https://www.faz.net/-gqe-71xjh

Konzentration aufs Lokale : WAZ-Gruppe strafft Abläufe und baut um

  • -Aktualisiert am

Alle Macht dem Lokalen: Zentrale des in Europa führenden Regionalzeitungsverlegers in Essen. Bild: Kai Nedden / F.A.Z.

Im Unternehmenskern der WAZ-Gruppe, den Zeitungen in Nordrhein-Westfalen, soll angesichts sinkender Auflagen das Lokale künftig weitaus mehr zählen. Dazu werden Stellen aus überregionalen Ressorts in Lokalredaktionen verlegt.

          4 Min.

          Über Jahrzehnte leben sie in Essen in einem Spannungsverhältnis sondergleichen. Wer im dritten Stock der Zentrale aus einem der beiden kleinen Fahrstühle stieg, stand stets zwischen den beiden gleich starken Teilen des großen WAZ-Konzerns. Links ging es zur Brost-Familie, dort residierte bis Anfang des Jahres der von der Familie berufene Geschäftsführer Bodo Hombach. Rechts ging es zur Funke-Familie und dem von ihnen berufenen Geschäftsführer Christian Nienhaus. Jedem Stamm gehörte exakt 50 Prozent des größten Regionalzeitungsverlages Europas, keiner konnte gegen den anderen regieren. Da das Büro von Hombach dunkel vertäfelt war und das von Nienhaus weiße Wände hatte, sprach mancher im Unternehmen von einer hellen und einer dunklen Seite der Macht. Ein Gegensatz wie Tag und Nacht.

          Jan Hauser
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Diesen Spannungsknoten hat Petra Grotkamp, eine Tochter des Mitgründers Jakob Funke, zerschlagen. Sie kaufte Anfang des Jahres den Anteil der Brost-Familie auf. Seitdem sitzt Hombach nicht mehr in dem alten Büro, und der Konzern liegt ganz in der Hand des Funke-Stamms. Alle Gesellschafter haben danach mit Manfred Braun, dem Herrn über die Zeitschriften im Hause, einen weiteren Geschäftsführer neben Nienhaus berufen. Als dritter Mann an der Spitze arbeitet seit Monatsbeginn der neue Finanzchef Thomas Ziegler in Essen, der vom Handelskonzern Metro kommt. Er sitzt im renovierten Hombach-Büro, während Braun ein Büro im dritten Stock nahe Nienhaus fand. Die Zeichen stehen auf Gemeinsamkeit: In ihren Zimmern blicken alle Geschäftsführer heute auf Wände wie weißes Papier.

          Neue Einigkeit

          Schon vor eineinhalb Monaten demonstrierten Braun und Ziegler in der Öffentlichkeit Einigkeit: Mit rotem WAZ-Schriftzug auf der Brust liefen beide, wie viele andere Mitarbeiter, im Juni bei einem Firmenlauf durch Essen und brauchten für die 5,1 Kilometer lange Strecke 26 Minuten und 12 Sekunden. Die Geschäftsführer wollen nicht nur an einem Strang ziehen, sondern auch gemeinsam ins Ziel kommen.

          Auf dieser Strecke liegt genug Arbeit für den Konzern im Wandel, dem an manchen Stellen eine Renovierung nicht schaden wird. Wer sich in diesen Tagen darüber mit Manfred Braun unterhält, merkt, wie sehr er sich an der Spitze eingefunden und ins Zeitungsgeschäft eingegraben hat. „Das Internet zerstört nicht die Tageszeitung, sondern die Zeitung ist zu vorsichtig, sich der Zeit anzupassen“, warnt er. Braun ändert lieber die Zeitung als die Zeit.

          An ihm liegt es, die Tageszeitungen in Nordrhein-Westfalen, dem Unternehmenskern der Gruppe, zu beleben: Westdeutsche Allgemeine Zeitung, Neue Ruhr / Neue Rhein Zeitung, Westfälische Rundschau und Westfalenpost kommen zusammen auf eine verkaufte Auflage von 732 473 Exemplaren, haben jedoch 5 Prozent zum Vorjahresquartal verloren. Die Titel steuern mehr als die Hälfte zum Konzernumsatz von 1,1 Milliarden Euro bei. Daneben besitzt das Medienhaus 20 weitere Tageszeitungen und 175 Zeitschriften (Gong, Neue Welt) und kam 2011 auf ein operatives Ergebnis von 110 Millionen Euro. Braun ist für die Zeitschriften zuständig, Nienhaus für Zeitungen; aber die vier NRW-Titel teilen sie sich - Braun macht Vertrieb und Redaktion, Nienhaus die Druckereien und Anzeigen.

          Das Geschäft hatte im Westen schon bessere Zeiten. „Das erste halbe Jahr war bei den Tageszeitungen davon geprägt, dass die Umsätze im Einzelhandel gefallen sind“, sagt Manfred Braun. Oft hört er, dass der Werbemarkt wegbreche, sie unter Druck stehen und auf dem absteigenen Ast seien - das alles klinge sehr negativ. Der neue Geschäftsführer will aber nicht ein neuer Sparkommissar sein, sondern die Stimmung drehen und den Auflagenrückgang stoppen.

