https://www.faz.net/-gqe-a6rsf

Corona und Konzerte : Hoffen auf den Festival-Sommer

Festival-Normalität 2019: Auch das „Southside“-Festival auf dem Flugplatz in Neuhausen ob Eck musste 2020 ausfallen. Bild: dpa

Große Veranstalter arbeiten zusammen an einer möglichen Lösung für Rock am Ring, Hurricane und Co. Die Perspektive für die Konzertbranche an sich bleibt aber düster.

          5 Min.

          Ein Rekordjahr hätte es werden sollen, heißt es im Rückblick von „Pollstar“. Statt Erfolgsmeldungen über Millionen verkaufter Tickets findet sich im Bericht des Fachmagazins für die Konzertbranche nun aber eine üppige Auswahl abgesagter oder verschobener Tourneen. Seit gut neun Monaten ist aufgrund der Corona-Pandemie die gerade für weniger oder nur mittelmäßig erfolgreiche Musiker oft wichtigste Einnahmequelle versiegt. Noch härter trifft es die große Schar von Menschen, die gewöhnlich vor und hinter der Bühne arbeitet.

          Benjamin Fischer

          Redakteur in der Wirtschaft.

          „Wir sind so ein bisschen der technische Zivi für die Künstlerinnen und Künstler“, beschreibt Erik Scheffert seine Tätigkeit. Als Backliner kümmert sich der 33-Jährige auf Tour um Pflege und Wartung der Instrumente. Nach dem Aufbau am Konzerttag verkabele er alles gemeinsam mit der Tontechnik. Während der Show sei man erster Ansprechpartner auf der Bühne, falls irgendetwas nicht stimme. Der gelernte Veranstaltungstechniker kommt seit Jahren viel herum. Da seine Stammkünstler wie etwa Casper 2020 keine Tour geplant hatten, wäre einiges an Neuem auf ihn zugekommen – unter anderem viele Konzerte mit den Australiern von Parcels, „und ich hätte sehr viel mit der Band Mia gemacht“, sagt Scheffert:

          „Mein Jahr war voll und im Festival-Sommer wieder kein freies Wochenende in Sicht.“ Mit der Pandemie änderte sich alles. Die wenigen Auftritte mit Mia in Autokinos oder auf kleinen Open-Air-Veranstaltungen seien nett gewesen, um überhaupt etwas machen zu können, finanziell aber nicht der Rede wert gewesen und auch für die Veranstalter nicht wirtschaftlich. Nach zwei Monaten in der Altenpflege arbeitet er derzeit als Fahrer für ein Berliner Back-Kollektiv. Für die Touren im Jahr 2021 ist er wenig optimistisch.

          Der Sommer ist ausgebucht, nur was wird stattfinden können?

          Auch Stephan Thanscheidt, Geschäftsführer des Konzert- und Festival-Veranstalters FKP Scorpio, glaubt nicht wirklich an größere Konzerte in der ersten Jahreshälfte. Wie viele andere verlegt FKP derzeit erst einmal nur fürs erste Quartal geplante Shows. „Teilweise verschieben wir Konzerte jetzt zum dritten Mal“, berichtet Ralf Scheffler, Geschäftsführer der Frankfurter Batschkapp, wo normalerweise bis zu 1500 Personen Konzerte besuchen. Ab dem Sommer sei durch die vielen ursprünglich für 2020 geplanten Shows aktuell alles voll. Ähnliches hört man von anderen Spielstätten. Keiner weiß, ob die Konzerte stattfinden, aber einen Termin wollen viele Agenturen zur Sicherheit dann doch festmachen.

          Die Batschkapp im September 2019: 2020 wurde das Außengelände für kleine Konzerte mit Hygienekonzept und entsprechend wenigen Gästen genutzt.
          Die Batschkapp im September 2019: 2020 wurde das Außengelände für kleine Konzerte mit Hygienekonzept und entsprechend wenigen Gästen genutzt. : Bild: Lucas Bäuml

          „Die Veranstaltungswirtschaft hat im Vergleich zu allen anderen Wirtschaftszweigen das wohl härteste Sonderopfer dieser Krise erbracht, und das wird im kommenden Halbjahr sicher noch viel größer“, sagt Jens Michow, geschäftsführender Präsident des Bundesverbands der Konzert- und Veranstaltungswirtschaft (BDKV). Einer Studie aus dem Juni zufolge ist die kleinteilige Branche mit einem Jahresumsatz von fast 130 Milliarden Euro und mehr als einer Million Erwerbstätigen der sechstgrößte Wirtschaftszweig des Landes. Fast 90 Prozent des Umsatzes entfielen zuletzt auf Business Events. Gut 6,6 Milliarden Euro machten private Kulturveranstaltungen wie Konzerte aus. Jedoch seien schon allein Technik-Dienstleister in vielen Bereichen tätig.

