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Fußball in ARD und ZDF : Öffentlich rechtliche „Geldverschwendung“

Es geht in die Verlängerung: die neue Saison der Fußball-Bundesliga – natürlich nur im „Ersten“ Bild: Picture-Alliance

ARD und ZDF senden so viel Fußball wie nie. Das sei „Geldverschwendung“, sagen Kritiker. Auch ein prominenter Ökonom findet gegenüber der F.A.Z. deutliche Worte.

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          Seit zwei Monaten laufen in den Programmen von ARD und ZDF zur besten Sendezeit erst die Fußball-Europameisterschaft, dann die Olympischen Spiele und nun, mit dem Auftakt an diesem Freitag, die neue Saison der Fußball-Bundesliga. Die Öffentlich-Rechtlichen haben für etliche Millionen die Übertragungsrechte dafür eingekauft. Wer viel Geld für eine Ware ausgibt, der redet sie selten schlecht. Und so verwunderte es in dieser Woche nicht, dass die Intendanten nach der Olympia-Schlussveranstaltung in Rio de Janeiro ein überaus positives Fazit zogen, sich über 2,91 Millionen Zuschauer freuten, die im Durchschnitt die Live-Übertragungen sahen und ARD und ZDF Tag für Tag, Abend für Abend die allerbesten Einschaltquoten lieferten. Für ZDF-Intendant Thomas Bellut steht fest: „Die Übertragungen aus Rio haben erneut eindrucksvoll bewiesen, dass wir es können.“

          Henning Peitsmeier

          Wirtschaftskorrespondent in München.

          Nicht alle wollen bei dieser Selbstbeweihräucherung mitmachen. Selbst so manchem Sportfan wird es zu viel. Tennislegende Boris Becker, der Anfang der Woche die Auszeichnung zur „Lichtgestalt des Jahres“ erhielt, nutzte die Bühne für eine Frontalkritik: „Olympia hat das gezeigt. Es läuft meines Erachtens zu viel Fußball.“ Verbandsvertreter kleinerer Sportarten sprechen angesichts der Monokultur von einer „Schande“. Tatsächlich sind bei den Öffentlich-Rechtlichen inzwischen sogar Freundschaftsspiele in voller Länge zu sehen. Kaum war die Fußball-EM abgepfiffen, übertrug das ZDF die sportlich bedeutungslose Partie des FC Bayern gegen Manchester City, obwohl auf beiden Seiten vor allem Nachwuchsspieler auf dem Platz standen, weil die meisten Stars im Sommerurlaub weilten.

          Es fehlte natürlich auch Jerome Boateng, für dessen Wechsel von Manchester nach München das Ablösespiel ursprünglich vereinbart worden war – vor fünf Jahren. Nur, warum eigentlich betätigt sich das ZDF als Steigbügelhalter für das Privatgeschäft der Bayern? Der Rekordmeister machte an dem Abend große Kasse, weil sich seine Sponsoren bei der Übertragung in Szene setzen konnten. Wie ist das alles mit dem Programm- und Bildungsauftrag der Staatssender zu vereinbaren?

          „Eine Geldverschwendung“

          „Die Fußball- und Live-Sportübertragungen sind eine Geldverschwendung und gehören nicht zum Programmauftrag der öffentlich-rechtlichen Sender. Im Vergleich zu anderen Inhalten geht es hier um die am teuersten produzierten Sendeminuten“, kritisiert Justus Haucap gegenüber der F.A.Z. Der Volkswirt ist Dekan der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Heine-Universität in Düsseldorf, war einst Vorsitzender der Monopolkommission und hat im vergangenen Jahr mit zwei Kolleginnen ein Gutachten für eine radikale Reform der Rundfunkordnung verfasst. Haucap bemängelt auch, dass die Staatssender für die teuer gekauften Sportrechte eine Geschäftsbeziehung mit den Sportorganisationen eingingen und damit Verbandssysteme förderten, die Anstand und gute Führung vermissen ließen. „Zugleich besteht die Gefahr, dass durch die Verbindung journalistische Distanz verlorengeht. Wir sehen ja im Sport mit wenigen Ausnahmen eine Hofberichterstattung.“

          Bundesliga : Saisonauftakt für die Bayern

          Die privaten Anbieter gucken derweil in die Röhre. Ob RTL oder Pro Sieben Sat.1, ihre Einschaltquoten sind in den vergangenen Sportmonaten dramatisch gesunken, weil König Fußball spielend leicht das Konkurrenzangebot der Privaten im Vorabend- und Abendprogramm verdrängt. „Der entscheidende Punkt ist doch der: ARD und ZDF erhalten von uns allen 8 Milliarden Euro, um Vielfalt zu gewährleisten, die es allein aus dem kommerziellen Markt heraus nicht gäbe. Wenn die Kollegen nun aber das Geld und die Sendezeit fast ausschließlich für massenattraktive Sportevents wie die Fußball-Champions-League oder die Bundesliga ausgeben, die genauso gut durch die Angebote der privaten Medienunternehmen übertragen werden können, dann schadet das uns, den etwas weniger bekannten Sportarten und der Vielfalt und Alleinstellung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks“, kritisiert Tobias Schmid, der Vorstandsvorsitzende des Verbandes Privater Rundfunk und Telemedien (VPRT). Er fordert gegenüber dieser Zeitung, „das aktuelle Selbstverständnis der Kollegen in diesem Bereich der Auftragserfüllung zu überprüfen“.

