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Korruptionsvorwürfe : Ferrostaal-Chef Mitscherlich vor dem Aus

Firmenzentrale des Anlagenbauer in Essen Bild: dpa

Der Anlagenbauer Ferrostaal zieht personelle Konsequenzen aus den neuen Korruptionsvorwürfen gegen das Unternehmen. Nach Informationen der F.A.Z. soll der Chef des Essener Unternehmens seines Amtes enthoben werden.

          Matthias Mitscherlich, Vorstandsvorsitzender der Ferrostaal AG, steht zur Disposition. Nach Informationen der F.A.Z. soll der 61 Jahre alte Chef des Essener Industriedienstleisters seines Amtes enthoben werden. An diesem Dienstag findet eine außerordenliche Aufsichtsratssitzung der früheren Tochtergesellschaft des Industriekonzerns MAN statt, in der die Personalmaßnahme beschlossen werden soll.

          Rüdiger Köhn

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in München.

          Damit zieht Ferrostaal mit seinem Haupteigentümer International Petroleum Investment Corp. (Ipic) aus Abu Dhabi die personellen Konsequenzen aus den in den vergangenen Wochen hochgekommenen neuen Korruptionsvorwürfen gegen das Unternehmen (siehe Razzia bei Ferrostaal). Nun ermittelt die Staatsanwaltschaft auch gegen Mitscherlich wegen Untreue, nachdem es im März bei Ferrostaal eine Razzia gegeben hatte.

          Vermutet wird, dass der Vorstandchef in die systematischen Bestechungsvorgänge des Industriedienstleisters involviert gewesen ist. Schon Ende März gab es auf einer Aufsichtsratssitzung von Ferrostaal harsche Kritik, Mitscherlich würde nicht ausreichend mit den Ermittlern zusammenarbeiten und auch nicht energisch genug gegen die Korruptionsfälle vorgehen. Zudem würde er die Öffentlichkeit nicht ausreichend informieren.

          Matthias Mitscherlich

          Unverständnis kam auch auf, dass Mitscherlich nicht schon im Sommer vergangenen Jahres personelle Konsequenzen aus einem ersten Korruptionsvorfall gezogen hatte, der damals nach den Hausdurchsuchungen bei MAN im Zusammenhang mit dem Schmiergeldskandal hochgekommen war. Damals wurde Vorstand Klaus Lesker, der als Zentralfiguar des Schmiergeldskandals gilt, bereits in Untersuchungshaft genommen. Später erhielt er einen Strafbefehl über rund eine Viertel Million Euro.

          Lesker wurde abermals in diesem März nach der Razzia bei Ferrostaal in Untersuchungshaft genommen wegen des Verdachts auf Verdunkelungsgefahr. Er ist zunächst für einen Monat vom Aufsichtsrat beurlaubt worden. Unternehmensbeobachter rechnen damit, dass das Aufsichtsgremiun an diesem Dienstag weitere Maßnahmen ergreift und Lesker von der Ausübung seines Amtes fernhalten wird. Erwartet wird seine Entlassung als Vorstand. Auch ein anderer hochrangiger Manager wurde im März in U-Haft genommen.

          Die Entlastung von Mitscherlich als ehemaliges Vorstandsmitglied von MAN wurde Anfang April auf der Hauptversammlung bereits verschoben. Mitscherlich war noch für vier Monate im Vorstand des Nutzfahrzeug- und Industriekonzerns. Er verließ den Vorstand, nachdem MAN rückwirkend zum Jahresbeginn 2008 die Mehrheit von 70 Prozent an Ferrostaal an die staatliche Ipic verkauft hatte.

          Anfang dieses Jahres hat MAN von seinem Recht Gebrauch gemacht, die verbliebenen 30 Prozent den Arabern anzudienen. Die aber zögern nach wie vor, das Paket zu einem bereits früher vereinbarten Festpreis anzunehmen, nachdem sich das Ausmaß des Korruptionsskandals bei Ferrostaal vor einem Monat erst richtig abgezeichnet hatte.

          Staatsanwaltschaft verfolgt mehr als ein Dutzend konkrete Vorwürfe

          Die personellen Konsequenzen könnten dazu beitragen, dass die Vorfälle nun entschiedener verfolgt werden. Je schneller und vorbehaltloser die Aufklärung erfolgt, um so zügiger könnte MAN seine Beteiligung loswerden. Zuletzt hatte Finanzvorstand Frank Lutz auf der Hauptversamlung am 1. April betont, dass dem Konzern keine neuen Belastungen aus dem Ferrostaal-Skandal drohen. MAN hatte im Dezember 2009 von der Münchener Staatsanwaltschaft einen
          Strafbefehl über 151 Millionen Euro für aufgedeckte Korruptionsvorgänge im Nutzfahrzeuggeschäft sowie bei der Tochtergesellschaft MAN Turbo erhalten.

          Während MAN versucht hat, seine Schmiergeldaffäre schnell und transparent in den Griff zu bekommen - immerhin sind drei Vorstandsmiglieder einschließlich des Vorsitzenden Hakan Samuelsson abgetreten -, versuchte Ferrostaal die Vorgänge so weit wie möglich unter dem Deckel zu halten. Mehr als ein Dutzend konkrete Vorwürfe über Schmiergeldzahlungen soll es nach Informationen der F.A.Z. geben, die die Münchener Staatsanwaltschaft verfolgt. Angeblich gibt es sogar Vorgänge, die sich erst nach der Razzia in der MAN-Konzernzentrale im Mai 2009 ereignet haben sollen.

          Die internen Revisionsunterlagen über Ferrostaal, die bei MAN in den Aktenordnern lagen, fielen bereits im Mai 2009 in die Hände der Ermittler. Im Laufe der Zeit kam immer deutlicher ein Schmiergeldsystem zum Vorschein, um Aufträge etwa für den Bau von Schiffen oder Kraftwerken zu akquirieren. Dabei ging es unter anderem um die Lieferung von U-Booten sowie von Hochseeschleppern.

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