          „Für uns ist es essentiell, dass auch wir als deutsches, verbundenes Konzern-Unternehmen ebenfalls an den Winterhilfen und der Überbrückungshilfe III partizipieren können“, sagt FKP-Chef Thanscheidt. Es sei Wettbewerbsverzerrung, wenn Niederlassungen internationaler Konkurrenten dazu Zugang hätten, man selbst aber nicht. Viele Mitarbeiter des zu CTS Eventim gehörenden Unternehmens, das 2019 mehr als 200 Millionen Euro umgesetzt hat, sind seit Monaten in Kurzarbeit. Das gilt auch für Schefflers Angestellte. Der Frankfurter hat Gelder aus der Überbrückungshilfe I erhalten, eine Tranche aus der zweiten war Mitte Dezember aber noch nicht ausgezahlt.

          Umständliche Hilfsanträge und Solidarität in Szene

          Einen Teil der monatlichen Kosten von 40.000 Euro deckten die Hilfen, aber das reicht nicht: „Wenn wir in der Vergangenheit nicht gut gewirtschaftet hätten, wären wir wohl erledigt gewesen“, sagt Scheffler. Die November- und Dezemberhilfe, durch die 75 Prozent des Umsatzes aus den Vorjahresmonaten gezahlt werden sollen, sieht er sehr positiv. Doch müsse die eben erst mal fließen. Überhaupt seien die Antragsverfahren für Hilfen und Fördergelder sehr sperrig. „Wir sind das nicht gewohnt, da wir so eigentlich nicht arbeiten“, sagt Scheffler. Kulturstätten, die schon immer subventioniert würden, hätten es da leichter.

          Zumindest den Bescheid für die Novemberhilfe hat Erik Scheffert erhalten. Er berichtet auch von großer Solidarität in der Szene. So hat etwa die Agentur Landstreicher Booking im Juli ein Konzert mit den bekannten Künstlern Casper, Kraftklub und K.I.Z angekündigt. Stattfinden soll es erst, wenn Konzerte wie vor der Krise wieder möglich sind. Die Ticketerlöse aber gingen direkt an Scheffert, Ton- und Licht-Techniker, Bühnenbauer und die übrigen Gewerke. Teilweise gibt es auch Hilfsfonds für Tour-Crews oder digitale Charity-Konzerte. Viele Clubs wie die Batschkapp haben Unterstützungsaktionen initiiert oder sammeln Spenden.

          Stephan Thanscheidt führt gemeinsam mit Gründer Folkert Koopmans die Geschäfte von FKP Scorpio.
          Stephan Thanscheidt führt gemeinsam mit Gründer Folkert Koopmans die Geschäfte von FKP Scorpio. : Bild: Daniel Pilar

          Stephan Thanscheidt ist als Mitglied des BDKV-Vorstands bestens im Bild, was die Debatten mit der Politik über Hilfen angeht. Zudem hat sich FKP als Teil der Live-Sparte von Eventim in der Initiative „Solutions for Festivals“ mit internationalen Konkurrenten zusammengetan. Dazu gehören Branchenriesen wie Coachella-Veranstalter AEG, Live Nation oder Superstruct Entertainment – ein Unternehmen, das etwa am Wacken-Festival beteiligt ist. „Wir arbeiten an einem Maßnahmenkatalog, der individuell planbare, pandemiegerechte Festivals in 2021 möglich machen soll“, sagt Thanscheidt. Schnelltests etwa sind vorgesehen, um größtmögliche Sicherheit zu gewährleisten, und natürlich hänge vieles am Fortschritt bei den Impfungen. In den Arbeitsgruppen sei auch ein Team aus Hygiene-Fachleuten und Virologen.

