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Korruption und Misswirtschaft : Indien im Dunkeln

Zwangsromantik: Ein indisches Mädchen liest während des Stromausfalls ihr Buch bei Kerzenschein. Bild: dapd

680 Millionen Inder saßen in der vergangenen Woche im Dunkeln. Das bewies wieder einmal, wie weit Anspruch und Wirklichkeit in dem Land auseinanderklaffen. Inzwischen ist nicht mehr ausgeschlossen, dass der ganze Subkontinent in Misswirtschaft versinkt.

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          An Wortspielen herrscht kein Mangel. Mal gehen „in Indien die Lichter aus“, mal ist vom „Schwarzsehen“ die Rede, nicht zu vergessen das Wort von der „black out nation“. Anlass für den Galgenhumor ist ein Desaster, das eine lange Vorgeschichte hat, dem Ansehen des heranreifenden Schwellenlands jedoch unermesslichen Schaden zugefügt hat.

          680 Millionen Inder saßen in der vergangenen Woche im Dunkeln. Klimaanlagen und Computer standen still, Züge fielen aus, Fabriken unterbrachen die Fertigung, der Verkehr brach zusammen. Der Stromausfall hat wieder einmal gezeigt, wie weit Anspruch und Wirklichkeit in der drittgrößten Volkswirtschaft Asiens auseinanderklaffen.

          Die Unzufriedenheit steigt

          Zweistellige Wachstumsraten verhieß die Regierung nach ihrer Wiederwahl im Jahr 2009, viele träumten von einem zweiten China. Der Traum ist fürs Erste ausgeträumt. Alle Reformansätze der vergangenen Jahre sind gescheitert, Korruptionsaffären und die Ausplünderung des Landes setzen sich fort, die Unzufriedenheit im Volk steigt. Zumindest werden die Unzulänglichkeiten der größten Demokratie in der Welt aufgedeckt und zum Thema öffentlicher Debatten. In der Diktatur China drohte dafür Gefängnis.

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          Indien : Es werde Licht

          Immerhin: Wer sich arrangiert, der kommt in Indien zurecht. Ausländische Unternehmen wie Siemens, Bosch oder BASF weisen Jahr für Jahr zweistellige Zuwächse bei Umsatz und Gewinn aus. Sie leben davon, dass die Kaufkraft der Inder trotz allem steigt und die Mittelschicht, die den Staat trägt, Jahr um Jahr wächst. Die Mittelschicht aber bekommt das Versagen der Politik besonders zu spüren. Große Unternehmen setzten schon vor dem Stromausfall auf eigene Kraftwerke; wer konnte, der warf den Dieselgenerator an. Die Armen, die nach wie vor in der Mehrheit sind, müssen sich ohnehin auf Feuerstellen und Kerzenschein verlassen, oder sie zapfen Stromleitungen an. Alles in allem gehen fast dreißig Prozent der Stromproduktion durch Diebstahl und schwache Netze verloren. Die Mittelschicht aber ist auf die staatliche Vorsorge angewiesen.

          Alles bleibt weit hinter den Zielen zurück

          Die Träume der jungen, ambitionierten Inder zu zerstören wird die politische Klasse teuer zu stehen kommen. Noch können sich die Politiker die Stimmen der Armen kaufen. Die heranwachsende Mittelschicht aber ist wie überall in Asien weltläufig, anspruchsvoll und nicht mit Wahlgeschenken zu betäuben. Die städtische Bevölkerung weiß, dass die Stromversorgung nur eine von vielen Schwachstellen des Landes ist. Die Ursache des Stromausfalls war ja keineswegs das heiße Klima oder eine kurzfristige Überlastung der Netze. Seit Jahren verschließen die Regierungen jeglicher Couleur die Augen vor der Notwendigkeit, die für den weiteren Aufstieg des Landes unabdingbare Infrastruktur bereitzustellen. Ob Wasserversorgung, Gesundheitsfürsorge, Nahrungsmittelproduktion oder Straßenbau - alles bleibt weiter hinter den Zielen zurück.

          Die chinesischen Kommunisten waren weitsichtiger - was jeder Inder weiß, ohne es zugeben zu können: Die Infrastruktur wurde in China so schnell ausgebaut, dass viele den Kopf schüttelten angesichts achtspuriger Autobahnen, riesiger Häfen und immer neuer Landebahnen. Die Zweifler sind längst eines Besseren belehrt. Denn Grundlage von Wachstum sind die Versorgung mit Energie und eine moderne Verkehrsinfrastruktur. Hinzukommen müssten aber hier wie da der Abbau der Bürokratie und die Eindämmung der Korruption.

          10 Prozent Inflation

          Schnelles Wachstum aber braucht Indien mehr denn je. Sonst könnte aus der „demographischen Dividende“ schon bald eine Katastrophe werden: Die Heranwachsenden verlangen nach Ausbildung und einer Arbeit, die ihnen das Überleben auch angesichts einer Teuerungsrate von zehn Prozent im Jahr ermöglicht. Die wachsenden Defizite in der Versorgung verstärken sich wechselseitig: Gäbe es genug Strom, läge die Wachstumsrate um 1,2 Punkte höher. Verdürbe nicht ein Drittel der Grundnahrungsmittel auf dem Weg vom Bauern auf den Markt, wären Lebensmittel billiger. In den kommenden fünf Jahren müssen 300 Milliarden Dollar investiert werden, um wenigstens mit der Nachfrage nach Strom Schritt zu halten. Dieses Geld können nur private Geldgeber aufbringen. Aber die Investoren schrecken vor Bürokratie und Korruption in Indien zurück.

          Die Vorzeichen für einen Aufschwung des Landes waren lange günstig. Investoren zeigten sich optimistisch, das Land schwamm auf einer Woge der Sympathie. Indien hatte die Chance, nach China das zweite große Wachstumswunder der Erde zu vollbringen. In der Hoffnung auf Gewinne kämpfte die Privatwirtschaft gegen die einschnürenden Bedingungen so gut an, wie sie nur konnte. Jetzt ist es nicht ausgeschlossen, dass der ganze Subkontinent in Misswirtschaft versinkt. Um erfolgreich zu sein, muss Indien nicht China werden - es gibt auch Demokratien unter den aufstrebenden Ländern, in denen sich die Lebensverhältnisse der Bevölkerung verbessern. Stabil dank soliden Wachstums wird Indien erst dann werden, wenn die Politiker die Bedürfnisse des Volkes ernst nehmen. Dazu aber muss das Volk sie augenscheinlich zwingen.

          Christoph Hein
          (che.), Wirtschaft

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