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In der Corona-Pandemie : Plötzlich vervierfacht sich der Krankenstand

Außergewöhnliche Zeiten für alle Branchen. Bild: dpa

Gebäudereiniger und Sicherheitsfirmen spüren die Krise auf eigene Art: In manchem Betrieb sind nun bis zu 35 Prozent der Mitarbeiter krankgeschrieben.

          2 Min.

          Wo Aufträge wegbrechen und Geschäfte schließen, verschafft nun vielen Unternehmen ein Umstieg auf Kurzarbeit für die Beschäftigten die ersehnte wirtschaftliche Entlastung – die Arbeitsagentur springt dann für einen Großteil der Lohnkosten ein. Das klappt so aber nicht in jeder Branche.

          Dietrich Creutzburg

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          Die Gebäudereinigung und das Bewachungsgewerbe, die 900.000 Menschen beschäftigen, kämpfen stattdessen mit einem ganz eigenen Problem: Dort hat sich mit der Corona-Krise der Personalausfall durch Krankschreibungen drastisch erhöht. Selbst Betrieben, die noch gute Aufträge haben, drohe damit ein ernstes Problem,  und das auch wirtschaftlich, warnen Branchenvertreter. Sie schlagen deshalb nun bei der Politik Alarm und fordern gezielte Hilfe:  Um die Betriebe von Lohnfortzahlungen zu entlasten, sollen die Krankenkassen früher mit Krankengeld einspringen.

          Statt normalerweise 8 Prozent, fallen in Sicherheits- und Reinigungsbetrieben zurzeit bis zu 35 Prozent der Mitarbeiter wegen Krankschreibung aus, berichten der Bundesverband der Sicherheitswirtschaft (BDSW) und der Bundesinnungsverband der Gebäudereinigerhandwerks (BIV). Eine Erklärung dafür ist, dass die Beschäftigten dort überdurchschnittlichen Ansteckungsrisiken ausgesetzt sind – etwa bei Personenkontrollen oder beim Reinemachen in Bereichen, in denen sich viele andere Menschen aufhalten, nicht zuletzt in Krankenhäusern.

          Eine weitere Erklärung liegt aber wohl auch in der kürzlich von Kassenärzten und Krankenkassen beschlossenen Sonderregelung für die Corona-Krise, dass sich Arbeitnehmer mit Erkältungssymptomen leichter krankschreiben lassen können, nämlich durch einen bloßen Anruf beim Arzt. Für die Betriebe bedeutet all dies in wirtschaftlicher Hinsicht, dass sie mehr Geld für Lohnfortzahlung aufwenden müssen, während sie gleichzeitig verschärfte Schwierigkeiten haben, verbliebene Aufträge abzuwickeln.

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          „Die Lohnfortzahlungskosten wachsen stetig, was sich in den Tagen noch dramatisch verschlimmern könnte“, erläutert Friedrich P. Kötter, Chef des gleichnamigen Essener Familienunternehmens, gegenüber FAZ.NET. Die Kötter-Gruppe ist einer der großen Anbieter im Markt, sie erbringt mit deutschlandweit 19.000 Beschäftigten sowohl Sicherheits- als auch Reinigungsdienstleistungen. „Herkömmliche Instrumente wie das Kurzarbeitergeld reichen hier nicht“, sagt Kötter. „Wir brauchen direkte Hilfe durch Übernahme der Lohnfortzahlungskosten durch den Staat, und zwar ab dem ersten Tag.“

          Kötter wie auch die Verbände heben hervor, dass im Alltag nun deutlich erhöhte Hygienestandards und Schutzmaßnahmen für die Beschäftigten zu Einsatz kämen. Zugleich wollen sie die neue Krankschreibungsregelung keineswegs in Frage stellen.

          Doch müssten die Folgen abgefedert werden, denn der Zusammenhang sei klar. „Dass sich Mitarbeiter mit leichten Atemwegserkrankungen telefonisch krankschreiben lassen können, hat zu einem deutlich angestiegenen Krankenstand in unseren Branchen geführt.“ Das schreiben BDSW und BIV in einem der FAZ.NET vorliegenden Brief, der an die Bundestagsabgeordneten verschickt wurde. Die steigenden Kosten der vollen Lohnfortzahlung drohten für die Betriebe „unfinanzierbar“ zu werden.

          Konkret fordern sie von Regierung und Parlament, dass betroffene Arbeitnehmer anstelle der Lohnfortzahlung durch den Arbeitgeber „bereits ab dem ersten Tag, spätestens nach der ersten Woche“ Krankengeld der Krankenkasse erhalten sollten.

          Die Kassen müssten dann einen steuerfinanzierten Zuschuss dafür erhalten, so BDSW-Präsident Gregor Lehnert. Derzeit müssen die Arbeitgeber für erkrankte Beschäftigten bis zu sechs Wochen lang den regulären Lohn zahlen; danach  springt die Lohnersatzleistung der Krankenkasse für bis zu 90 Prozent des Nettolohns ein.

          Sicherheitsfirmen und Gebäudereiniger sehen sich auch deshalb überproportional belastet, weil bei ihnen der Anteil der Personalkosten am Umsatz besonders hoch sei. Zudem könne man Reinigungskräfte und Wachleute ja nicht zum Schutz ins „Homeoffice“ schicken.

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