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Kritik der Finanzbranche : Die Gesellschaft und ihre Banken

Das Grundproblem: Das Kerngeschäft des soliden Geldverleihs wirft nicht genügend Rendite ab, um die exorbitanten Wachstumsziele der international tätigen Geldhäuser bedienen zu können. Bild: DAPD

Die Finanzkrise wurde für die Banker zum Charaktertest. Sie haben ihn nicht bestanden. Die Gier hat gesiegt.

          Geldwäsche, Zinstricksereien, irreführende Beratung: Dass eine ganze Branche vom rechten Weg abgekommen ist, gestehen mittlerweile selbst manche ihrer Leitwölfe ein, jüngst der Vorstandsvorsitzende der Bank HSBC. Allein dieses Geldinstitut hat zwei Milliarden Dollar zurückgestellt, um sich für allfällige Strafen zu wappnen - die Kosten im Zusammenhang mit der Manipulation des Schlüsselzinssatzes Libor nicht eingerechnet.

          Aber gerade von dort kommt noch mehr auf die Banken zu. Ein gutes Dutzend steht im Verdacht, wichtige Referenz-Zinssätze manipuliert zu haben, um Handelsgewinne einzustreichen. Mehrere Banken suchen ihr Heil in der Zusammenarbeit mit den Behörden und hoffen auf Milde. Aber der Schaden für die Branche ist riesengroß, in Euro und Cent lässt er sich nicht bemessen.

          Die Bürger haben die Nase voll

          Sigmar Gabriel, der Vorsitzende der SPD, hat erkannt, dass sich das Thema Banken für den Wahlkampf eignet. Denn die Bürger haben die Nase voll. Seit dem Zusammenbruch von Lehman Brothers im Herbst 2008 sind die Banker wieder und wieder darauf hingewiesen worden, dass sie ihr Geschäftsgebaren ändern müssten. So wurden Geldhäuser auch in Deutschland mit Steuergeldern in Milliardenhöhe gerettet. Doch über den Hinweis auf die Verantwortung, die sich daraus für das Handeln der Banker ergibt, haben diese nur gelacht. Die Kritiker seien naiv, hieß es von oben herab. Die Finanzkrise wurde für die Banker zum Charaktertest. Sie haben ihn nicht bestanden; die Gier hat gesiegt.

          Ungerührt wurden unter den Augen der Aufsichtsbehörden weiter Zinsen manipuliert, die Investmentbanker sehnten den nächsten Übernahmeboom herbei. Denn das Kerngeschäft des soliden Geldverleihs wirft nicht genügend Rendite ab, um die exorbitanten Wachstumsziele der international tätigen Geldhäuser bedienen zu können. Ausweichstrategien mussten her: Sie führten zu einer exzessiven Kreditvergabe an insolvente (Staats-)Schuldner, brachten Produkte aus den Investmentbanking-Abteilungen hervor, die niemand verstand und die die Risiken nicht besser verteilten, sondern erhöhten, und machten vor der Manipulation von Zinssätzen nicht halt.

          Große Worte

          Die Behörden haben inzwischen erkannt, dass auch sie versagt haben. Sie geloben Besserung, und nicht nur sie. Die Deutsche Bank zum Beispiel, die in den Libor-Skandal verwickelt ist, wird sich wohl bald einer eingehenderen Kontrolle stellen müssen. Soll es dabei bleiben, müssen ihre neuen Vorstandsvorsitzenden Jürgen Fitschen und Anshu Jain schnell die Versprechen einlösen, die sie zu ihrem Amtsantritt gemacht haben. Sie und ihr Aufsichtsratschef wissen, dass ihre Bank nicht überleben kann, wenn die Bürger dem Institut kein Vertrauen schenken. Deshalb sprechen sie davon, ihr Bankgeschäft nachhaltig zu machen und der Gesellschaft dienen zu wollen. Das sind große Worte. Im Alltag aber muss sich Jain, in dessen Verantwortungsbereich die Libor-Manipulationen stattgefunden haben, dem Vorwurf stellen, die Ermittlungen gegen das Zinskartell nicht energisch genug vorangetrieben zu haben.

          Zwielichtige Banker können aber die Argumentation für den Nutzen ihrer Branche nicht mehr glaubwürdig vortragen: Die Marktwirtschaft braucht leistungsfähige private Banken. Unternehmer und Privatpersonen sind auf Liquidität und effiziente Möglichkeiten angewiesen, um ihre Ersparnisse in produktive Investitionen umzuwandeln. Jedem sollte klar sein, dass Banken dies nur können, indem sie Wetten auf die Zukunft eingehen und dabei auch selbst Geld verdienen dürfen. Die Geschichte hat gezeigt, dass niemand die Rolle dieses Geldmaklers so gut spielen kann wie ein auf Wettbewerb gründendes Bankensystem. Doch das System braucht auch Vertrauen. Dieses haben die Banker in den vergangenen Jahren gründlich verspielt.

          Die Kosten müssen sinken

          Selbst Männer wie Nikolaus von Bomhard, der Vorstandsvorsitzende der Münchner Rück, werben deshalb dafür, das risikoreiche Investmentbanking vom ruhigen Geschäftsbankenzweig zu trennen. Dass war bis 1999 in den Vereinigten Staaten ohnehin so. Dann wurde das Gesetz aufgehoben, das die Trennung vorschrieb. Viele suchen nun einen Weg zurück.

          Entwickelte sich die Bankenwelt in diese Richtung, wäre das für die Deutsche Bank ein Schlag. Denn Jain und Fitschen sind angetreten, um alle Skeptiker von den Vorteilen der integrierten Bank zu überzeugen. Auch Privatkunden sollen von den Dienstleistungen der Investmentbanker profitieren. Bis aber der Privatkunde und Wähler diesen Nutzen erkannt hat, könnte es aus Sicht der Bank zu spät sein.

          Denn hören die Skandale nicht auf, wird die Gesellschaft den Banken die Rechnung präsentieren. Es ist nicht auszuschließen, dass diese so hoch sein könnte, dass sie das Wachstum der Wirtschaft belastet. Aber Wachstum, das Banken mit Milliardenrisiken erkaufen, will niemand mehr. Der Grundlagenvertrag zwischen den Banken und der Gesellschaft hat sich verändert. Auch das sind Worte von Anshu Jain. Jetzt ist es an den Banken, den neuen Vertrag endlich zu erfüllen. Der erste Schritt in diese Richtung ist, die eigenen Kosten zu senken, statt die Risiken zu erhöhen. Zumindest diesen Weg hat die Deutsche Bank eingeschlagen.

          Carsten Knop

          Chefredakteur digitale Produkte.

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