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Kredithaie in Großbritannien : Mehr als 4000 Prozent effektiver Jahreszins

Wie lässt sich der Lebensstandard halten? Mit einem Kredit, denkt so mancher Brite. Bild: Getty Images

In kaum einem Industrieland sind die privaten Haushalte so stark verschuldet wie in Großbritannien. Das Geschäft mit legalen Wucherdarlehen blüht.

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          Der Kleinkredit ist nur einen Mausklick entfernt. "Zehn-Minuten-Geld" verspricht das britische Unternehmen namens Quick Quid ("Schnelles Pfund") auf seiner Internetseite. Wer rasch eine überschaubare Geldsumme braucht, der bekommt hier binnen weniger Minuten eine Finanzspritze. Die Nothelfer offerieren ihren klammen Kunden ohne große Formalitäten kurzfristige Darlehen. Die sogenannten "Payday Lender" bieten Überbrückungskredite, die in der Regel ein paar hundert Pfund nicht übersteigen. Im Idealfall zahlt der Schuldner das Geld zurück, wenn er sein nächstes Gehalt erhält. Aber die Kreditzinsen sind horrend.

          Die Inflation trifft vor allem die Geringverdiener

          Marcus Theurer

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Die Nischenbranche ist ein Krisengewinner. Wirtschaftsflaute und Bankenbeben haben ihr zu einem rasanten Aufschwung verholfen, denn Millionen Briten fällt es immer schwerer, ihren gewohnten Lebensstandard zu halten. Vor allem bei Geringverdienern frisst sich die drastisch gestiegene Inflationsrate in die Budgets. Die Anhebung der Mehrwertsteuer trifft ebenfalls die Armen besonders hart. Viele, die eigentlich einen Vollzeitjob suchen, finden nur Teilzeitarbeit, weil nach einer schweren Rezession die Wirtschaftserholung in Großbritannien weitgehend ausgeblieben ist. Zahlreiche Bürger haben sich zudem in den fetten Jahren vor der Krise hohe Schulden für Hauskauf und Konsum aufgeladen.

          Das Leben auf Pump ist in Großbritannien zur Volkskrankheit geworden. Die Zahlen sind alarmierend: In kaum einem Industrieland sind die privaten Haushalte so stark verschuldet wie auf der Insel (siehe Grafik). Aber traditionelle Banken sind immer weniger bereit, die Löcher in den Haushaltskassen der Briten mit weiteren Darlehen zu stopfen. Die Kreditinstitute sind selbst von der Finanzkrise gebeutelt und müssen ihre Risiken abbauen.

          Schwindelerregende Gebühren

          Wenn der Bankberater den Kredithahn zudreht, findet sich Hilfe im nur lax regulierten, aber legalen britischen Markt der "Payday Lender". Finanzdienstleister mit klingenden Namen wie Quick Quid, Payday Express und Speedy Cash winken mit den Pfund-Noten. Einer der bekanntesten Anbieter ist das vor vier Jahren gegründete Start-up-Unternehmen Wonga. Er biete "ein großartiges Preis-Leistungs-Verhältnis", behauptet der Gründer Errol Damelin. Dabei sind seine Gebühren schwindelerregend.

          Wer sich heute bei Wonga (ein Slangausdruck für "Knete") 100 Pfund borgt, muss in einem Monat 137 Pfund zurückzahlen. Effektiver Jahreszins: 4214 Prozent. Den Wonga-Chef ficht das nicht an. Der Jahreszins sei irrelevant, da sich die Kunden das Geld ja nur für wenige Wochen liehen, sagt Damelin. "Die Strafgebühren für die Überziehung Ihres Bankkontos kosten Sie mehr." Der redegewandte Unternehmer verkauft seine kostspieligen Darlehen als unbürokratische Hilfe für Ausnahmesituationen: "Ein Kredit von uns ist wie eine Taxifahrt. Die ist auch teuer, aber wer fährt schon jeden Tag mit dem Taxi zur Arbeit."

          Im Schnitt acht andere Darlehen

          Verbraucherschützer sehen das allerdings ganz anders. Das schnelle Geld aus dem Internet bringe ohnehin hochverschuldete Bürger noch mehr in Bedrängnis. Bei der britischen Verbraucherberatung Citizens Advice suchen inzwischen viermal so viele Schuldner von Kreditanbietern wie Wonga Hilfe als noch vor zwei Jahren. "Im Schnitt haben diese Leute bereits acht andere Darlehen", sagt die Geschäftsführerin Gillian Guy.

          Tatsächlich werde die Kreditrückzahlung von den Finanzunternehmen in vielen Fällen bereitwillig immer wieder verlängert, sagen Verbraucherschützer und fordern, genau das zu verbieten. Aus einer kurzfristigen Zwischenfinanzierung werde sonst ein Dauerkredit zum Wucherpreis. Wer am Ende nicht zahlen könne, bekomme es mit häufig aggressiv auftretenden Geldeintreibern zu tun. Die Jugend ist der Hauptverlierer der Wirtschaftsmisere. Ein Viertel der Bürger, die in England und Wales Privatinsolvenz anmelden, sind zwischen 25 und 34 Jahre alt.

          Angst vor kriminellen Kredithaien

          Das blühende Geschäft mit den Geldsorgen der Briten lockt immer neue Anbieter an. Inzwischen sondieren in zunehmendem Maß auch amerikanische Unternehmen, die in ihrem Heimatmarkt teilweise mit einer strikteren Regulierung zu kämpfen haben, das Terrain auf der Insel. Marktforscher schätzen, dass sich das Volumen solcher Notkredite in Großbritannien zwischen 2007 und 2010 auf 1,7 Milliarden Pfund mehr als verdreifacht hat. Die Aufsichtsbehörde Office for Fair Trading hat zwar angekündigt, im neuen Jahr die Geschäftspraktiken des Sektors genauer als bisher zu durchleuchten. Aber die Regierung zögert: Wenn der Sektor zu stark reguliert werde, profitierten davon nur kriminelle Kredithaie, deren Konditionen noch viel schlechter seien und die vom Staat gar nicht kontrolliert werden könnten.

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