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Kommentar zur Google & Co. : Verlorene Unschuld im Silicon Valley

  • -Aktualisiert am

Das Silicon Valley sieht sich als Hort großer Taten, die die Welt besser machen. Giganten wie Facebook und Google geben sich als Menschenfreunde. Aber die Technologiekonzerne haben auch eine dunkle Seite.

          Sundar Pichai ist unerschütterlich. „Ich bleibe ein Technologieoptimist“, sagte der Vorstandsvorsitzende des Internetkonzerns Google gerade bei der Vorlage von Geschäftszahlen. Die guten Ergebnisse schienen ihm recht zu geben. Und schließlich hat eine von diesem Fortschrittsglauben geprägte Mentalität Unternehmen wie Google erfolgreich gemacht. Das Silicon Valley versteht sich als Schmiede für Großtaten vom Kaliber der Mondlandung und wähnt sich auf einer Mission zur Weltverbesserung. Es verheißt, Menschen zusammenzubringen, Unterdrückten eine Stimme zu geben und alles Wissen der Welt verfügbar zu machen. Was ist daran schon auszusetzen?

          In jüngster Zeit aber ist die Öffentlichkeit wiederholt daran erinnert worden, dass die Technologiegiganten auch eine dunkle Seite haben. In dieser Woche geht der Kongress in Washington in Anhörungen dem Verdacht nach, Russland habe Google, Facebook und Twitter als Werbevehikel missbraucht, um den Ausgang der amerikanischen Präsidentenwahlen im vergangenen Jahr zu beeinflussen. Facebook stand kürzlich blamiert da, als ans Licht kam, dass über sein Anzeigensystem Werbung gezielt für Nutzer geschaltet werden konnte, die sich als „Judenhasser“ identifizierten. All das bedroht das Selbstbild der Branche als positive Kraft.

          Facebook reagiert reumütig

          Facebook-Geschäftsführerin Sheryl Sandberg reagierte reumütig, aber seltsam unbedarft auf die Affäre um Extremistenanzeigen. Sie sagte, das Unternehmen habe nie geahnt, dass sein Werbemodell für solche Zwecke eingesetzt werden könnte. Bedenkt man, dass sie sonst regelmäßig prahlt, wie Facebook Anzeigen auf sehr spezifische Nutzer abstimmen kann, klingt das wenig glaubwürdig. Tatsache ist, das soziale Netzwerk hat sein Werbegeschäft so konzipiert, dass Übeltäter leichtes Spiel haben. Es wird weitgehend von Algorithmen abgewickelt, weshalb sich anstößige Werbung buchen lässt, ohne dass Facebook es merkt. Diese Automatisierung macht das Unternehmen so profitabel, aber ihretwegen war der Schlamassel wohl nur eine Frage der Zeit. Freilich hat es im Silicon Valley Tradition, Kontroversen auf sich zukommen zu lassen, anstatt sie proaktiv zu verhindern.

          Die Weltverbesserungsrhetorik muss nicht nur leeres Geschwätz sein. Vielleicht sind Google, Facebook und Co. wirklich mit einigem Idealismus gegründet worden. Aber wenn sie je den Anspruch hatten, eine besondere und irgendwie bessere Art von Unternehmen zu sein, dann erfüllen sie ihn heute selbst nicht mehr. Vielmehr zementieren sie ihre Position mit allen Mitteln. Facebook hat einen Rivalen nach dem anderen aufgekauft, der ihm in die Quere kam, und kopiert nun schamlos die Produkte von Snapchat, dem schärfsten Wettbewerber, der sich nicht übernehmen ließ. Google soll einem von ihm mitfinanzierten Institut mit Geldentzug gedroht haben, nachdem einige Mitarbeiter das Unternehmen öffentlich als Monopolist kritisierten. Derweil versuchen die Technologiegiganten unentwegt, sich selbst weniger mächtig erscheinen zu lassen, als sie sind, etwa indem sie beteuern, die Konkurrenz sei doch „nur einen Klick entfernt“. Die Realität sieht anders aus, Google und Facebook teilten zuletzt in Amerika fast den gesamten Zuwachs im Markt für Online-Anzeigen unter sich auf.

          Europa blickt kritisch auf die amerikanischen Konzerne

          In Europa wird schon länger kritisch auf die amerikanischen Technologiekonzerne geblickt, ob wegen ihrer Marktmacht, ihrer Praktiken zur Steuervermeidung, ihres Umgangs mit Nutzerdaten oder der Anfälligkeit für Hasskommentare auf ihren Plattformen. Google ereilte jüngst eine milliardenschwere Kartellstrafe der EU, Facebook muss sich in Deutschland mit einem neuen Gesetz gegen Hetze in sozialen Netzwerken arrangieren. In Amerika schien das Silicon Valley lange unantastbar. Es genoss die Sympathien des früheren Präsidenten Barack Obama und war nie ein Feindbild wie die Wall-Street-Banken, Google kam in einem Kartellverfahren glimpflich davon. Nun aber dreht sich der Wind. Heute kontrollieren die Republikaner, denen die Branche seit jeher zu linksliberal war, den Kongress und das Weiße Haus, und Präsident Donald Trump sucht lieber die Nähe zu Kohlekumpeln als zur digitalen Elite. Selbst im Lager der Demokraten macht sich mehr Argwohn gegenüber den Technologiegiganten und deren Einfluss breit. Es gibt Bestrebungen, sie stärker zu regulieren, und Rufe nach neuen Kartelluntersuchungen.

          Ob sich die Nutzer von den Diensten der Silicon-Valley-Konzerne abwenden, ist eine ganz andere Frage und vielleicht zweifelhaft. Die Unternehmen sollten sich aber nicht zu sehr in Sicherheit wiegen, zumal sie auch immer mehr in den Mittelpunkt unangenehmer gesellschaftlicher Debatten rücken. Etwa inwiefern ihr rasant wachsender Wohlstand, den sie mit vergleichsweise kleinen Belegschaften erzielen, zur sozialen Ungleichheit beiträgt. Oder ob ihre Fortschritte auf Gebieten wie Künstliche Intelligenz ganze Berufszweige gefährden könnten, die heute Millionen Menschen beschäftigen. Das freundliche und wohlmeinende Bild, das die Branche von sich zeichnet, ist heute jedenfalls kaum noch haltbar. Die Wunderkinder aus dem Silicon Valley haben ihre Unschuld längst verloren.

          Roland Lindner

          Wirtschaftskorrespondent in New York.

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