          Programmauftrag nicht klar definiert

          Doch die Medienpolitik in Deutschland tut sich schwer. Seit Bestehen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks ist der Programmauftrag für ARD und ZDF nicht klar definiert. Vom einstigen Volksbildungsauftrag sprechen heute nicht einmal mehr die Intendanten. Zwar ist im Staatsvertrag von einem nichtkommerziellen Rundfunk die Rede, aber dennoch bescheren Werbung und Sponsoring ARD und ZDF Zusatzeinnahmen von fast 1,8 Milliarden Euro binnen einer Gebührenperiode. Dabei schöpfen ARD und ZDF aus einem noch einmal größer gewordenen Gebührentopf: Der neue Rundfunkbeitrag, den seit 2013 jeder zahlt, ganz gleich, ob er einen Fernseher oder ein Radio besitzt, führt in der Gesamtperiode bis 2016 zu 1,6 Milliarden Euro Mehreinnahmen, wie sich dem jüngsten Jahresbericht entnehmen lässt. Genau 8,13 Milliarden Euro stehen dort in der Bilanz, von denen 5,76 Milliarden Euro an die ARD fließen, etwa 2 Milliarden ans ZDF und 218 Millionen Euro an das Deutschlandradio.

          Kritik an teuren Sportübertragungen: Der Gebührenzahler bekommt keine Informationen über die tatsächlichen Kosten für Übertragungsrechte von Sportevents.
          Kritik an teuren Sportübertragungen: Der Gebührenzahler bekommt keine Informationen über die tatsächlichen Kosten für Übertragungsrechte von Sportevents. : Bild: dpa

          Kein anderer westlicher Staat leistet sich ein vergleichbar aufgeblasenes Konstrukt. Auch der Wissenschaftliche Beirat des Bundesfinanzministeriums hat schon seine Bedenken geäußert. Finanziert werden mit den Gebührenzahler-Milliarden 22 Fernsehsender, 67 Radioprogramme, zahlreiche Internetangebote und 25000 festangestellte Mitarbeiter. Die Gebührenanstalten unterhalten Funkhäuser, Studios, Regional- und Korrespondentenbüros. Allein für die betriebliche Altersversorgung der Anstalten werden in den nächsten vier Jahren 2,1 Milliarden Euro benötigt. Für das gesamte Sport-Programm gab die ARD 461 Millionen Euro allein im Jahr 2014 aus, das ZDF 368 Millionen Euro. Nichts ist im Programm teurer.

          Alle Zweifel werden von den Öffentlich-Rechtlichen kategorisch abgewehrt. Auf Anfrage bezieht sich die ARD auf das Bundesverfassungsgericht und dessen Feststellung, dass der Sport ein hohes gesellschaftliches Gut darstelle. Daraus leite sich der Auftrag zu einer breiten Berichterstattung ab. Und Befragungen hätten ergeben, dass mehr als 85 Prozent der Zuschauer auch weiterhin wollten, dass sportliche Großereignisse in den öffentlich-rechtlichen Sendern live gezeigt würden. „Mit Sport erreichen wir große Teile der Gesellschaft, weshalb ich darin keinen Widerspruch zum Programmauftrag feststellen kann“, sagt der ARD-Sportkoordinator Axel Balkausky. Das ZDF argumentiert ganz ähnlich. Und so wird sich weiter breit gemacht.

          Gebührenzahler bleiben im Unklaren

          Die jüngste Auktion für die Fernsehrechte an der Fußball-Bundesliga legt den Verdacht nahe, dass ARD und ZDF nicht nur mit Gebührengeldern die Preise nach oben getrieben, sondern sich sogar untereinander Konkurrenz gemacht haben. Wie gewohnt, sicherte sich die ARD die „Sportschau“ am Samstag und musste dafür vermutlich deutlich mehr bezahlen als die bisher kolportierten 100 Millionen pro Jahr. Verloren hat sie die Rechte an sechs Live-Spielen: Warum die Bundesliga-Auftaktpartien, Relegationsspiele und der Supercup auf einmal im ZDF gezeigt werden, war weder von der DFL noch von den Sendern zu erfahren.

          Was investiert wird, soll der Gebührenzahler nicht erfahren. Rechtliche Gründe und die Wettbewerbssituation werden von ARD und ZDF dafür angeführt – während der Bezahlsender Sky als börsennotiertes Unternehmen die bezahlte Summe kurz nach der Auktion auf die Nachkommastelle bekanntgab. „Die Intransparenz hat Methode und ist bedenklich. Als Sender, die von Zwangsgebühren leben, müsste es eigentlich umgekehrt sein und eine höhere Verantwortung gegenüber dem zahlenden Bürger gezeigt werden“, sagt Haucap.

          Immerhin ließ die ARD auf Nachfrage durchblicken, die Frage um überzogene Millionengagen für Fußballexperten wie den einstigen Bayern-Profi Mehmet Scholl zu bedenken. „Die Diskussion ist auf der Grundlage falscher Zahlen geführt worden“, sagt Balkausky. „Dennoch werden wir intern besprechen, wie wir damit in Zukunft umgehen werden, um den Spagat zwischen notwendiger Transparenz und Schutz des Persönlichkeitsrechts unserer Protagonisten zu schaffen.“

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