https://www.faz.net/-gqe-7y2si

Korken oder Schraubverschluss? : Verschlusssache Wein

  • -Aktualisiert am

Weinkorken bleiben die erste Wahl für gute Weine, die lange liegen bleiben sollen. Bild: Wonge Bergmann

Wie kriegt man die Weinflasche wieder zu? Das wird immer leichter, denn Schraubverschlüsse breiten sich aus. Doch für alles, was länger liegen bleiben soll, bleibt der Naturkorken erste Wahl.

          Wenn der Trubel zum Jahreswechsel vorbei ist, wird es Zeit, sich noch ein wenig zu entspannen, bevor das neue Jahr seinen Tribut fordert. Man kann noch einmal die Füße hochlegen und sich ein Glas guten Weines gönnen. Das ist nie verkehrt, aber für Einzeltrinker im Haushalt und Alleinstehende stellt sich anschließend die Frage: Wie kriege ich die Flasche wieder zu?

          Am sichersten ist es, sie auszutrinken. Falls nicht, ist die einfachste und wohl auch gebräuchlichste Übung, den Korken wieder in den Hals zu würgen oder irgendeinen anderen Stopfen aufzusetzen. Welchen, ist egal, in jedem Fall reicht die Lösung nicht weit. Selbst im Kühlschrank hält eine halbe Flasche Rotwein nicht länger als zwei Tage, ein fruchtiger Weißer ist morgen schon schlapp. Deshalb vertreibt der Handel Gummischnuddel, durch die mit einer Vakuumpumpe die Luft entzogen werden kann. Wie sich leicht mit der Nase erkennen lässt, saugt man nebenbei feine Aromen mit heraus. Für Sekt ist die Unterdruckmethode ganz ungeeignet, der Trick mit dem Löffel funktioniert übrigens nicht. Um den Sauerstoff eine Weile fernzuhalten, der den Wein oxidieren lässt, gibt es kleine Geräte, die ein Polster aus Edelgas über die Flüssigkeit legen.

          Das alles sind Notlösungen, weil zuvor die Flasche geöffnet werden muss. Neu auf dem Markt und jetzt schon ein Freund der hochpreisigen Gastronomie ist ein schicker Apparat, der Argon durch eine dünne Nadel unter den Korken spritzt; der Überdruck treibt dann in Gegenrichtung den Wein heraus. Das Ergebnis der Injektion soll jahrelang halten, weil der Naturkorken das Nadelloch sofort wieder dicht verschließt. Die Edelgasnadel wäre deshalb vielleicht ein feines Weihnachtsgeschenk gewesen für Liebhaber edler Tropfen, die von ihren teuren Flaschen nur ein klein wenig kosten wollen.

          Vorausgesetzt natürlich, sie sind mit einem echten Korken versehen. Hier beginnt das Elend, denn deren Anteil sinkt. Jahrelang haben sich die Weintrinker gegen die Versuche der Winzer gespreizt, ihnen den gewohnten Stopfen zu nehmen, der mit großer Geste und einem satten Plopp entfernt werden möchte. Jetzt müssen sie mit ansehen, wie Flaschen mit schnöden Schraubverschlüssen schon etwa die Hälfte der Regale füllen.

          Dass die Winzer aus dem Naturkorken flüchten wollen, hat seinen Grund. Wenn man den Schilderungen glauben darf, sind ganze Ladungen zurückgegangen, weil sie durch Korkschmecker verdorben waren. Wie häufig der dumpf-muffige Ton tatsächlich vorkommt, ist ungewiss, man merkt ihn ja erst, wenn die Flasche offen ist. Die Schätzungen liegen, je nach Stichprobe und Interessenlage, zwischen weniger als einem bis mehr als zwanzig Prozent. Sicher ist, dass in geselliger Runde, wenn der erste Kenner mit irritiertem Blick den Verdacht auf einen Korkschmecker äußert und der zweite versonnen nickt, sich keiner mehr traut, das Gegenteil zu behaupten. Manch gute Flasche mag so ihr unverdientes Ende gefunden haben.

          Dem Schraubverschluss geht es wie dem künstlichen Weihnachtsbaum

          Der Schraubverschluss kehrt das um. Weil nicht sein darf, was nicht sein kann, befindet der gemeine Trinker den Wein aus der Schraubflasche für einwandfrei, selbst wenn er möpselt. Das kann ein Grund sein für die Beliebtheit alternativer Verschlüsse. Deshalb ist es an der Zeit, mit einem Irrtum aufzuräumen: Auch Wein ohne Naturkorken kann Geschmacksfehler haben, aus vielerlei Ursachen. Kaum jemand kann sie vom echten Korkschmecker unterscheiden, der durch Trichloranisol verursacht wird. Selbst den gibt es auch ohne Korken. Die Kontamination erfolgt unter anderem durch Pilzschutzmittel, Kartonagen und sogar Bodenbeläge.

          Kritiker wenden ein, der Schraubverschluss biete eigentlich nur Vorteile. Er ist dicht, leicht zu öffnen, wiederverschließbar – und kostet nicht viel. Das stimmt. Da geht es ihm wie dem künstlichen Weihnachtsbaum. Der sieht inzwischen täuschend echt aus und fühlt sich auch so an. Er hält ewig, und trotzdem singen die meisten Leute immer noch alljährlich lieber vor dem, was sie für ein Stück Natur halten.

          An Silvester alternativlos

          Wer Freunde in den klassischen Weinbauländern Südeuropas hat, schenkt ihnen besser keinen Wein mit Schraubverschluss. Aber es gibt Alternativen: Korken aus Kunststoff und Biokunststoff haben ihre Anfangsschwierigkeiten überwunden, die besseren Qualitäten sind jetzt dicht und lassen sich trotzdem noch ziehen. Das Gleiche gilt für technische Korken, die aus gereinigtem Granulat hergestellt werden und wie echte aussehen. Sogar Spitzenprodukte französischer Weingüter sind damit ausgestattet. Der Glasstopfen schließlich gibt beim Öffnen einen Laut von sich, der mit etwas Phantasie an den Plopp erinnert. Er sieht recht teuer aus und ist es auch.

          Der Verschluss bestimmt die Luftdurchlässigkeit, damit lässt sich die Reifung des Weines steuern. Mode ist, ihn jung zu trinken, dann ist es im Grunde gleich, was ihn abdichtet. Wertvolle Weine, vor allem rote, entwickeln sich indessen mit der Zeit. Wir sollten sie ihnen gönnen.

          Für alles, was noch liegenbleiben soll, ist der Naturkorken erste Wahl. Er verschließt Weine der höheren Preislage und hält jahrzehntelang. Korkschmecker lassen sich mit Qualitätskontrollen eindämmen. Und wenn an Silvester der Champagnerverschluss knallt – was fliegt dann wohl davon?

          Lukas Weber

          Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.

          Folgen:

          Weitere Themen

          Die Festspiele nach Wedels Abschied

          Bad Hersfeld : Die Festspiele nach Wedels Abschied

          Die Sex-Affäre des ehemaligen Intendanten Dieter Wedel ist in Bad Hersfeld kein Thema mehr. Die Festival-Stadt setzt ihre Hoffnungen auf den Nachfolger Joern Hinkel. Der hat große Ambitionen.

          Topmeldungen

          Großbritannien und Iran : Zwei Tanker und eine Retourkutsche

          Kritiker werfen der Regierung in London vor, sie sei vom Machtkampf um die Nachfolge Mays abgelenkt. Tut sie zu wenig für die Sicherheit der britischen Schiffe im Persischen Golf?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.