          „Verlauf von 2021 wird für viele Unternehmen der Veranstaltungsbranche entscheidend“

          Das Ziel der Initiative sind Veranstaltungen mit voller Kapazität. Für das Mitte Juni geplante FKP-Festival „Hurricane“ zum Beispiel wären das 70 000 Gäste. „Mit deutlich weniger Zuschauern lassen sich Veranstaltungen nur auf die Beine stellen, wenn sie anteilig über den von Olaf Scholz geplanten Schutzschirm Veranstaltungswirtschaft gefördert würden, der angefallene Kosten ersetzen soll, falls Events in 2021 pandemiebedingt abgesagt werden müssen“, betont Thanscheidt. Dieser würde Veranstalter zudem ermutigen, wieder etwas zu planen, wovon die gesamte Wertschöpfungskette profitieren würde. Für Batschkapp-Chef Scheffler wären Festivals im Sommer „ein Lichtblick für die gesamte Branche“.

          Allein das Testen Zehntausender Personen sei aber natürlich eine riesige logistische Herausforderung. Sobald möglich, will er wieder kleine Konzerte mit dem aus dem Sommer erprobten Hygienekonzept organisieren. Gefördert mit Mitteln etwa aus dem „Neustart Kultur“-Programm, denn wirtschaftlich seien diese Veranstaltungen nicht darstellbar. Aber immerhin könne so etwas Kultur stattfinden, und einige Leute bekämen Arbeit. Wann der internationale Tour-Zirkus wieder in Gang kommt, ist noch mal ein anderes Thema.

          Die irische Band Kodaline im August letzten Jahres in der Batschkapp-Halle.
          Die irische Band Kodaline im August letzten Jahres in der Batschkapp-Halle. : Bild: Lucas Bäuml

          Thanscheidt hofft zumindest für seine Festivals auf das geplante Line-up: „Wenn es keine Reiseverbote gibt, sollte es machbar sein, dass internationale Künstler einfliegen und regelmäßig getestet werden – in etwa so, wie es schon jetzt beim Fußball läuft.“ Damit sich der Aufwand für diese lohne, müssten in Europa aber auch genügend Auftritte stattfinden können. „Der Verlauf des nächsten Jahres wird für viele Unternehmen der Veranstaltungsbranche entscheidend sein und auch, ob es eine Festivalsaison geben kann oder nicht“, glaubt er. BDKV-Chef Michow fürchtet, dass mindestens 60 Prozent der Unternehmen des Wirtschaftszweigs wirtschaftlich nicht mehr überlebensfähig sind.

          Derweil überlegt Backliner Erik Scheffert, den Bäcker-Job auch nach der Krise teilweise zu behalten. Aus Rücksicht auf seine Familie wird er wohl das Touren ökonomischer gestalten. In seinem Metier sei eine Menge Idealismus dabei, doch viele dürften in Zukunft nicht mehr auf demselben Niveau arbeiten wie vor der Pandemie. Mancher nutze womöglich die Zwangspause und suche sich eine sozialversicherungspflichtige Anstellung. Eine nicht zu unterschätzende Folge der Krise, betont der Frankfurter Ralf Scheffler. Erfahrene Tour-Begleiter seien unheimlich wichtig, damit alles reibungslos funktioniere: „Wir sind es ins unserer Branche gewohnt zu improvisieren, aber die ganze Maschinerie wieder anlaufen zu lassen, das wird ziemlich kompliziert.“

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Unsere Autorin: Rebecca Boucsein

          F.A.Z.-Newsletter : Corona-Gipfel XXL: Testen und (ein bisschen) Öffnen

          Nach dem neunten Corona-Gipfel steht fest: Der Lockdown wird verlängert. Tests sollen ein paar Freiheiten möglich machen. Doch viele Fragen sind noch offen. Haben sich die Verhandlungen gelohnt? Darüber wird heute debattiert. Der F.A.Z.-Newsletter.
          Demonstration gegen die Corona-Maßnahmen in der Kleinstadt Wohlen im Kanton Aargau am 20. Februar 2021

          SVP gegen Corona-Regeln : Die Schweiz, eine Diktatur?

          Die SVP gehört der Schweizer Regierung an. Das hindert die Führung der größten Partei des Landes nicht daran, es wegen der Corona-Politik als Diktatur zu bezeichnen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.