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Kosten des Winters : Kampf ums Salz

Der leere Salzbunker der Stadt Kassel Bild: dpa

Der Winter hat Deutschland im Griff. Berlin und Hamburg ächzen unter Eis und Schnee. Bund, Land, Kommunen, Hinz und Kunz - alle betteln um Salz. Die Nerven liegen blank: Katastrophenschutz, Politik, der ADAC - alle sind alarmiert.

          Hilfe ist unterwegs. Die „Bellatrix“, ein Schwerlastfrachter unter liberianischer Flagge, hat sich aufgemacht, Deutschland zu retten. 282 Meter lang, 32 Meter breit und bis oben hin voll mit Salz aus Chile. 60.000 Tonnen beste Ware aus dem Tagebau der Salar Grande, des „großen Salzsees“ unweit der Pazifikküste, werden nächste Woche in Rotterdam anlanden. 60.000 Tonnen, das ist so viel, wie die deutschen Kumpel an einem Tag aus den Bergwerken holen. Aber die Bergleute sind an ihrem Limit. Seit Ende Dezember arbeiten sie im Dreischichtbetrieb, 24 Stunden lang, Tag für Tag, die Maschinen laufen ohne Unterlass.

          Bernd Freytag

          Wirtschaftskorrespondent Rhein-Neckar-Saar mit Sitz in Ludwigshafen.

          In Bernburg, dem größten Werk des Salzherstellers Esco, holen 400 Bergleute jeden Tag 400 Lastwagen-Ladungen und bis zu 300 Bahnwaggons Salz aus der Tiefe. Die Esco-Muttergesellschaft K+S hat selbst in Kalibergwerken Extraschichten für das Salz angeordnet. Und es reicht trotzdem nicht. Bund, Land, Kommunen, Hinz und Kunz - alle betteln um Salz. Die Nerven liegen blank: Katastrophenschutz, Politik, der ADAC - alle sind alarmiert. Aber mehr geht nicht. Deshalb hat Esco die Bellatrix gechartert. Um endlich Abhilfe zu schaffen, aber mehr noch: um ein Zeichen zu setzen. Die Esco-Leute können es selbst kaum glauben. Salz aus Chile! In normalen Zeiten würde sich das niemals lohnen. Aber es sind keine normalen Zeiten. Dieser Winter macht die Deutschen verrückt. Nächste Woche erreicht das Schiff Rotterdam. Vielleicht sollte jemand die UN zu Hilfe rufen, um die Verteilung zu überwachen.

          Wie in einem Katastrophengebiet

          Die Nation ist in Not und vornweg die Hauptstadt. Berlin ist zugefroren. Die Nachrichten aus der Stadt klingen wie Berichte aus einem Katastrophengebiet. Zentimeterdick liegt das Eis vor Schulen, Kindertagesstätten und Geschäften. Straßen und Gehwege sind dicht, die Krankenhäuser voll mit Sturzverletzten. „Wir müssen nachts durchoperieren, um das alles zu schaffen“, sagt ein Arzt. Die Stadtreinigung berichtet vom härtesten Winter seit 30 Jahren. Manche Plätze sind für Fußgänger schon Sperrgebiet. Der Stadt fehlt es an Helfern, Verwaltung und private Winterdienste sind heillos überfordert, die Politik ist zerstritten. Vor dem Amtssitz der Justizsenatorin haben schon Freigänger aus den Gefängnissen Plötzensee und Hakenfelde Eis weggehackt. Das letzte Aufgebot rückt an, die Verwaltung hat kapituliert. Und der Neid auf Hamburg wächst.

          In der Hansestadt ist sogar die Alster zugefroren, aber die Männer an der Küste kennen sich aus mit Naturgewalten. Wie weiland Helmut Schmidt in der großen Sturmflut hat der Erste Bürgermeister Ole von Beust die Lage im Griff. Das knappe Salz wird mit Sand gestreckt, und vor dem Streuen werden zuerst die Straßen geräumt. Doppelte Arbeit zwar, die Stadt spart aber Salz. Noch hat Beust nicht die Nato geholt - so wie Schmidt -, aber immerhin 1000 Stadtbedienstete aus den entlegensten Ämtern hat er rekrutiert, um dem Eis zu Leibe zu rücken. Die Hanseaten werden mit einer „Glätte-Hotline“ auf dem Laufenden gehalten, auf den Höfen der Stadtreinigung stehen kostenlose Streusplittbehälter bereit.

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