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Protest bei TUIfly : Kollektives Krankfeiern ist asozial

Asozialer Protest: Kollektives Krankmachen stellt tatsächlich arbeitsunfähige Mitarbeiter unter Generalverdacht. Bild: dpa

Der Widerstand gegen das Unternehmen TUIfly ist eskaliert. 500 Mitarbeiter haben sich gleichzeitig krankgemeldet. So effektiv die Protestaktion auch sein mag, sie bleibt nicht ohne einen bitteren Beigeschmack.

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          Protest lässt sich auf vielfache Weise äußern. Die anstrengendste ist der offene Widerstand, der kultivierte Streit, der Arbeitskampf. Denn da gibt es Regeln, offizielle oder inoffizielle, jedenfalls solche, an die man sich in unserer Gesellschaft halten muss, wenn man etwas durchsetzen will. Die faulste Art und Weise ist die Krankheit. Dass man sich am besten vor Schmerzen krümmt, wissen schon Kinder, die nicht zur Schule wollen. Damit erspart man sich jede Argumentation.

          Wie effektiv dieser Weg jedoch sein kann, haben in dieser Woche die Mitarbeiter von TUIfly gezeigt. Durch eine offensichtlich konzertierte Aktion von 500 Krankmeldungen haben sie gleich den ganzen Konzern lahmgelegt, mit dem sie gerade im Clinch liegen. Tausende Passagiere sitzen frustriert auf ihrem Urlaubsgepäck und fragen sich, was sie damit zu tun haben.

          Das Theater ließ den Reisekonzern nicht kalt: Schon nach einem Tag des zivilen Ungehorsams hat der Reisekonzern eingelenkt und eine mindestens dreijährige Standort- und Tarifgarantie gegeben. Außerdem hat er die Entscheidung über die geplante Neuordnung auf Mitte November verschoben.

          Unwürdiges Mittel des Widerstands

          „Glückwunsch“, mag man da jubeln, doch der Jubel bleibt im Hals strecken, selbst wenn man noch so viel Verständnis für den Missmut der TUIfly-Mitarbeiter aufbringen kann. Kollektiv blauzumachen ist das unwürdigste Mittel des Widerstands. Es ist illegal und asozial. Dass man darauf auch noch explizit hinweisen muss, das zeigt nur, wie selbstverständlich es im Arbeitsleben schon geworden ist.

          Dabei ist der Arbeitnehmer seinem Chef keineswegs schutzlos ausgeliefert, nur weil er sich an ein paar Regeln zu halten hat. Streiks müssen die Gewerkschaften ankündigen, damit sich das Unternehmen irgendwie darauf vorbereiten kann. Sie entbinden den Arbeitgeber wenigstens davon, für eine Arbeitsleistung auch noch zu zahlen, die sie niemals erhalten haben – anders als bei der Krankmeldung. Wie wirksam ordentliche Arbeitskämpfe sein können, zeigen die Gewerkschaften bei Bahn und Lufthansa in schöner Regelmäßigkeit. Selbst an die (oft sehr kurze) Friedenspflicht sind die Arbeitnehmer nicht notgedrungen gebunden: Für den Fall, dass der Betriebsrat zur Abfederungen eines Konzernumbaus einen Sozialtarifvertrag durchsetzen möchte, ist ein Streik erlaubt.

          Gefahr des Generalverdachts

          Gewerkschaften geben sich gerne unorthodox, aber aus gutem Grund war es lange Zeit verpönt, zum Mittel der kollektiven Krankschreibung zu greifen, obwohl der Grad der Effektivität verführerisch ist. Das sollte so bleiben, denn auch ohne Einsatz beim Arbeitskampf hat das Krankfeiern schon lästige Ausmaße angenommen. Es stellt all jene unter Generalverdacht, die tatsächlich mit einer Grippe im Bett liegen und auf die großzügigen Regelungen zu Entgeltfortzahlung im Krankheitsfall angewiesen sind. Viele Unternehmen erlauben es ihren Mitarbeitern, bei einer kurzen Unpässlichkeit ohne große Umstände zu Hause zu bleiben. Erst nach dem dritten Tag brauchen sie ein ärztliches Attest. Von Gesetzes wegen könnten Arbeitgeber es bereits vom ersten Tag an verlangen. Diese Großzügigkeit ist sinnvoll und erspart allen Beteiligten viel Zeit und Mühe, bietet aber Raum für Missbrauch.

          Wie sehr er schon jetzt Teil des Arbeitslebens ist, verrät keine Statistik. Die kann allenfalls einen Verdacht begründen. Die Berliner Verwaltung machte unlängst durch lange Krankmeldungen von sich jeden: 35,5 Kalendertage im Jahr fallen die Beschäftigten durchschnittlich aus, so häufig wie nirgendwo sonst in Deutschland. Natürlich sind auch etliche echte Krankheitsfälle darunter, aber das Ausmaß der körperlichen Gebrechlichkeit bleibt im Ungefähren.

          Bestätigt wird der Missbrauch allenfalls durch anekdotische Evidenz. Doch die kennen viele, denn unter dem Krankfeiern leiden nicht nur Unternehmen, sondern vor allem die Kollegen. Irgendjemand muss die Arbeit schließlich erledigen – wenn nicht gleich alle kollektiv krankfeiern.

          Corinna Budras

          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

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