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Krankenhaus-Report : Blinddarm-Alarm in schlechten Kliniken

  • -Aktualisiert am

Operation ist Vertrauenssache. Bild: dpa

Auch nach Routineeingriffen kommt es häufig zu Komplikationen. Die Krankenkassen wollen deshalb schlechte Kliniken für den Patienten erkennbar machen. Nicht nur sie.

          Blinddarm ist Routine. Fast 140.000 Mal im Jahr wird in deutschen Kliniken ein entzündeter Wurmfortsatz operiert. Das sind 560 kleine Schnitte an jedem Arbeitstag. Doch auch so viel Routine verhindert keine Komplikationen. Bei fast jedem achten Kranken (12 Prozent), so hat die AOK beim Durchforsten der Daten von 103.000 Blinddarmpatienten in den Jahren 2010 bis 2012 herausgefunden, gab es binnen 90 Tagen „ungeplante Folgeeingriffe“ oder „allgemeinchirurgische Komplikationen“ - zumindest dann, wenn die Klinik, in der der Patient behandelt wurde, zu jenem Viertel gehört, das auch sonst eher schlechte Ergebnisse erzielt.

          Andreas Mihm

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          Fast jedes zweite Krankenhaus war in die Untersuchung einbezogen. Uwe Deh, Geschäftsführender Vorstand im Bundesverband der Allgemeinen Ortskrankenkassen (AOK) sagt: „Auch Sterbefälle binnen 30 Tagen nach der OP waren in seltenen Fällen zu verzeichnen.“

          Das Wissenschaftliche Institut der AOK versucht gute und weniger gute Krankenhäuser über ein besonderes Verfahren der „Qualitätssicherung mit Routinedaten“ (QSR) zu ermitteln. Dabei werden vielerlei Abrechnungsdaten ausgewertet. Am Ende stehen Krankenhäuser mit eher mehr oder weniger Abweichungen von der Norm. Das Problem ist: Der Patient kennt die Ergebnisse in der Regel nicht, er kann sich nicht danach richten. Krankenhausvergleiche der Kassen im Internet sind wenig aussagekräftig, ein neues Qualitätsinstitut, das diese Arbeit ausweiten soll, wird gerade erst aufgebaut.

          Häufig stehen wirtschaftliche Gründe hinter Operationen

          Eine andere Frage ist, ob der Patient sich nach den Daten richten sollte. Denn nicht nur die Krankenhäuser, die ein schlechtes Image und den wirtschaftlichen Druck der Kassen fürchten, zweifeln die Ergebnisse solcher Untersuchungen regelmäßig an. Und sie tun das mit einigem Erfolg. Ein Jahr lang waren zum Beispiel Forscher im Auftrag von Kassen und Krankenhäusern dem Verdacht nachgegangen, ob in Krankenhäusern womöglich mehr operiert wird, als aus medizinischen Gründen notwendig ist, nur weil es sich finanziell lohnt. Ein klares Ergebnis ist dabei nicht herausgekommen.

          Der Verdacht allerdings steht im Raum und wird durch neue Untersuchungen genährt. Am Lehrstuhl des Duisburger Gesundheitsökonomen Jürgen Wasem sind soeben die Ergebnisse einer Befragung veröffentlicht worden, nach der die Chefärzte nicht nur wirtschaftlichen Druck „sehr stark“ wahrnehmen, sondern deshalb auch mehr operieren.

          Studienautor Antonius Reifferscheid hatte knapp 5000 Chefärzte, Geschäftsführer und Pflegedienstleitungen befragt. 2100 antworteten, davon gaben 45 Prozent der Chefärzte und 72 Prozent der Pflegedienstleitungen an, dass es „häufig Entscheidungskonflikte zwischen ärztlichen und wirtschaftlichen Zielsetzungen“ gebe. 39 Prozent der Chefärzte verträten „tendenziell die Ansicht, dass ökonomische Gründe zu nicht erforderlichen Eingriffen führen.“ Zu Deutsch: Es wird operiert, auch wenn es medizinisch nicht unbedingt notwendig ist. „Hierbei ist auffällig, dass gerade in den Bereichen Kardiologie und Unfallchirurgie/Orthopädie die Chefärzte signifikant häufiger annehmen, dass wirtschaftlich motivierte Überversorgung im eigenen Fachbereich auftritt“, schreibt Reifferscheid.

          Krankenkassen sehen in solchen Ergebnissen Wasser auf ihre Mühlen. AOK-Vorstand Deh will Krankenhäuser oder Stationen schließen, die unzureichende Qualität abliefern – nicht nur beim Blinddarm. „Am schlechten Ende müssen wir den Mut haben, etwas abzuschneiden.“ Das Land müsse Kliniken auch den Versorgungsauftrag entziehen können. Ohne den kann ein Krankenhaus nicht mit einer Kasse abrechnen. Die Kasse hat kein wirtschaftliches Sanktionsinstrument.

          Dass Deh die Ergebnisse der Blinddarmstudie, die im Oktober vorgestellt werden soll, vorzog, kam nicht von ungefähr. Liefert sie aus seiner Sicht doch der Bund-Länder-Arbeitsgruppe zur Reform der Krankenhausfinanzierung neues Anschauungsmaterial, die sich am Montag wieder hinter verschlossenen Türen traf. Bis zum Jahresende will sie einen Vorschlag erarbeiten, wie die Krankenhausversorgung besser organisiert werden kann. Der Koalition schwebt dabei vor, Kliniken und Stationen künftig stärker auf Basis ihrer Arbeitsergebnisse zu bezahlen und auch die Planung mehr auf Ergebnisqualität abzustellen.

          Krankenhausbetreiber, Ärzte und Pflegepersonal hingegen befürchten, dass daraus eine Sparrunde zu ihren Lasten und der 1,1 Millionen Beschäftigten werden könnte.Denn schon heute sei der Krankenhaussektor nicht ausreichend finanziert und überlastet – auch wenn rund ein Drittel der derzeit 200 Milliarden Euro Kassengelder im Jahr in die stationäre Versorgung ließt. In einer gemeinsamen Resolution an die Politiker in Bund und Ländern hatten die Deutsche Krankenhausgesellschaft, die Bundesärztekammer, der Deutsche Pflegerat und mehr als ein Dutzend weiterer Verbände erst vorige Woche verlangt, „die Finanzierung der Krankenhäuser auf eine bedarfsgerechte und berechenbare Grundlage zu stellen“.

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