https://www.faz.net/-gqe-xpbx

Kreditkartenbetrug : Lernen von den Trickbetrügern

Im Schnitt kommen bei deutschen Banken auf ein Einkaufsvolumen von 100 Euro 30 Cent Betrugsausfall Bild: AP

Jeder Betrug kostet Banken nicht nur Geld, sondern beschädigt das Wertvollste, womit ein Kartenunternehmen wuchern kann: Vertrauen. Deshalb gehen sie selbst gerne auf Ganovenjagd. Ein Besuch bei den Jägern.

          In einem kleinen, idyllischen Gewerbegebiet vor den Toren Frankfurts ist der Kampf gegen das organisierte Verbrechen in vollem Gange. Er spielt sich gewaltlos und unauffällig ab, im ersten Stock eines schon in die Jahre gekommenen Bürohauses, in einem schmucklosen Büro am Ende eines langen Ganges, an einem Schreibtisch, dessen einzige Farbtupfer aus bunten Textmarkern und einer offenen Tüte Haribo bestehen. An diesem Schreibtisch sitzt ein Mann, den man leicht übersieht: Stephan G. ist 39 Jahre alt, er trägt zum grauen Hemd eine schwarze Krawatte. Nur wenn er den Mund aufmacht, fällt sein gemütliches Schweizer Idiom auf.

          Thiemo Heeg

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Alles andere als gemütlich ist sein Job. Er soll für seinen Arbeitgeber, die Valovis-Bank, Kreditkartengangster zur Strecke bringen. Die frühere Karstadt-Quelle-Bank hat ein hohes Interesse daran, Kartenbetrüger zu identifizieren, ist sie doch in Deutschland der größte Emittent von Mastercard-Karten. Jeder Betrug kostet die Bank nicht nur Geld, sondern beschädigt das Wertvollste, womit ein Kartenunternehmen wuchern kann: Vertrauen. So gesehen gehört der Mann, auf dessen Visitenkarte „Fraud & Violation“ (Betrug und Missbrauch) steht, zu den wichtigsten Mitarbeitern.

          Manipulationen haben zugenommen

          So wichtig, dass sein Arbeitgeber nicht will, dass man ihn identifizieren kann. Nichts wäre schlimmer, als wenn die gegnerische Seite G. zu sich herüberziehen würde. Sein Wissen wäre für organisierte Kartenbanden viel wert, können er und seine Kollegen doch mit hoher Wahrscheinlichkeit sagen, wann Kreditkartenumsätze echt sind und wann nicht. Die Betrüger könnten ihre Tricks darauf einstellen. Ist es vorstellbar, dass ein Bankmitarbeiter einfach die Seiten wechselt? „Ab einem bestimmten Betrag ist jeder käuflich“, raunt ein Kollege von G. auf dem Flur. Ein paar Millionen zahlten die Kriminellen quasi aus der Portokasse. G. würde solche Prognosen über seine Verführbarkeit wahrscheinlich so scharf, wie das auf schweizerisch möglich ist, zurückweisen. Aber wer nicht in Versuchung geführt wird, lautet wohl die Devise seines Arbeitgebers, muss auch nicht widerstehen.

          In einer kleinen Präsentation hat G. zur Illustration ein Bankräuberfoto eingefügt. Schwarze Sturmhaube, dünner Sehschlitz um die Augen. Die modernen Bankräuber brauchen keine Sturmhauben. Es sind die Hintermänner von Leuten wie Marius C., der vergangene Woche vom Frankfurter Landgericht zu vier Jahren Haft verurteilt wurde. Der 32 Jahre alte Bauarbeiter hatte gestanden, zwischen Dezember 2009 und April 2010 Bankautomaten manipuliert zu haben. Was C. tat, nennt sich Skimming. Ziel ist es, Magnetstreifendaten abzugreifen und Kopien dieser Karten herzustellen. Solche Manipulationen haben im vergangenen Jahr kräftig zugenommen.

