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Gelbe Plage : Mehr Mais geht nicht

Vermaisung Deutschlands

Die Erklärung ist einfach. Die Kuh- und Schweinehalter brauchten nicht plötzlich so viel mehr Futter für ihr Vieh, auch der Popcorn-Verbrauch stagniert. (Nebenbei: Die süße Maissorte, die uns Menschen schmeckt, gedeiht ohnehin nur in wärmeren Gefilden, wird vor allem aus Frankreich und Italien importiert.) Aber seit dem Jahr 2000 sind in Deutschland rund 8000 Biogasanlagen gebaut worden, an den Kuppeln ihrer runden Gärbehälter bestens zu erkennen.

Über das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) und die Einspeisevergütung für Ökostrom hat der Staat ihren Betreibern bislang rund 48 Milliarden Euro überwiesen. So erklärt sich die Vermaisung Deutschlands ganz simpel. 48 Milliarden sind nur ein Bruchteil der Gesamtkosten für die Energiewende, aber an und für sich eine gewaltige Summe. Damit ließe sich ein respektabler Staat wie Bolivien, wo die Inkas herkommen, drei Jahre lang finanzieren.

Ein Stück vom Kuchen hat Alois Abt bekommen. Ihm gehört ein 100-Hektar-Bauernhof in Bayerisch Schwaben, nicht weit von Rain am Lech. 2005, da war er 37 Jahre alt, machte er sich Gedanken über die Zukunft. Im Stall standen damals 45 Milchkühe. Um sie zu füttern, baute Abt auf 25 Hektar Mais an. Er ging zur Beratung ins Landwirtschaftsamt. So sei der Hof langfristig nicht überlebensfähig, hieß es. „Wir hatten die Wahl: Entweder verdoppeln wir die Viehhaltung. Oder wir setzen auf Biogas.“

Erfüllungsgehilfen der Landschaftsschutzbehörde

Alois Abt ist ein neugieriger Mann, er glaubt an den technischen Fortschritt, also entschied er sich für die zweite Variante. Er verkaufte seine Kühe und nahm einen Kredit auf, um Fermenter und Blockheizkraftwerk bauen zu können, erweiterte die Anlage 2010, jetzt hat sie eine Leistung von 500 Kilowatt. Dafür befüllt Abt sie mit Gülle, Gras – und Mais, der vorher samt Stengel und Blättern gehäckselt und im Silo haltbar gemacht wird. Seine eigene Maisanbaufläche hat der Landwirt aus Bayern verdoppelt, außerdem kauft er gut 1500 Tonnen im Jahr zu. Warum sich das für ihn lohnt? Abt will sich nicht in die Bücher schauen lassen, aber er hat keine Einwände gegen die branchenüblichen Durchschnittswerte: Etwa 2,5 Millionen Euro kostet so eine Anlage, 4 Millionen Kilowattstunden Strom erzeugt sie im Jahr, genug für ein 600-Einwohner-Dorf. Rund 800.000 Euro Einspeisevergütung garantiert das EEG dafür, zwanzig Jahre lang. Da bleibt was für die Tilgung übrig.

So wie Alois Abt haben viele Landwirte in den vergangenen Jahren gerechnet und sind zu Energiewirten geworden, viel mehr als von den Politikern erwartet. Die rieben sich bald verwundert die Augen, wie schnell die EEG-Milliarden die Landwirtschaft umkrempelten, eine ganze Branche samt Zuliefer-, Wartungs- und Beraterindustrie entstehen ließen – und nebenbei den Mais zur Pflanze der Stunde machten.

Die meisten Landwirte verstehen sich nämlich nicht als Erfüllungsgehilfen der Landschaftsschutzbehörde, sondern als Unternehmer – noch dazu als solche, deren Kapitaleinsatz wegen der teuren Maschinen und der Bodenpreise ungewöhnlich hoch ist. Unternehmer, das weiß jeder, müssen flexibel sein, ihre Chancen nutzen. Also Mais anbauen.

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