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Krisengipfel folgt auf Krisengipfel : Panik an Weltbörsen setzt G7 unter Handlungsdruck

  • Aktualisiert am
Auf ihre Ideen wartet die Welt: Fed-Chef Ben Bernanke und der amerikanische Finanzminister Henry Paulson beim G7-Treffen der Finanzminister und Notenbankchefs in Washington
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          Die sieben führenden Industrienationen stehen angesichts der Panik an den Weltbörsen unter massivem Druck, mit allen Mitteln einen Zusammenbruch des Bankensystems zu verhindern. Finanzminister und Notenbankchefs der G7 drängten vor ihrem Treffen am Freitag in Washington auf schnelle koordinierte Entscheidungen noch an diesem Wochenende. In Deutschland arbeitet die Bundesregierung nach Angaben eines führenden Koalitionspolitikers bereits an einem umfassendem Rettungspaket für die Bankenbranche nach britischem Vorbild. Dabei sind auch vorübergehende Staatsbeteiligungen an kapitalschwachen Finanzinstituten kein Tabu mehr.

          Amerikas Präsident George W. Bush, der am Samstag die G7-Finanzminister treffen wird, rief die amerikanischen Bürger in einem dramatischen Appell auf, Ruhe zu bewahren. „Angst kann Angst nähren“, sagte er. Die amerikanische Regierung werde nach ihrem jüngsten Rettungspaket im Volumen von 700 Milliarden Dollar weiter aggressiv gegen die seit mehr als einem Jahr währende Finanzkrise vorgehen, versprach Bush. „Wir haben die Instrumente, diese Krise zu lösen, und arbeiten fieberhaft daran, dies zu tun.“

          Dax bricht erneut um mehr als sieben Prozent ein

          In der Europäischen Union wiederum mehren sich die Anzeichen für einen Krisengipfel in den nächsten Tagen. Nach Angaben des französischen Präsidialamts treffen sich die Staats- und Regierungschefs der Euro-Länder am Sonntag in Paris, um einen gemeinsamen Aktionsplan der Mitgliedsstaaten mit der Europäischen Zentralbank abzustimmen. Der italienische Ministerpräsident Silvio Berlusconi sprach zudem von einem möglichen G8-Gipfel in der nächsten Woche. Zu den G8 gehört neben den G7-Ländern Deutschland, Frankreich, Italien, Großbritannien, Amerika, Kanada und Japan auch Russland.

          Mehr als ein Wort zur Finanzkrise: Präsident George W. Bush am Freitag im Garten des Weißen Hauses
          Mehr als ein Wort zur Finanzkrise: Präsident George W. Bush am Freitag im Garten des Weißen Hauses : Bild: AFP

          Wie brisant die Lage ist, zeigten am Freitag erneut die drastischen Kursverluste an den Börsen rund um den Globus. Hauptgrund sind Ängste der Investoren vor einem Kollaps des Finanzsystems. Allein der deutsche Leitindex Dax sackte um mehr als sieben Prozent ab, wobei Bankaktien erneut oben auf der Verkaufsliste standen. Berlusconi brachte angesichts dieser Verluste bereits eine eintägige Aussetzung des Börsenhandels weltweit ins Gespräch.

          „Nicht zu handeln, ist keine Alternative mehr“

          Bundesfinanzminister Peer Steinbrück und Bundesbankpräsident Axel Weber zeigten sich angesichts der Zuspitzung der Finanzkrise beunruhigt. Steinbrück warnte vor dem „Risiko einer systemischen Krise“ in Deutschland. Beide forderten ein international koordiniertes und unverzügliches Vorgehen. „Die Alternative, nicht zu handeln, ist für uns derzeit keine Alternative mehr“, betonte Weber. Das schließe aber national unterschiedliche Wege nicht aus, sagte Steinbrück.

          Auch EU-Währungskommissar Joaquin Almunia drängte auf ein rasches Vorgehen. „Was die Märkte jetzt erwarten, ist, dass die politisch Verantwortlichen einen umfassenden Lösungsansatz präsentieren“, sagte er. Isolierte Initiativen honorierten die Investoren nicht mehr. Ähnlich äußerte sich der britische Finanzminister Alistair Darling: „Wir müssen zeigen, dass wir nicht nur fähig sind zu reden über diese Fragen, sondern auch handeln können“, sagte er. Die Banken müssten sich wieder vertrauen, damit sie sich gegenseitig auch wieder Geld leihen würden.

          Auch in Deutschland wird eine Teilverstaatlichung von Banken nicht mehr ausgeschlossen

          Ein zentraler Bestandteil von Hilfspaketen dürfte sein, den unter hohen Abschreibungen leidenden Banken frisches Kapital zukommen zu lassen. „Die Regierungen müssen bei diesem Prozess helfen“, sagte Darling. Ein Teil eines milliardenschweren Rettungspakets der britischen Regierung für ihre Bankenbranche ist die Teilverstaatlichung von Instituten. Auch in Deutschland ist ein solcher politisch sensibler Schritt offenbar mittlerweile denkbar: Wenn die Märkte den Banken kein Kapital mehr zur Verfügung stellen könnten, müsse notfalls der Staat zeitweise als Anteilseigner einspringen, betonte Bundesbankpräsident Weber. Steinbrück wollte sich hierzu nicht äußern, Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte einen solchen Weg kurz zuvor aber nicht ausgeschlossen.

          Neben Staatsbeteiligungen sind auch Garantien für Bankverbindlichkeiten im Gespräch, um die eingetrockneten Geldmärkte wieder zu beleben. Darüber hinaus sollen die Bilanzierungsregeln dahingehend flexibilisiert werden, dass sie Wertverluste in ihren Büchern nicht mehr sofort abschreiben müssen. Steinbrück kündigte an, dass die Europäische Union hierzu wohl bereits Anfang kommender Woche konkrete Entscheidungen treffen werde, damit die Banken die Regeln schon für das dritte Quartal anwenden können. Die Vereinigten Staaten haben eine solche Lockerung bereits beschlossen.

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