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Krankenhausversorgung in Deutschland : OECD verschreibt Kliniken Wettbewerb um Qualität

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Deutschland ist Weltmeister von Krankenhausbehandlungen. doch sind Änderungen notwendig, um das hohe Versorgungsniveau zu halten, bemängelt die OECD.

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           Die Krankenhausversorgung in Deutschland ist im Vergleich der Industriestaaten überdimensioniert und überteuert. Zu dem Ergebnis kommt die Organisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) in einer dieser Zeitung vorliegenden Untersuchung, in der sie strukturelle Änderungen empfiehlt. Andernfalls laufe das Land Gefahr, das gute und hohe Versorgungsniveau nicht aufrechthalten zu können. Mit Kennzahlen wie Betten oder Kliniken, gemessen an der Bevölkerung, Behandlungskosten zum Bruttoinlandsprodukt oder Häufigkeit angewandter Therapien liege Deutschland immer weit über dem Durchschnitt oder ganz an der Spitze. Aus anderen Studien ist bekannt, dass dies nicht mit einer höheren Lebenserwartung einhergeht.

          Zu dem Thema veranstaltet das Bundesgesundheitsministerium diese Woche eine Konferenz. Dort sollen die Leistungsausweitungen der gut 2000 Kliniken hinterfragt werden, die trotz jährlich steigender Ausgabenzuwächse - zuletzt auf mehr als 62 Milliarden Euro oder ein Drittel des Kassenbudgets - nicht mit dem Geld auskommen. Dieses und nächstes Jahr will die Regierung ihnen fast eine Milliarde Euro zusätzlich zukommen lassen.

          Die OECD empfiehlt, mehr Wettbewerb zu organisieren, den Krankenkassen mehr Rechte bei „Einkauf“ von Leistungen zuzubilligen und die Behandlungsqualität zum Maßstab zu machen. Dies sei möglich, weil Deutschland führend sei bei der Sammlung von Qualitätsindikatoren für Kliniken, was den Vergleich der Leistungen zulasse. Die OECD greift Forderungen der Kassen auf, die der Krankenhaussektor bisher erfolgreich mit Hilfe der Länder zurückgewiesen hat.

          Irritiert halten die Autoren der Studie fest, dass Deutschland die Budgets seiner (nach der Zahl der Fälle finanzierten) Krankenhäuser nur lax kontrolliere und die Länder keine Verantwortung für die von ihnen veranlassten Kosten trügen. In Deutschland genehmigen die für die Versorgung zuständigen Länder zwar Krankenhäuser und Stationen, doch werden die Kosten weit überwiegend von den Kassen getragen. Selbst Investitionen in Gebäude und Großgeräte, die die Länder zahlen müssen, tragen sie nur zum Teil. Die Analyse hält fest, dass Deutschland (2010) mit 8,3 Betten je 1000 Einwohner nur noch von Japan und Korea übertroffen wurde, der OECD-Schnitt lag bei 4,9 Betten. Bei der Zahl der Kliniken je einer Million Einwohner liegt die Bundesrepublik mit 40 ein Viertel über dem OECD-Schnitt auf Platz 7 von 30 Staaten.

          Bei den Krankenhausfällen liegt Deutschland mit 240 auf Rang zwei, der OECD-Schnitt liegt bei 156. Obwohl dies wie die Kosten von 2,8 Prozent des Bruttoinlandsproduktes weit über den Vergleichswerten liegt, sind die deutschen Behandlungskosten in Wahrheit noch höher: In anderen Ländern gehen die Menschen schneller ins Krankenhaus, weil sie nicht auf ein so ausgefeiltes System ambulanter Fachärzte zurückgreifen können. Wasser gießt die OECD auch auf die Mühlen der Kassen, die die hohe Zahl teurer Knie- und Hüftoperationen beklagen und unterstellen, dass finanziell klamme Krankenhäuser so ihre Bilanzen aufbessern. Nirgends sonst in den Industriestaaten werden Menschen so oft mit Herz-Kreislauf-Problemen oder per Katheter (PTCA) untersucht. Nirgends sonst werden so viele künstliche Hüften eingesetzt oder bei Frauen brusterhaltende Operationen durchgeführt. Bei Knieprothesen liegt Deutschland in der OECD auf Platz 2. Fast nirgendwo sonst werden laut OECD auch so viele Menschen wegen Krebs im Krankenhaus behandelt.

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