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Teure Süßwaren : Gesünder leben mit der Zuckersteuer?

Zu viel davon kann ungesund sein: Liebesperlen-Fabrikation in Görlitz Bild: dpa

Zu viel Zucker macht krank. Deshalb fordern Diabetiker und die Weltgesundheitsbehörde eine Süßwarensteuer. Ist das die Lösung im Kampf gegen Übergewicht, Herzinfarkt und Co?

          Die Weltgesundheitsorganisation WHO verlangt sie, Kinder- und Jugendärzte wollen sie, Organisationen wie „Foodwatch“ und die Deutsche Diabetes Gesellschaft fordern sie, auch manche Politiker rufen nach ihr. Zum Jahreswechsel machte sich auch der Chef einer großen Krankenversicherung für eine Sonderabgabe auf Zucker stark. „Eine Zuckersteuer muss in Betracht gezogen werden“, sagte Günter Wältermann, Vorstandschef der Allgemeinen Ortskrankenkasse (AOK) Rheinland/Hamburg. Die ungebrochen steigende Zahl der Menschen mit Diabetes mache deutlich, dass es an einer gesamtgesellschaftlichen Strategie fehle. Nötig sei ein Gesamtpaket mit klarer Ausrichtung auf Prävention: „Viel Bewegung und gesunde Ernährung in Kitas und Schulen; gut sichtbare und klar verständliche Nährwertangaben auf Lebensmittelverpackungen, weg von der XXL-Kultur“, sagte Wältermann.

          Andreas Mihm

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          Er war alarmiert von Ergebnissen eines von seiner Kasse vorgelegten „Gesundheitsreports“. Demnach steigt die Zahl der Diabetiker kontinuierlich. Jeder neunte Versicherte der AOK habe krankhaft erhöhte Blutzuckerwerte. Hinzu komme: Menschen mit Diabetes litten deutlich häufiger als andere an chronischen Wunden, Herzkrankheiten und Nierenleiden. „Auch das Herzinfarktrisiko ist um das Achtfache höher.“

          Im Kampf gegen die Fettleibigkeit und ihre Folgen hat New York schon vor Jahren den Verkauf von Cola und anderen Süßgetränken in XXL-Bechern untersagt. In Mexiko, Frankreich, Belgien und Ungarn suchen Regierungen den gesundheitsgefährdenden Konsum zuckriger Lebensmittel durch eine künstliche Verteuerung zu bremsen, in Großbritannien war die Einführung einer Zuckersteuer für 2018 angekündigt. Die WHO hat erst im Herbst eine Steuer von mindestens 20 Prozent auf Limonaden wie Coca-Cola oder gesüßte Säfte verlangt. Steuern könnten den Absatz verringern und Krankheiten wie Fettleibigkeit, Diabetes und Zahnverfall vermindern.

          „Verbote oder Steuern ändern nichts“

          AOK-Mann Wältermann ist also mit seiner Forderung nicht allein. Nur in der deutschen Krankenversicherung will ihm so recht keiner folgen. „Menschen wissen, was (un)gesunde Ernährung ist. Verbote oder Steuern ändern nichts“, twitterte die Technikerkasse, die mit knapp 10 Millionen Versicherten größte Krankenkasse. Auch Barmer-Vorstandschef Christoph Straub hält nichts von Zwang und Verboten. Um die Gesundheitskompetenz der Bevölkerung zu fördern, müsse man positive Anreize setzen. „Dazu gehören sicherlich nicht höhere Steuern, sondern mehr Bildung, die bereits im Kindesalter einsetzen muss“, sagte er dieser Zeitung.

          Ähnlich die Haltung der DAK. Der neue Vorstandsvorsitzende der drittgrößten deutschen Kasse, Andreas Storm, erläuterte auf Anfrage, bei Themen wie Übergewicht und Adipositas setze man besser auf Aufklärung. Er setzt damit den Kurs seines Vorgängers Herbert Rebscher fort, der die Zuckersteuer eine „indirekte Bestrafung der Bevölkerung“ genannt und sozialpolitisch argumentiert hatte: Sie sei „ungerecht, da sie einkommensschwächere Haushalte besonders stark belastet.“ Mit steigendem Einkommen sinke der Anteil für Konsumausgaben.

          Aufklärung, Information und Transparenz vor Strafen

          Die Dachverband der Betriebskrankenkassen hat zwar keine offizielle Position zur „Zuckersteuer“. Doch lässt Vorstandschef Franz Knieps auf Anfrage mitteilen: „Der Vorstand steht neuen Steuern zur Lenkung von Ernährungs- und Genussverhalten sehr skeptisch gegenüber.“ Die bestehenden Alkohol- und Tabaksteuern ließen „keine gute Lenkungswirkung erwarten“. Doch sollte die Kennzeichnung der Lebensmittel – nicht nur bezüglich Zucker – verbessert werden.

          Auch die Innungskassen halten wenig von einer Strafsteuer. Verbandsgeschäftsführer Jürgen Hohnl nennt zunächst eine gesunde, ausgewogene Ernährung als Ziel der Gesundheitsförderung. Dabei sollten Aufklärung, Information und Transparenz vor Strafen stehen. Staatseingriffe, die den Zugang beschränken oder den Preis erhöhen, „sollten eher im Zusammenhang mit Nikotin und Alkohol angedacht werden“, sagte Hohnl.

          Selbst im eigenen AOK-Lager wird der Vorstoß Wältermanns zurückhaltend aufgenommen. Der Vorsitzende des AOK-Bundesverbands, Martin Litsch, beklagt zwar, dass jeder Deutsche statistisch gesehen täglich mehr als das Doppelte der von der WHO empfohlenen Zuckerration verzehre. Das sei eine Gesundheitsgefahr und verursache hohe Kosten im Gesundheitssystem, mit steigender Tendenz. Um dem zu begegnen, brauche man ein breites Bündnis aus Wissenschaft, Industrie und Gesundheitspolitik zur Reduktion des Zuckerkonsums. Ein „erster und längst überfälliger Schritt“ wäre eine verständliche Lebensmittelkennzeichnung. Weitere Schritte wären Vereinbarungen über weniger Zucker in Softdrinks oder Fertig-Müslis und ein Werbeverbot für kalorienreiche Lebensmittel im Kinderfernsehen.

          Auch ist Litsch überzeugt, „dass Aufklärung der beste Weg für einen angemessenen Umgang mit Zucker ist“. Übersetzt bedeutet das: mehr Prävention vor allem in Kindergärten und Schulen. Erst „wenn die verständliche Information von Herstellerseite weiter boykottiert wird“, bleibe am Ende die Zuckersteuer „als letztes Mittel“, sagt Litsch. „Vorher sollten wir die genannten Maßnahmen gemeinsam auf den Weg bringen.“

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