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Kreditkartenbetrug : Die Betrüger und der Milliardär

Jung-Milliardär und Opfer der Karten-Mafia: Apoorva Mehta, Gründer des Lieferdienstes Instacart in San Francisco. Bild: Bloomberg

Ganoven haben die Daten deutscher Kreditkarten gestohlen, um in Amerika damit einzukaufen. Unter anderem sind Kunden der Commerzbank betroffen. Jetzt ist der Schwindel aufgeflogen.

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          Die Commerzbank ist Kummer gewohnt, der derzeit führungslose Konzern kommt einfach nicht in Schwung – und dann treiben da draußen in der bösen Welt auch noch Ganoven ihr Unwesen. Etliche Commerzbank-Kunden fanden deshalb vor wenigen Tagen eine unangenehme Überraschung im Briefkasten: Post von ihrem Kreditinstitut, mit „einer guten und einer weniger guten Nachricht für Sie“, wie es in dem Brief hieß. Die schlechte Nachricht kam zuerst. Sie lautete: „Ihre Kreditkarte funktioniert nicht mehr.“ Die Bank habe sie vorsorglich sperren lassen. „Aus gutem Grund.“ Denn bei der Karte seien Umsatzanfragen aufgefallen, die auf „eine missbräuchliche Nutzung“ der Karte hindeuteten. Die gute Neuigkeit war: Eine neue Kreditkarte sei schon unterwegs.

          Bettina Weiguny
          Freie Autorin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Warum und weshalb das Ganze, stand leider nicht in dem Brief. Auf Nachfrage in der Abteilung „Fraud Management“ konnte der zuständige Berater Licht in die Angelegenheit bringen: Mitte Juli wurden wohl die Daten Tausender Kreditkarten von Betrügern abgefangen. Darunter befanden sich, so die Auskunft, allein etwa 600 Karten von Commerzbank-Kunden, auch die Klientel anderer Kreditinstitute sei betroffen. Welches Unternehmen die Betrüger gehackt hatten, um an die wertvollen Daten zu kommen, dazu wollte der Commerzbank-Mitarbeiter sich nicht äußern. „Das bedarf noch der Klärung. Aber auch wenn wir es wissen, dürfen wir es nicht sagen“, erläuterte der konzerneigene Betrugsbekämpfer.

          Es könne ein Geschäft, eine Hotelkette oder ein Online-Händler irgendwo auf der Welt gewesen sein. Offiziell wollte die Bank den Vorfall nicht bestätigen. Man habe keine „Auffälligkeiten größeren Ausmaßes“ festgestellt, hieß es ausweichend, andere Banken äußerten sich ähnlich vage, schließlich will niemand seine Klientel aufscheuchen. Wie sagte einst ein deutscher Innenminister? „Ein Teil der Antwort würde Sie verunsichern.“

          Lieferdienst als Testlabor für gestohlene Kreditkarten

          Konkretere Informationen dagegen lieferte die Abteilung Betrugsprävention der Commerzbank. Aufgeflogen ist der Datenklau demnach, als die Ganoven in Amerika loszogen, um die Kreditkarten zu testen: Dazu hatten sie sich beim Online-Einkaufsdienst Instacart neue Kundenprofile anzulegen versucht: „So finden sie heraus, ob die Karten noch gültig sind.“ Das Testlabor war klug gewählt: Der Lebensmittellieferdienst Instacart wächst seit Beginn der Corona-Krise in außergewöhnlichem Maße. Hinter vielen großen Supermarkt-Ketten, die keinen eigenen Online-Handel aufbauen wollen, steckt in Amerika die Technologie und Logistik von Instacart – so zum Beispiel bei Key Food, Wegmans oder auch Aldi. Wer in Amerika bei Aldi Nürnberger Rostbratwürstchen bestellt, bekommt sie von Instacart geliefert.

          Dank der Pandemie haben die Bestellungen des Unternehmens sich gegenüber dem Vorjahr verfünffacht, da die Bürger in vielen Großstädten, gerade in New York während des Lockdowns, sich nicht mehr in die Geschäfte trauten, sondern online orderten. Tausende Kunden haben sich neu registriert. Die Kreditkarten-Betrüger hatten wohl gehofft, ihre Fake-Accounts würden in der Masse untergehen.

          Der Fall ist jedenfalls sehr ärgerlich für Instacart, das Start-up aus San Francisco, das vor einiger Zeit den Sprung in die Liga der „Einhörner“ geschafft hat, zu den jungen Firmen, die mehr als eine Milliarde wert sind. Bei einer Finanzierungsrunde im Juni hatte sich der Online-Bringdienst Kapital in Höhe von 225 Millionen Dollar sichern können. Damit verdoppelte sich der Unternehmenswert auf sagenhafte 14 Milliarden Dollar.

          Selfmade-Milliardär mit umstrittenem Geschäftsmodell

          Seither zählt der Gründer Apoorva Mehta, dem noch etwa zehn Prozent an dem Lieferdienst gehören, zu den jüngsten Self-Made-Milliardären Amerikas. Der 33 Jahre alte Inder ist Ingenieur, in Kanada aufgewachsen und hat Instacart vor acht Jahren in San Francisco gegründet. Im Unterschied zu Amazon Fresh und anderen Lebensmittellieferanten schickt das Unternehmen sogenannte Shopper in die Läden, die dort die gewünschten Produkte einkaufen und dem Kunden an die Haustür bringen.

          Durch Corona habe das Unternehmen einen „noch nie dagewesenen Anstieg der Kundennachfrage erlebt“, schrieb das Unternehmen jüngst. Instacart sei über Nacht „ein existentieller Dienst für Millionen von Familien in ganz Nordamerika geworden“, schwärmte der Chef Apoorva Mehta.

          Sein Geschäftsmodell ist durchaus umstritten. Ähnlich wie bei Uber sind die Shopper nicht bei Instacart angestellt, sondern als Selbstständige tätig, die sich selbst absichern müssen und die Lieferungen im eigenen Auto ausfahren. Im März hatten Shopper gegen ihre prekären Arbeitsbedingungen protestiert und wegen des gesundheitlichen Risikos durch Corona einen Gefahrenzuschuss von fünf Dollar pro Order gefordert, was sie nicht durchsetzen konnten. Zudem gibt es immer wieder Ärger ums Trinkgeld: Gerade in der Corona-Hochphase hatten verzweifelte Kunden die Shopper mit hohen Trinkgeld-Versprechungen gelockt, damit die ihren Auftrag übernehmen. Nach der Auslieferung aber hatten sie das Trinkgeld per App gekürzt oder komplett storniert.

          Unternehmen wächst in Corona-Krise

          Auf der anderen Seite beschweren sich auf den Social-Media-Seiten des Unternehmens Kunden, dass sie auf ihren Rechnungen Posten finden, die sie nicht bestellt hatten, Zigaretten oder Red-Bull-Dosen beispielsweise. Manchmal kommen auch ganze Lieferungen nicht an.

          Das Unternehmen hatte innerhalb weniger Wochen Zehntausende neue Shopper anheuern müssen, um dem Wachstum Herr zu werden. Dabei sei es in Einzelfällen wohl zu Fehlentscheidungen gekommen, räumt Instacart ein und versucht nun, die Fehler der Wachstumsphase auszumerzen. Mittlerweile hat der Dienst eine „Missing Order“-Rubrik in die App integriert und die Trinkgeld-Regelungen geändert. Auch mit den geklauten Kreditkarten-Daten sei kein größerer Schaden entstanden, sagt der Commerzbank-Fraud-Manager. „Da haben unsere Frühwarnsysteme funktioniert.“

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