          Betrügerjäger G. kommt ins Spiel, wenn die Hintermänner von Kleinkriminellen wie C. aktiv werden. Sie richteten mit Abhebungen und Einkäufen in den Niederlanden und in Rumänien einen Schaden von rund 35.000 Euro an. Für Kartengroßanbieter wie Valovis summieren sich solche Fälle schnell zu richtig hohen Beträgen. 2009 belief sich der Schaden aus Kartenbetrügereien auf 3 bis 4 Millionen Euro. Im Schnitt kommen bei deutschen Banken auf ein Einkaufsvolumen von 100 Euro 30 Cent Betrugsausfall. „Wir hatten 60“, sagt Vorstand Axel Frein verärgert. Dieser Wert wurde im vergangenen Jahr gedrittelt – auch dank der Arbeit von Stephan G. und seinen Kollegen.

          Was G. macht, bekommt gelegentlich sogar der ehrliche Kunde zu spüren. Jeder Kauf mit Karte muss genehmigt werden. Manchmal verweigert die Kartengesellschaft eine Transaktion, oder der Kunde steht länger an der Kasse, weil „noch etwas geprüft“ werden muss. Wann und was geprüft wird, das liegt unter anderem in G.s Händen. Der Banker füttert eine elektronische Datenbank, die immer umfangreicher wird. Schon heute umfasst sie 600 sogenannte Regeln. Das sind Sammlungen von Betrugsmustern aus der Vergangenheit. Immer dann, wenn ein Finanzgauner zugeschlagen hat – 2010 im Schnitt zehnmal pro Tag – wird die Bank schlauer und erweitert ihr Regelwerk.

          „Da tut sich wirklich ein Abgrund auf

          Diese Regeln sind streng geheim. Wer G. danach fragt, erntet nur ein Lächeln. Mit einer rückt er dann doch heraus. Offenbar gab es schon Fälle, in denen eine Karte zunächst in Deutschland und vier Stunden später in New York eingesetzt wurde. Legal ist das natürlich nicht zu schaffen; hier waren offensichtlich gefälschte Karten im Einsatz. Im Visier der Bankfahnder stehen daneben bestimmte Branchen und Länder. Transaktionen aus Staaten wie Venezuela sind „per se verdächtig“. Von hier aus würden häufig Attacken geführt, heißt es. Beliebt unter Betrügern sind Juweliere und Fluggesellschaften. Erst kaufen, dann stornieren und 75 Prozent des Betrags in bar einstreichen, so geht hier der Trick. Generell haben es die Gauner vor allem auf Produkte abgesehen, die man rasch wieder zu Geld machen kann.

          Hinter dem Schreibtisch steht Valovis-Vorstand Axel Frein und schaut fasziniert zu, wie sein Mitarbeiter testweise im Internet nach gestohlenen Kreditkartendaten sucht. Fünf Stichworteingaben bei Google, und schon wird er fündig. Auf dem Bildschirm tauchen umfangreiche Namenslisten auf. Für 25 Dollar kann jeder zuschlagen. Frein zeigt sich beeindruckt: „Da tut sich wirklich ein Abgrund auf.“

          Alltagsgeschäft für Stephan G. Seit Februar 2009 sucht er Tag für Tag für Valovis nach den Gangstern und nach ihren neuen Tricks. Einen echten hat er bislang noch nicht zu Gesicht bekommen. Für G. ist es nur der „Fraudster“, der Betrüger. Von dem weiß er lediglich, dass er „clever“ sei, „hochclever“. Da heißt es mitzuhalten. Genau das treibt ihn an: „Ich sehe meine Arbeit sehr sportlich“, sagt G., ohne die schöne Natur des kleinen idyllischen Gewerbegebietes um ihn herum eines Blicks zu würdigen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Misstrauensvotum : Wetten, dass May gewinnt?

          Die britische Regierungschefin kämpft ums politische Überleben. Bei den Buchmachern auf der Insel gibt es ein klares Meinungsbild, wie dieses Drama im Unterhaus ausgehen wird.

          Französische Gefährder-Datei : Attentate trotz „Vermerk S“

          Wie der mutmaßliche Angreifer von Straßburg waren auch die Attentäter von „Charlie Hebdo“ oder vom Bataclan in der französischen Sicherheitsdatei „fichier S“ als Gefährder vermerkt. Anschläge konnten sie trotzdem verüben – trotz verdeckter Überwachung.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.