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Gelbe Plage : Mehr Mais geht nicht

2,6 Millionen Hektar Mais gibt es in Deutschland – eine Fläche, zehnmal so groß wie das Saarland. Bild: INTERFOTO

Die Energiewende hat das ganze Land zur Maisplantage gemacht. Gegner kritisieren die „gelbe Plage“ als unnötig – und sogar als gefährlich. Doch jetzt dreht sich der Wind.

          Früher war alles besser. Da wuchsen auf Deutschlands Äckern Weizen, Roggen und Gerste. Leuchtendes Ährengold, aus dem die Bäcker und Brauer Brot und Bier machten. Wer heute durchs Land fährt, sieht von Nordfriesland bis zur Oberpfalz, von der Altmark bis ins Emsland etwas völlig anderes: grüne Felder, auf denen sich dicke Stengel drei Meter hoch der Sonne entgegenrecken. Bis zur Ernte im Herbst sieht Deutschland aus wie eine große Maisplantage.

          Sebastian Balzter

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Es gibt Leute, denen das gefällt. Rund 3000 von ihnen erwartet das Landhandelsunternehmen Dehner, in anderen Kreisen vor allem wegen seiner Gartencenter bekannt, in zwei Wochen zu seinen „Maisschautagen“ in Rain am Lech, einer Kleinstadt zwischen Ingolstadt und Augsburg. Zum großen bayerischen Dreiklang aus Festzelt, Fassbier und Blaskapelle gibt es für sie dann ein besonderes Schmankerl: Mehr als 120 verschiedene Maissorten hat die Firma hinter ihren Hallen zu Demonstrationszwecken angepflanzt. Manche haben besonders kräftige Stengel und kleine Kolben, bei den nächsten ist es umgekehrt. Hier sind die Blätter hellgrün, da dunkel. Für Maisfreunde: faszinierend.

          Aber die anderen, die sich von all dem Mais auf Deutschlands Äckern gestört oder sogar bedroht fühlen, haben derzeit mehr zu sagen. Der Mais, finden sie, zerstört das Landschaftsbild. Er ist schuld daran, dass es so häufig Überschwemmungen gibt, weil er später im Jahr wächst als anderes Getreide und die Reihen zwischen den Stengeln so groß sind, weshalb das Regenwasser zu schnell abfließt. Er bedroht die Artenvielfalt. Und wenn er zu Biogas vergärt wird, verschlingt er nicht nur Milliarden von Subventionen, die für die Energiewende draufgehen. Er hat vorher auch noch den Platz auf dem Acker für andere, edlere Pflanzen versperrt.

          „Gelbe Plage“

          Nicht einmal den Klimaschutz dank Biogas lassen die Maisfeinde als Pluspunkt gelten: Die Äcker setzten nachts so viel Lachgas frei, ein Stickoxid, dass dieser Effekt sich sogar ins Gegenteil verkehre, heißt es. Vor der „Vermaisung“ des Landes wird gewarnt, der „gelben Plage“, die alles plattmache. Sogar die Umweltministerin hat den Mais auf dem Kieker. Der Mais, kurzum, ist der neue Oberschurke der modernen Landwirtschaft.

          All die Vorwürfe können sie in Rain am Lech, wo bald das große Maisfest steigt, nicht mehr hören. „Kommt alles auf die Anbaumethode an“, hält Manfred Neubauer dagegen, einer der Agrarberater der Firma Dehner: Auf die Fruchtfolge, die Maissorte, die Winterbegrünung, die Entscheidung, den Boden nicht zu pflügen, sondern nur mit einem Grubber aufzulockern. Neubauer ahnt, dass es für solche Details kein Gehör mehr gibt. Viel zu fest steht die Front der Mais-Gegner. Manche Landwirte säen schon rund um ihre Maisfelder Streifen mit Gräsern und bunten Blumen an. Zur Tarnung.

          Tatsächlich hat sich seit dem Jahr 2000 keine andere Nutzpflanze so breitgemacht wie der Mais. Die Gerste hat er locker abgehängt, Roggen und Raps sowieso. Nur der Weizen hält sich noch, aber von dem stehen im späten August höchstens noch die Stoppeln. Dabei war der Mais ursprünglich ganz woanders zu Hause, bei den Inkas und Azteken. Jetzt bauen ihn die deutschen Landwirte auf 2,6 Millionen Hektar an, seit 2000 ein Zuwachs von 73 Prozent: eine Fläche, zehnmal so groß wie das Saarland.

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