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Vorläufige Schätzung : Kreis Ahrweiler beziffert Flutschäden auf mehr als 3,7 Milliarden

  • Aktualisiert am

Ein Bagger steht vor einem durch die Flut beschädigten Haus in Bad Neuenahr. Bild: dpa

Dass die Flutschäden im Ahrtal immens sind, ist längst klar. Nun nennt der stark zerstörte Kreis Ahrweiler eine erste geschätzte Summe.

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          Rund dreieinhalb Wochen nach der Flutkatastrophe hat der besonders betroffene Kreis Ahrweiler eine geschätzten Summe der Schäden genannt. Demnach hat das Hochwasser Mitte Juli allein dort an kommunalen Einrichtungen einen Schaden von geschätzt mehr als 3,7 Milliarden Euro angerichtet, wie die Kreisverwaltung am Samstag in Bad Neuenahr-Ahrweiler mitteilte. Am Dienstag wird sich die Ministerpräsidentenkonferenz unter anderem mit der Wiederaufbauhilfe für die betroffenen Regionen in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen beschäftigen.

          Die geschätzten und vorläufigen milliardenschweren Kosten der Kommunen im Ahrkreis betreffen nach Kreisangaben unter anderem Teile der Infrastruktur, Schulen, Kindertagesstätten und Sportanlagen. Der Aufbaustab des Landes Rheinland-Pfalz hatte demnach im Vorfeld der Ministerpräsidentenkonferenz betroffene Städte und Kreise um eine Meldung der Schadenshöhe gebeten.

          Abseits der Schadensermittlung laufen in der Katastrophenregion die Aufräumarbeiten weiter. Es bestehe nach wie vor großer Räumungsbedarf, teilte die für den Katastrophenschutz zuständige Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion (ADD) mit. Die Wegesituation verbessere sich aber stetig. In Dernau etwa wird laut ADD eine Behelfsbrücke geplant. In Altenahr sei die Stromversorgung zumindest teils wiederhergestellt, nach wie vor funktionierten viele Hausanschlüsse aber nicht. In Bad Neuenahr-Ahrweiler ist laut ADD weiter kein Trinkwasser aus dem Leitungsnetz verfügbar, rund 90 Prozent der Haushalte würden mit Brauchwasser versorgt, das abgekocht werden müsse.

          Helfer-Zentrum zieht um

          Am 14. und 15. Juli hatte extremer Starkregen an der Ahr eine Flutwelle ausgelöst und weite Teile des Tals unter Wasser gesetzt und zerstört. Rund 42.000 Menschen sind von den Folgen betroffen. Die Zahl der Todesopfer durch das Hochwasser liegt im Land weiter bei 142, 141 davon starben im Ahrtal. Weit über 700 Menschen wurden verletzt, 16 Personen werden immer noch vermisst.

          Es sind über 4000 Kräfte von Feuerwehr, Technischem Hilfswerk (THW), Polizei, Bundeswehr und anderen Hilfsorganisationen im Einsatz. Das sogenannte Bereitstellungszentrum der Hilfskräfte am Nürburgring wechselt seinen Standort. „Wir ziehen gerade um“, sagte der Sprecher des THW-Landesverbandes Hessen, Rheinland-Pfalz, Saarland, Michael Walsdorf. Die Arbeiten seien am Freitag losgegangen und würden noch ein paar Tage dauern.

          Der bisherige Standort im Fahrerlager am Nürburgring müsse geräumt werden, weil dort mit den Vorbereitungen für die nächste Veranstaltung begonnen werde. Vom 20. bis 22. August gastiert nach Ringangaben das Deutsche Tourenwagen Masters (DTM) an der Eifel-Rennstrecke. Künftig finden die Hilfskräfte nach THW-Angaben auf einem Zuschauerparkplatz am Ring Raum. Möglicherweise werde noch ein zweiter benötigt, sagte Walsdorf.

          Weiter geht auch die politische Aufarbeitung der Flutkatastrophe. Die CDU-Fraktion im Landtag Rheinland-Pfalz will nach Informationen aus Parteikreisen die Einsetzung eines Untersuchungsausschusses zur Flutkatastrophe beantragen. Der Fraktionsvorsitzende Christian Baldauf und der stellvertretende Fraktionschef Gordon Schnieder haben für Montag zu einem Pressegespräch „über aus Sicht der CDU-Landtagsfraktion notwendige Konsequenzen aus der Hochwasserkatastrophe“ eingeladen.

          An diesem Tag soll die Entscheidung zu einem Antrag auf Einsetzung eines Untersuchungsausschusses mitgeteilt werden, wie am Samstag aus der Partei verlautete. Zuvor berichtete die „Rhein-Zeitung“, dass die Fraktion diesen Weg gehen will. Auch die AfD hat bereits einen Untersuchungsausschuss verlangt. Als dritte Oppositionsfraktion sprachen die Freien Wähler von einem „Versagen in Meldeketten“.

          Am Freitag hatte die Staatsanwaltschaft Koblenz Ermittlungen gegen den Landrat des Kreises Ahrweiler, Jürgen Pföhler (CDU), und ein weiteres Mitglied des Krisenstabes aufgenommen. Dabei geht es um den Anfangsverdacht der fahrlässigen Tötung und fahrlässigen Körperverletzung durch Unterlassen. Im Kern soll geklärt werden, ob mit früheren Warnungen oder Evakuierungen Menschenleben hätten gerettet werden können.

          Laschet fordert raschen Beschluss des Bundestags

          Der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Armin Laschet dringt derweil auf eine rasche Sondersitzung des Bundestages zum Beschluss der Hochwasserhilfen. “Der Bundestag muss schnell zusammenkommen, um jetzt das Wiederaufbaugesetz zu beschließen“, sagte der CDU-Chef und Unions-Kanzlerkandidat der "Bild am Sonntag" laut Vorabmeldung. "Außerdem brauchen wir Rechtssicherheit. Kein Unternehmen soll Insolvenz anmelden müssen."

          Für den Wiederaufbau in den von den Überschwemmungen in den der vergangenen Wochen betroffenen Gebieten rechnet Laschet mit Unterstützung aus ganz Deutschland: "Von der Ministerpräsidentenkonferenz am Dienstag muss ein klares Signal kommen: Ein umfassender Wiederaufbau für die Flutgebiete - sofort, solidarisch und sicher für die nächsten Jahre." Es gehe um Schäden allein in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen in zweistelliger Milliardenhöhe.

          Laschet erwartet Mittel in unbegrenzter Höhe: "Tod und Leid können wir nicht wieder gut machen, aber nach dem Wiederaufbau soll keine Stadt, kein Dorf, keine Familie schlechter dastehen als vorher. Dafür gibt es keine Obergrenze." Dafür würden auch  Bauunternehmen und Handwerker aus ganz Deutschland mehrere Monate im Katastrophengebiet benötigt. In Nordrhein-Westfalen werde er einen Sonderbeauftragten für die Fluthilfe ernennen.

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