https://www.faz.net/-gqe-15mlc

Kraftwerksplanung : Von wegen Renaissance der Atomkraft

Länger als geplant: Der Bau des einstigen Referenzprojekts Olkiluoto 3 wächst sich zu einem finanziellen Desaster aus Bild: AFP

Atomkraft - nein danke. Diese Auffassung teilt mittlerweile anscheinend auch Umweltminister Röttgen und entfacht eine neue Debatte. Dabei gibt es auch einen interessanten ökonomischen Aspekt. Immer mehr Investmentbanker winken beim Thema Kernkraft ab: Die Meiler sind zu teuer.

          Als Finnland sich entschloss, ein Kernkraftwerk der neuen Generation auf einer Insel namens Olkiluoto zu errichten, spürte die Atomindustrie frischen Mut. Jahrelang war man in der Defensive gewesen, belagert von Kernkraftgegnern, die Betriebsunterbrechungen zu Störfällen aufbauschten und die Öffentlichkeit erfolgreich verunsicherten.

          Winand von Petersdorff-Campen

          Wirtschaftskorrespondent in Washington.

          Dann kam die Angst vor dem Klimawandel, und die Welt rief nach sauberer CO2-freier Energie. Die Atomindustrie konnte liefern, selbst Anhänger grüner Parteien (zumindest außerhalb Deutschlands) erwärmten sich für die Idee der Kernkraft. Nie standen die Zeichen für eine Renaissance der Reaktoren besser. Und Olkiluoto 3, das größte Kraftwerk der Welt, hätte das betonierte Symbol eines einzigartigen Comebacks werden sollen.

          Zehn neue Reaktoren

          Alles war gut bis zu dem Tag, an dem klar wurde, dass sich das Referenzprojekt Olkiluoto 3 zu einem finanziellen Desaster auswächst. Das Kraftwerk wird wahrscheinlich doppelt so teuer wie geplant. Es sollte drei Milliarden kosten, jetzt sind schon mindestens 5,3 Milliarden Euro im Gespräch. Und die Fertigstellung verzögert sich um einige Jahre. Bei einem Projekt wie in Finnland kostet jeder verlorene Tag Millionen Euro, dazu kommen die entgangenen Stromerlöse.

          Probleme werden inzwischen auch vom neuen Atomkraftwerk im nordfranzösischen Flamanville gemeldet, das nach Informationen der französischen Tageszeitung „Le Figaro“ frühestens 2014 statt 2012 Strom produzieren wird - mit gravierenden Folgen für die Kalkulation.

          Die Bauverzögerungen verderben den beteiligten Firmen wie Areva und Siemens die Bilanzen, die Münchner allein haben rund eine halbe Milliarde für den finnischen Meiler zurückgestellt. Gravierender noch ist, dass die Fehlkalulationen die AKW-Planer zwingen, neu zu rechnen. Das zeigt das Beispiel Großbritannien. Neben Finnland waren die Britischen Inseln zum zweiten Sehnsuchtsort der Atomindustrie geworden. Zehn neue Reaktoren wünscht sich die britische Regierung immer noch, um eine Versorgungskrise abzuwenden und ihr Versprechen zur CO2-Reduzierung zu halten.

          Neue Kernkraft - Die Ökonomie sagt nein

          Die beiden deutschen Energieriesen RWE und Eon - voller Aufbruchsstimmung - gründeten deshalb vor einem Jahr ein Gemeinschaftsunternehmen, das in England sechs Kernkraftwerke errichten und betreiben soll, falls es den Zuschlag bekommt.

          Doch inzwischen haben die Kaufleute der Konzerne einmal nachgerechnet, ob sich so ein Kernkraftwerk überhaupt bezahlt macht. Nach Informationen der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung sind die Controller jetzt zu einem Ergebnis gekommen, das sich in dürren Worten so zusammenfassen lässt: ökonomisch nicht darstellbar.

          Die schärfste Analyse liefert die Citibank, die nicht im Verdacht steht, Teil der Anti-AKW-Bewegung zu sein. Im November des vergangenen Jahres veröffentlichten Analysten der Citibank eine Studie unter dem knackigen Titel „New Nuclear - The Economics say no“ (Neue Kernkraft - Die Ökonomie sagt nein).

          Zeitverzögerungen sind Standard

          Die Banker spießen unter anderem das finnische Projekt auf, um dann grundsätzlich zu werden: „Wenn bei Investitionssummen in dieser Höhe ein Bauprojekt aufs Schlimmste falsch läuft, kann es die Finanzkraft selbst der größten Energieversorger beschädigen.“

          Zwei Risiken lasten besonders schwer auf geplanten Meilern: Der Baupreis und der Strompreis. Der Baupreis hängt von der Baudauer und den Materialkosten ab. Zeitverluste wie in Finnland wirken gravierend.

          Weitere Themen

          So betrügen Kunden die Bahn

          Bahncard 100 : So betrügen Kunden die Bahn

          Die Bahn verlässt sich auf die Ehrlichkeit ihrer Kunden mit Bahncard 100. Die nutzen das zum Teil, um Entschädigungszahlungen für verspätete Züge zu ergaunern – mit denen sie nie fuhren.

          Ohne Deal mit der EU kommen Autozölle Video-Seite öffnen

          Trump trifft Kurz : Ohne Deal mit der EU kommen Autozölle

          Amerikas Präsident Donald Trump will mögliche Strafzölle auf europäische Autos vom Ausgang der Handelsgespräche mit der EU abhängig machen. Wenn es zu keinem Deal mit den Europäern komme, werde er die Zölle verhängen, sagte Trump bei einem Treffen mit Österreichs Bundeskanzler Sebastian Kurz in Washington.

          Topmeldungen

          Bahncard 100 : So betrügen Kunden die Bahn

          Die Bahn verlässt sich auf die Ehrlichkeit ihrer Kunden mit Bahncard 100. Die nutzen das zum Teil, um Entschädigungszahlungen für verspätete Züge zu ergaunern – mit denen sie nie fuhren.

          Traumtor gegen Schalke : Die Leiden des Leroy Sané

          Ausgerechnet der frühere Schalker Leroy Sané tut seiner alten Liebe sehr weh, als er die Wende für Manchester City mit einem Traumtor einleitet. Danach spricht er über seine besonderen Gefühle.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.