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Künstliche Befruchtung : Geschäfte aus der Retorte

Künstliche Befruchtung: Die Sehnsucht nach dem Baby Bild: Rainer Wohlfahrt

Die Erfindung der künstlichen Befruchtung hat eine globale Industrie geschaffen: Mit Kliniken, Eizellenspendern und Leihmüttern. In Deutschland gibt es jedoch enge rechtliche Grenzen. Dafür ist in Osteuropa um so mehr möglich.

          Die Kinderwunsch-Industrie hat, was moderne Industrien so haben: Technik, Know how, internationale Arbeitsteilung und vor allem eine große potentielle Kundschaft. Allein in Deutschland leben 1,4 Millionen Menschen, deren Wunsch nach einem Kind aus medizinischen Gründen bisher nicht in Erfüllung gegangen ist, rechnet das Institut für Demoskopie Allensbach vor.

          Winand von Petersdorff-Campen

          Wirtschaftskorrespondent in Washington.

          Die meisten Paare haben sich mit der Kinderlosigkeit abgefunden. Doch seit 1977 dem britischen Mediziner Robert Geoffrey Edwards die erste künstliche Befruchtung gelang, schöpfen viele Leute Hoffnung. Es gelang ihm, eine Eizelle mit männlichem Samen in einem Reagenzglas zu befruchten und sie in die Gebärmutter der Frau einzusetzen. Das erste Retortenbaby Louise Joy Brown kam 1978 zur Welt, ihr folgten bisher rund 4,2 Millionen, in Deutschland 198 000. Für seine Erfindung erhält Edwards jetzt den Medizin-Nobelpreis.

          Selten hat eine medizinische Innovation so schnell Karriere gemacht: Schon 1982 gab es in Deutschland fünf Zentren, die künstliche Befruchtung anboten. Inzwischen sind es 120, die das ganze Land abdecken mit jährlich 70 000 Behandlungen an 43 000 Frauen. Gut eine viertel Milliarde Euro erwirtschaftet die deutsche Kinderwunsch-Industrie im Jahr.

          Louise Joy Brown, das erste Retortenbaby, mit ihren Eltern in einer Fernsehshow im September 1979 ...

          Zahl der Retortenkinder schrumpft

          Die deutschen Reproduktionsmediziner stoßen inzwischen an finanzielle und an juristische Grenzen. 2003 war das letzte Jahr, in dem die gesetzlichen Krankenkassen die Behandlungen voll bezahlten. In jenem Jahr notierte das Deutsche „In vitro-Fertilisationsregister“ 105 000 Behandlungen, ein Jahr später waren es 60 000. Denn seit 2004 übernehmen die Kassen nur noch die Hälfte der Kosten bei höchstens drei Behandlungen.

          Die Konsequenz beschreibt der Lübecker Reproduktionsmediziner Klaus Diedrich so: Früher 20 000 Retortenkinder jährlich, heute 10 000. „Deutschland fehlen 10 000 Babys im Jahr “.

          Auch das restriktive deutsche Recht limitiert die deutschen Ärzte. So verbietet es die sogenannte Eizellenspende. Junge gesunde Spenderinnen geben dabei Eizellen, die im Reagenzglas befruchtet und Frauen injiziert werden, die selbst keine Eizellen produzieren können. Diese Frauen suchen ihr Heil außerhalb Deutschlands, wenn sie genügend Geld und Geduld haben.

          „Take Baby Home-Rate“ führt häufig zu Klagen

          „Selektiver Embryonen-Transfer“ ist das zweite weltweit praktizierte Verfahren, das der deutschen Medizin verboten ist. Dabei werden aus den entwickelten Embryos nur jene in die Gebärmutter eingesetzt, die die beste Voraussetzung mitbringen, sich einzunisten.

          Zwei Vorteile hat die Methode: Die Wahrscheinlichkeit einer Schwangerschaft erhöht sich und die Wahrscheinlichkeit einer Mehrlingsschwangerschaft verringert sich. Trivial ist das nicht: Knapp jede zweite Zwillingsgeburt in Deutschland ist der Reproduktionsmedizin zu verdanken.

          Zudem ist in Deutschland das Alter der Frau ein Thema. Die gesetzlichen Krankenversicherungen zahlen bei Frauen, die älter als 40 Jahre sind, gar nichts mehr. Privatpatientinnen bekommen künstliche Befruchtungen in der Regel nur bezahlt, wenn die Erfolgsaussicht, die sogenannte „Take Baby Home-Rate“, über 15 Prozent liegt. Viele Frauen klagen gegen ihre Privaten Krankenversicherungen, die Erstattungen verweigern. Schließlich bekommen in der Regel lesbische Paare und Singles hier keine künstliche Befruchtung.

          Fruchtbarkeitstourismus boomt

          Weil künstliche Befruchtung in Deutschland also gar nicht so einfach ist, entstand inzwischen ein Fruchtbarkeits-Tourismus. In Europa suchen jährlich rund 30 000 Paare Behandlungen außerhalb ihres Heimatlandes, sagt die Europäische Gesellschaft für menschliche Reproduktion und Embryologie. „Es ist wie beim Autokauf. Die Leute setzen sich ans Internet und suchen, was am besten zu ihnen passt“, sagt Markus Kupka, Leiter der Gynäkologischen Endokrinologie und Reproduktionsmedizin der Universität München. Im Internet wimmelt es von internationalen Angeboten, die in gelegentlich gebrochenem Deutsch mit den Fertigkeiten ihres medizinischen Personals und mit den lockeren Gesetzen ihrer jeweiligen Länder werben. Die Dienstleister praktizieren eine lukrative Spielart der „Regulierungs-Arbitrage“.

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