chinas Führung will in der KI die Weltführerschaft. Gleichzeitig hat sie jedoch auch Angst vor der Automatisierung. Auf jeden Fall will das Land in der weltweiten Debatte um die Roboter die Meinungsführerschaft übernehmen. Das geht nur, indem die Risiken adressiert werden – wissen neben den Kadern auch Chinas sonst so optimistisch gestimmte Tech-Unternehmer.

          Pony Ma, der Gründer des Internetgiganten Tencent aus Shenzhen, betont in der Schanghaier Halle, wie sehr die KI noch in ihren „Kinderschuhen“ stecke. Damit hat er nicht Unrecht. Am Rand der Bühne übersetzt eine Software von Tencent die gesprochenen Worte vom Chinesischen simultan ins Englische. In den Sätzen stimmt es hinten und vorne nicht. Verglichen damit, wie gut die Software Anfang des Jahres die Reden bei einer Tencent-Entwicklerkonferenz in Shenzhen übersetzt haben, hat sich die Leistung nicht spürbar verbessert.

          Man möge bitte „tolerant“ gegenüber der Maschine sein, bittet Ma das Publikum. Er berichtet, wie schwer es sei, dass die Spracherkennungssoftware seines Konzerns seinen kantonesischen Akzent richtig erkenne. Wenn sie einmal so weit sei, dass sie menschlichen Übersetzern das Wasser reichen könne, sei das eine Herausforderung für ein Land mit so vielen Arbeitnehmern wie China.

          „Sie wird den Menschen besser machen“

          Allerdings werde die Maschine der Übersetzerin nicht den Arbeitsplatz einfach stehlen, beruhigt Ma. „Sie wird den Menschen in seinem Job stattdessen noch besser machen.“ Da ist er dann doch, der unbeirrte Glaube an den technischen Fortschritt, der China in den vergangenen Jahrzehnten zur Wirtschaftssupermacht hat aufsteigen lassen.

          Der Durchbruch der KI sei ohnehin nicht mehr aufzuhalten, ruft der Gründer des Pekinger Suchmaschinenanbieters Baidu, Robin Li, in die Halle hinein. Der Konzern hat sich an die Spitze der Forschung zum maschinellen Lernen im Land gesetzt. Auch wenn sein früherer Chefentwickler Andrew Ng seine Stelle bei Baidu längst gekündigt hat und nach Schanghai in seiner neuen Rolle als Startup-Unternehmer und Stanford-Professor angereist ist.

          Weniger Zeit für Hausaufgaben

          Man müsse die KI zwar „Ethik“ lehren, sagt Li. Die Automatisierung dürfe aber die Menschheit auch nicht zu sehr sorgen. Jede technologische Revolution bringe neue Möglichkeiten hervor. Die Gesichtserkennung über die Auswertung gigantischer Datenberge werde „Kinder, die seit zwanzig Jahren vermisst werden“, wieder zurück zu den Eltern bringen, prognostiziert Li. Das führerlose Fahren werde die Verkehrsprobleme Chinas lösen ebenso wie Big Data hilft, Staus zu identifizieren.

          Derzeit verschwänden die Chinesen jeden Tag 30 Prozent ihrer Zeit beim Suchen nach einem Parkplatz, sagt der Baidu-Chef – alles lösbar dank der Hilfe von KI: „Künftig werden wir zur Arbeit fahren, und das Auto parkt von allein. Dann ist die Welt ein besserer Platz.“

          Der Gründer des Startups iFlytek hat eine Spracherkennungsapp entwickelt, die gesprochenes Chinesisch ins Englische übersetzt und die auf über einer halben Milliarde Smartphones im Land installiert ist. Daneben entwickelt das Unternehmen eine Bilderkennungssoftware. Dank dieser, jubelt Liu Qingfeng, hätten Schüler an 70 Schulen im Land die Zeit, die sie für Hausaufgaben aufwenden mussten, „um 20 Prozent reduzieren“ können.

          Nebenan, in der Ausstellungshalle, zeigt ein Mitarbeiter, was der Chef konkret gemeint hat. Mit der App lassen sich selbst komplizierteste Matheaufgaben mit allerhand Formeln fotografieren und in ihrer Logik erkennen – und dank der Verlinkung zu speziellen Internetangeboten vom Rechenroboter anschließend lösen.

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