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Kreditvergabe : Deutscher Mittelstand scheint nicht unterfinanziert

Vor allem größeren Mittelständlern fällt derzeit der Gang in Frankfurts Bankenviertel nicht leicht Bild: AP

Immer wieder wird behauptet, dass der deutsche Mittelstand nicht gut finanziert sei, weil er im internationalen Vergleich zu niedrige Eigenkapitalquoten aufzuweisen habe. Was ist dran, an dieser These?

          Immer wieder wird behauptet, dass der deutsche Mittelstand nicht gut finanziert sei, weil er im internationalen Vergleich zu niedrige Eigenkapitalquoten aufzuweisen habe. In Zeiten einer nur schleppenden Kreditvergabe an die Unternehmen, wie sie derzeit beklagt wird, könnte das für viele Unternehmen existenzbedrohend wirken. Christina Bannier, Professorin für Mittelstandsfinanzierung an der Frankfurt School of Finance and Management, weist hingegen darauf hin, dass die relativ niedrigen deutschen Eigenkapitalquoten nur wenig Aussagekraft besitzen. Es stimme zwar, dass die Quoten in Deutschland geringer seien als im Ausland. Doch könne man die deutschen Zahlen nicht ohne weiteres mit den Quoten im Ausland vergleichen.

          Lisa Becker

          Redakteurin in der Wirtschaft

          Weil sie Transparenz scheuten, finanzierten sich deutsche Mittelständler weniger über den Kapitalmarkt als zum Beispiel Betriebe in Großbritannien und den Vereinigten Staaten, sagt Bannier. Deshalb müsse ein deutscher Mittelständler, der sein Unternehmen als Personengesellschaft führe, seine Vermögensverhältnisse weniger deutlich in der Bilanz abbilden als ein angelsächsisches Unternehmen, das die Rechtsform einer Kapitalgesellschaft gewählt habe. Es ist deshalb - auch jetzt in der Krise - zu vermuten, dass einige Mittelständler noch über einiges mehr an Vermögen verfügen, als in der Bilanz sichtbar wird.

          Allerdings weisen viele Mittelständler schon seit einigen Jahren wesentlich mehr Eigenkapital in ihren Bilanzen aus. Das liegt daran, dass die Banken wegen strengerer Eigenkapitalvorschriften (Basel II) die Bonität ihrer Kreditnehmer seit einigen Jahren anhand harter bilanzieller Fakten prüfen müssen. Ihre Eigenkapitalquoten im Zuge von Basel II hochzufahren, um besser an Kredite zu kommen, fiel den Mittelständlern damals allerdings nicht sonderlich schwer.

          Eigenkapitalquoten haben sich erhöht

          Nach Angaben der staatlichen KfW-Bank haben sich die Eigenkapitalquoten der kleinen und mittelgroßen Unternehmen von 2002 bis 2006 von 19 auf 24 Prozent erhöht. Dabei steigt die Quote mit der Größe des Unternehmens: Während sie für Unternehmen mit weniger als 10 Beschäftigten 2006 18 Prozent betrug, lag sie für Mittelständler mit mehr als 50 Beschäftigten bei 27,5 Prozent. Was der klassische deutsche Mittelständler nicht über Eigenkapital finanziert, holt er sich von Banken als Kredit. Nur sehr große Familienunternehmen, deren Umsatz die Milliardengrenze überschreitet, beschaffen sich auch über Anleihen Geld. Das tun einige von ihnen auch jetzt in der Krise zu recht günstigen Konditionen.

          Auch manche der etwas größeren Mittelständler hatten kurz vor der Krise begonnen, neben dem Bankkredit neue Finanzierungsquellen wie Beteiligungskapital und Mezzanine zu erschließen. Diese Quellen sind inzwischen versiegt. Mezzanine-Kapital ist ein Zwitter aus Fremd- und Eigenkapital. Es wird von vielen Banken als Eigenkapital gewertet, so dass die Bonität eines Unternehmens steigt. Allerdings wurde es über den Kapitalmarkt finanziert, weshalb es Mezzanine-Kapital seit Ausbruch der Krise nicht mehr gibt. Problematisch wird es für die Unternehmen dann werden, wenn ihre Mezzanines auslaufen.

          Gibt es nun im deutschen Mittelstand, der sich relativ stark über Bankkredite finanziert, eine Kreditklemme, wie sie von vielen beklagt wird? Dann würden selbst kreditwürdige Unternehmen, die bereit sind, alle Anforderungen der Banken zu erfüllen, keine Darlehen mehr bekommen. Aus manchen Unternehmen ist zu hören, dass sich die Banken "bis ins Extreme" absicherten, was viel Zeit und Geld koste. "Ich kann anhand der aggregierten Zahlen noch keine Kreditklemme erkennen", sagt Mittelstandsprofessorin Bannier. Sie vermutet, dass wegen eines psychologischen Effekts so viele von einer Kreditklemme sprechen. "Sie vergleichen die heutige Lage mit der vor zwei Jahren, als sie den letzten Kredit aufgenommen haben." Doch habe sich seitdem die Konjunktur deutlich abgekühlt.

          Wenig von einer restriktiven Kreditvergabe betroffen seien bisher die vielen kleineren Mittelständler, sagt Bannier. Deren Kapitalbedarf sei gering, und sie warteten erst einmal ab. Schwer an Kredite kämen hingegen größere Mittelständler. Weil sich die Banken nur noch schwer refinanzieren könnten, müssten für größere Kredite hohe Zinsen gezahlt werden, und auch die Verhandlungen seien schwierig geworden. Auch der Nürnberger Mittelstandsberater Arnold Weissman beobachtet, dass die Finanzierung von Investitionen ab 5 bis 10 Millionen Euro schwierig sei. Fast alle seine Kunden, vor allem größere Mittelständler, machten diese Erfahrung. "Die Bank findet immer noch einen Weg, wie die persönliche Haftung erhöht werden kann." Und das treffe nicht nur auf Unternehmen zu, deren Geschäft stark von der Konjunktur getroffen werde.

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