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Krisenmanagement : Kleinfelds Chaostage

  • -Aktualisiert am

Über solche Fotos in der „Bild” muß sich Kleinfeld nicht mehr ärgern Bild: ddp

Fachleute verteilen schlechte Noten für die Öffentlichkeitsarbeit von Siemens. Eine ratlose Presseabteilung und ein stammelnder Klaus Kleinfeld lassen das Krisenmanagement des Konzerns nicht gerade professionell aussehen.

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          Die Kommunikationsabteilung von Siemens kann sich über das erste Erfolgserlebnis seit langem freuen - nach schweren Tagen mit harter Kritik für Vorstandschef Klaus Kleinfeld. Der via „Bild“-Zeitung lancierte Verzicht auf die Gehaltserhöhung kommt in den meisten Fernseh- und Rundfunksendern sowie Zeitungen gut an. Doch ist es gar kein echter Verzicht, denn es bleibt bei der Gehaltserhöhung von 30 Prozent für die Vorstände von Siemens. Vielmehr spenden die zehn Spitzenmanager des Konzerns den Einkommensaufschlag für ein Jahr. Fünf Millionen Euro sollen somit Mitarbeitern von Benq Mobile zugute kommen, die ihren Arbeitsplatz beim insolventen Mobiltelefonhersteller verlieren könnten.

          In der Pressemitteilung von Siemens über den Hilfsfonds für Benq Mobile erscheint das Wort „verzichtet“ gleich im zweiten Satz. Weiter unten wird die Geste des Vorstands korrekt erläutert: „Angesichts der derzeitigen Situation hat der Vorstand entschieden, die Gehaltserhöhung in den Härtefonds einzubringen.“ Wie in einer E-Mail von Kleinfeld an alle Mitarbeiter von Siemens fehlt aber nicht der trotzige Hinweis, daß der Aufsichtsratsvorsitzende Heinrich von Pierer die „sachliche Berechtigung“ der Gehaltserhöhung in den vergangenen Tagen nochmals ausführlich begründet habe.

          Schlechte Noten für die Öffentlichkeitsarbeit

          In der „Bild“ und in manchen anderen Zeitungen ist nicht zu lesen, daß der vermeintliche Verzicht auch nur für ein Jahr gilt. Kleinfeld kann das nur recht sein. Mit der Geste ist er aus der Schußlinie gekommen, wie Werner Neugebauer, der bayerische IG-Metall-Chef, festgestellt hat.

          Schon legendär: Die wegretuschierte Rolex-Uhr an Kleinfelds Handgelenk

          Fachleute geben der Öffentlichkeitsarbeit von Siemens dennoch schlechte Noten. „Sie lassen sich nur treiben, agieren nicht, sondern reagieren nur“, sagt ein Fachmann für Kommunikation in Krisenfällen. Politiker haben Kleinfeld hart wegen der Gehaltserhöhung attackiert und in den vergangenen Tagen Siemens aufgefordert, Verantwortung für Benq Mobile zu übernehmen. „Wenn man aber auf öffentlichen Druck reagiert, verpufft das eher“, meint der Experte, der nicht mit Namen genannt werden will. Auch andere Unternehmen unterschätzten, daß Themen der globalisierten Wirtschaft längst ein Politikum geworden seien. „Kommunikationsabteilungen dürfen deshalb nicht nur betriebswirtschaftlich denken, sondern müssen sich auch wie Politiker im Wahlkampf verhalten.“

          Schöne Fotos in der „Bild“

          Die Ereignisse in den vergangenen Tagen haben Siemens überrollt. „Die öffentliche Reaktion hat uns mindestens so stark überrascht wie die Entwicklung von Benq Mobile“, sagte Kleinfeld am Mittwoch. Daß er den vermeintlichen Gehaltsverzicht in der „Bild“-Zeitung präsentierte, ist kein Zufall. Das Boulevardblatt hatte den Siemens-Chef zum Buhmann der deutschen Wirtschaft erkoren und ihn als Raffke-Boss beschimpft. Die „Bild am Sonntag“ schürte nach der Insolvenz von Benq Mobile die Empörung und gab Kleinfeld den Titel „der Ruinator“.