          Lokale Berichterstattung soll verbessert werden

          Damit das gelingt, versucht er die lokale Berichterstattung zu verbessern, die er lobt und preist. Denn ob Jung oder Alt, ob Reich oder Arm: Jeder interessiere sich für seinen Kiez. „Ich will mit aller Kraft versuchen, der lokalen Tageszeitung wieder mehr Leben einzuhauchen“, sagt Braun. „Wenn das funktioniert, bedeutet es für alle Zeitungen: Wir gehen nicht unter, wir können es gemeinsam schaffen.“ Der Lokalteil wird ausgebaut, zum Teil zu Lasten der überregionalen Ressorts. Insgesamt sind rund 80 Stellen von den Umbesetzungen betroffen.

          Mit den vier Zeitungen im Westen machte das Medienhaus vor drei Jahren eine strikte Sparwelle durch, reduzierte fast ein Drittel der 900 Stellen und führte eine gemeinsame überregionale Produktion ein. Heute arbeiten 600 festangestellte Journalisten für die vier Zeitungen, dabei soll es bleiben. „Damals wurden gerade im Lokalen Stellen gestrichen, das hätte man auch anders machen können“, sagt Braun, der nun dieses Feld stärkt.

          Alte Strukturen aufbrechen

          Die vier Zeitungen haben sich schon sichtbar für die Leser gewandelt: Seit Ende Juli kommen die Blätter in neuer Gestaltung und Struktur mit vier Teilen (Nationales/Internationales, Lokal, Sport, Kultur & Freizeit) heraus. Das Medienhaus hat dafür das Verbreitungsgebiet untersucht und in 91 neugebildete Zellen mit eigener Lokalausgabe aufgeteilt. Die Zeitung kann und soll regional anders aussehen - bis hin zu 91 unterschiedlichen Titelseiten. „Der Lokalchef ist ein kleiner Chefredakteur“, sagt Braun. Und dann spricht er von der Frage, wie Geschichten am besten erzählt werden - mit Nachricht, Einordnung, Erzählstil und Service. Zur Nachricht „Stau auf der A40“ gehöre auch immer der Service, wie dieser umfahren werden kann. So lernen es die Journalisten des Hauses seit einem halben Jahr. In den Umbau investiert die WAZ-Gruppe eine niedrige siebenstellige Summe, vor allem in Schulungen und Marketing. „Wenn ich mit diesem Programm den Auflagenrückgang stoppen kann, habe ich zum ersten Mal nicht mit Sparen, sondern mit Investitionen in die Qualität und am Produkt einen Trend beeinflusst.“

          Im Hintergrund arbeiten die Gesellschafter der WAZ daran, alte Strukturen aufzubrechen. Petra Grotkamp hat mit dem Kauf der früheren Brost-Hälfte zwar rechnerisch eine Mehrheit, ist aber auf die Unterstützung der anderen Eigentümer angewiesen. Grotkamp sowie Renate Schubries und Stephan Holthoff-Pförtner besitzen jeweils ein Drittel der Funke-Holding, der wiederum 50 Prozent des Konzerns gehört. Bei Entscheidungen ist weiterhin das Plazet beider Unternehmenshälften nötig. Das wollen die Gesellschafter ändern und die bisherigen zwei Familiengesellschaften, denen jeweils eine Konzernhälfte gehört, bis Jahresende unter ein Dach zusammenführen.

          Die Anwaltskanzlei Linklaters macht dafür Vorschläge, für welche Entscheidungen es dann die Stimmen von mehr als der Hälfte, von drei Vierteln oder von allen Anteilen braucht. Die Rechtsform könnte eine Kommanditgesellschaft auf Aktien werden. Die Stimmung unter den Gesellschaftern soll dabei, so ist zu hören, nicht wie zuvor konfliktträchtig, sondern sachgetrieben sein. Es scheint, dass sie in Essen nun alle gemeinsam über die Ziellinie schreiten wollen. Andernfalls könnte sich das Spannungsfeld in der großen WAZ-Gruppe wieder aufladen - dann nicht mehr zwischen zwei Familienstämmen, sondern zwischen den Vertretern der Funke-Nachfahren.

          Weitere Themen

          Türkische Lira auf Rekordtief Video-Seite öffnen

          Menschen demonstrieren : Türkische Lira auf Rekordtief

          Dutzende Demonstranten wurden am Mittwochabend bei einem Protest gegen die Regierung in Istanbul festgenommen. Die türkische Lira war am Vortag um mehr als 15 Prozent auf ein Rekordtief eingebrochen. Seit Jahresanfang hat die Lira bereits mehr als 40 Prozent an Wert verloren.

          Topmeldungen

          „Abgesagt“ – volle Bundesligastadien, volle Clubs und zahlreiche andere Veranstaltungen mit vielen Besuchern wird es in naher Zukunft wohl nicht mehr geben.

          F.A.Z. Frühdenker : Kommt es zu neuen Kontaktbeschränkungen?

          Auch wegen der neuen Omikron-Variante fordern Politiker und Wissenschaftler schärfere Corona-Regeln. In Wien wird wieder über das Atomabkommen mit Iran verhandelt. Und in New York startet der Prozess gegen Ghislaine Maxwell. Der F.A.Z.-Newsletter.
          Corona-Debatte bei Anne Will

          TV-Kritik: Anne Will : Für die Ampel gibt es keine Schonfrist

          Bei Anne Will geht es um die vierte Corona-Welle, um Versäumnisse der alten Regierung und Pläne der neuen Koalition. Dann platzt einem Gast der Kragen. Und Anne Will taucht ab.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.