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Kraftwerksplanung : Von wegen Renaissance der Atomkraft

Länger als geplant: Der Bau des einstigen Referenzprojekts Olkiluoto 3 wächst sich zu einem finanziellen Desaster aus Bild: AFP

Atomkraft - nein danke. Diese Auffassung teilt mittlerweile anscheinend auch Umweltminister Röttgen und entfacht eine neue Debatte. Dabei gibt es auch einen interessanten ökonomischen Aspekt. Immer mehr Investmentbanker winken beim Thema Kernkraft ab: Die Meiler sind zu teuer.

          Als Finnland sich entschloss, ein Kernkraftwerk der neuen Generation auf einer Insel namens Olkiluoto zu errichten, spürte die Atomindustrie frischen Mut. Jahrelang war man in der Defensive gewesen, belagert von Kernkraftgegnern, die Betriebsunterbrechungen zu Störfällen aufbauschten und die Öffentlichkeit erfolgreich verunsicherten.

          Winand von Petersdorff-Campen

          Wirtschaftskorrespondent in Washington.

          Dann kam die Angst vor dem Klimawandel, und die Welt rief nach sauberer CO2-freier Energie. Die Atomindustrie konnte liefern, selbst Anhänger grüner Parteien (zumindest außerhalb Deutschlands) erwärmten sich für die Idee der Kernkraft. Nie standen die Zeichen für eine Renaissance der Reaktoren besser. Und Olkiluoto 3, das größte Kraftwerk der Welt, hätte das betonierte Symbol eines einzigartigen Comebacks werden sollen.

          Zehn neue Reaktoren

          Alles war gut bis zu dem Tag, an dem klar wurde, dass sich das Referenzprojekt Olkiluoto 3 zu einem finanziellen Desaster auswächst. Das Kraftwerk wird wahrscheinlich doppelt so teuer wie geplant. Es sollte drei Milliarden kosten, jetzt sind schon mindestens 5,3 Milliarden Euro im Gespräch. Und die Fertigstellung verzögert sich um einige Jahre. Bei einem Projekt wie in Finnland kostet jeder verlorene Tag Millionen Euro, dazu kommen die entgangenen Stromerlöse.

          Probleme werden inzwischen auch vom neuen Atomkraftwerk im nordfranzösischen Flamanville gemeldet, das nach Informationen der französischen Tageszeitung „Le Figaro“ frühestens 2014 statt 2012 Strom produzieren wird - mit gravierenden Folgen für die Kalkulation.

          Die Bauverzögerungen verderben den beteiligten Firmen wie Areva und Siemens die Bilanzen, die Münchner allein haben rund eine halbe Milliarde für den finnischen Meiler zurückgestellt. Gravierender noch ist, dass die Fehlkalulationen die AKW-Planer zwingen, neu zu rechnen. Das zeigt das Beispiel Großbritannien. Neben Finnland waren die Britischen Inseln zum zweiten Sehnsuchtsort der Atomindustrie geworden. Zehn neue Reaktoren wünscht sich die britische Regierung immer noch, um eine Versorgungskrise abzuwenden und ihr Versprechen zur CO2-Reduzierung zu halten.

          Neue Kernkraft - Die Ökonomie sagt nein

          Die beiden deutschen Energieriesen RWE und Eon - voller Aufbruchsstimmung - gründeten deshalb vor einem Jahr ein Gemeinschaftsunternehmen, das in England sechs Kernkraftwerke errichten und betreiben soll, falls es den Zuschlag bekommt.

          Doch inzwischen haben die Kaufleute der Konzerne einmal nachgerechnet, ob sich so ein Kernkraftwerk überhaupt bezahlt macht. Nach Informationen der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung sind die Controller jetzt zu einem Ergebnis gekommen, das sich in dürren Worten so zusammenfassen lässt: ökonomisch nicht darstellbar.

          Die schärfste Analyse liefert die Citibank, die nicht im Verdacht steht, Teil der Anti-AKW-Bewegung zu sein. Im November des vergangenen Jahres veröffentlichten Analysten der Citibank eine Studie unter dem knackigen Titel „New Nuclear - The Economics say no“ (Neue Kernkraft - Die Ökonomie sagt nein).

          Zeitverzögerungen sind Standard

          Die Banker spießen unter anderem das finnische Projekt auf, um dann grundsätzlich zu werden: „Wenn bei Investitionssummen in dieser Höhe ein Bauprojekt aufs Schlimmste falsch läuft, kann es die Finanzkraft selbst der größten Energieversorger beschädigen.“

          Zwei Risiken lasten besonders schwer auf geplanten Meilern: Der Baupreis und der Strompreis. Der Baupreis hängt von der Baudauer und den Materialkosten ab. Zeitverluste wie in Finnland wirken gravierend.

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