          Dank der Exklusivmeldung über den Hilfsfonds hat „Bild“ den Druck auf den Siemens-Chef urplötzlich aufgegeben. Kleinfeld muß sich jetzt auch nicht mehr über Fotos ärgern, die ihn in unvorteilhafter Pose zeigen. Das Blatt des Axel-Springer-Verlags wählt neuerdings Bilder, die ihn mal nachdenklich, mal dynamisch und souverän darstellen.

          Stammeln und drucksen im Fernsehen

          Zur am vergangenen Wochenende ausgedachten, letztlich aber nur halbherzigen Strategie, Farbe zu bekennen, gehörten auch Kleinfelds Auftritte im ZDF-Heute-Journal und in den ARD-Tagesthemen am Montag abend. Nach Ansicht von Fachleuten war es ein Reinfall. „Ihm fehlte jede Art von Souveränität“, sagt ein Kommunikationsexperte. „Er wirkte fahrig und konnte den Eindruck nicht verbergen, gewaltig unter Druck zu stehen.“

          Manche Antworten begann er mit einem Stammeln, etliche Fragen ließ er ins Leere laufen. Wie schon in den vergangenen Monaten drückte er sich um eine Erklärung für das Desaster mit den Mobiltelefonen. Dabei war Kleinfeld schon 2004 im Zentralvorstand für das Arbeitsgebiet Information und Kommunikation mit dem kriselnden Handygeschäft verantwortlich gewesen. Ratschläge für überzeugende Fernsehauftritte hat er von seinen Mitarbeitern in der Öffentlichkeitsarbeit bisher offensichtlich nicht beherzigt oder nicht erhalten.

          Eitelkeit als Hindernis

          Auch in anderen wichtigen Fragen wirkt die Presseabteilung von Siemens ratlos. Ein Fall liegt zwar schon fast ein Jahr zurück, doch erscheint er symptomatisch. Im November 2005 hatte Kleinfeld in einer Analystenkonferenz angekündigt, SBS, die Sparte für Informationstechnik-Dienstleistungen, werde im Ausland 3000 Stellen streichen. Sowohl die Pressesprecher in der Konzernzentrale als auch von SBS waren darüber nicht informiert und konnten Kleinfelds Worte erst später kommentieren.

          Auch über Einzelheiten der Gehaltserhöhung für die Vorstände, über die die Zeitschrift „Spiegel“ Mitte September erstmals berichtet hatte, wußten die Sprecher einige Tage lang nicht Bescheid. Kommunikationschef Janos Gönczöl konnte sich noch nicht als Bindeglied zwischen Vorstand und der Presseabteilung einordnen. Die Nähe zu den Medien fehlt ihm ohnehin. Sein Vorgänger Eberhard Posner hatte dagegen mit dem damaligen Vorstandschef Heinrich von Pierer nahezu blindes Verständnis bewiesen und die Pressesprecher eng eingebunden.

          Nach Ansicht von Beobachtern macht zudem Kleinfelds Eitelkeit die Öffentlichkeitsarbeit schwer. Auf Kritik reagiert er dünnhäutig. Mit dem Bestreben, sich und den Konzern stets nur im hellsten Licht erscheinen zu lassen, sorgt er bei Journalisten für Kopfschütteln. Auf die schon legendäre Sache mit der Rolex-Uhr ist er überhaupt nicht gut zu sprechen. Auf einem Foto hatte er das goldene Stück nachträglich wegretuschieren lassen. Ein Trost bleibt Kleinfeld. Zumindest die "Bild"-Zeitung wird die Rolex nicht mehr so schnell erwähnen.

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