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Kontaktpflege : Wiener Wirtschaft im Dreivierteltakt

Schwungvoll auf dem Philarmonikerball: Zwischen Walzer und Mitternachtsquadrille ist auch Zeit für das Geschäft. Bild: dpa

Im Karneval zieht es Manager in die Ballsäle. Denn dort wird nicht nur getanzt, es werden auch Geschäfte abgeschlossen.

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          Wer dieser Tage mit einem österreichischen Manager reden will, geht am besten auf einen Ball. Dort versammelt sich derzeit viel Wirtschaftsprominenz. Vergangene Woche beispielsweise war dies auf dem Philharmonikerball so. Willibald Cernko, der Vorstandsvorsitzende der Bank Austria, hat dort einige betuchte Kunden in seine Loge im Goldenen Saal des Musikvereins eingeladen.

          Michaela Seiser

          Wirtschaftskorrespondentin für Österreich und Ungarn mit Sitz in Wien.

          Eine solche Loge kostet 14.500 Euro. Schließlich geht es um die Pflege von Kontakten. Cernko hat viel Zeit damit zugebracht, Gespräche zu führen in seiner Loge und außerhalb. Zum Tanzen dürfte ihm ähnlich wie seinem Konkurrenten Walter Rothensteiner, Vorstandsvorsitzender der Raiffeisen Zentralbank (RZB), kaum Zeit geblieben sein.

          So geht es vielen, die sich zu den großen Bällen einfinden. Sie dienen vor allem der Netzwerkerei. Zwischen Walzer und Mitternachtsquadrille lassen sich gut Geschäfte abschließen, wie der Aufmarsch an Unternehmensführern auch in flauen Zeiten beweist. Die großen Bälle folgen einem bestimmten Ritual: Zuerst gibt es einen feierlichen Einzug der Ehrengäste, das sind häufig Politiker und andere mehr und weniger bekannte Personen.

          „Alles Walzer“

          Dann gibt es die Tanzeröffnung durch das Jungdamen- und Jungherren-Komitee, oftmals einstudiert vom österreichischen Benimm-Papst Thomas Schäfer-Elmayer. Dann kommt die Fächer-Polonaise von Carl Michael Ziehrer. Anschließend werden noch einige andere Stücke getanzt, beim Philharmoniker-Ball waren es die Carmen-Quadrille von Eduard Strauß und Wiener Blut von Johann Strauß Sohn. Danach spricht Schäfer-Elmayer die für große Teile des Publikums erlösenden Worte: „Alles Walzer“. Erst dann dürfen Tanzwillige das Parkett betreten.

          Bis dahin dominieren die Bekleidungsfarben Weiß/Schwarz der jungen Tänzerinnen und Tänzer. Plötzlich mischt sich Buntes unter das Schachbrettartige und Altes unter Junges. Für alle Damen ist ein bodenlanges Abendkleid und für die Herren der Frack mit Dekorationen, Smoking oder Uniform ein Muss. Das ist der Anlass, an dem die titel- und ordenverliebten Österreicher ihre in Edelmetall gegossenen Auszeichnungen der Republik tragen können. Die Ehrenzeichen, die in Wien Bletschn heißen, waren und sind für den Staat eine günstige Möglichkeit, etwas für die Eitelkeit ihrer Träger zu tun.

          Unvermeidlich kommt bei den Begleiterinnen viel, mitunter zu viel Haut zum Vorschein. Das Diktum „Weniger ist mehr“ beziehen Betagte und Unbetagte auf Seide, Tüll und Spitze - aber nicht auf die Haut. Dabei sind teure Erzeugnisse der Schönheitschirurgie zu besichtigen. Offensichtlich ist der Rücken trotz aller Fortschritte auf dem Gebiet noch immer jener Körperteil, an dem die Mediziner scheitern.

          Ballkarte für 160 Euro

          Dessen ungeachtet bleibt der Ball ein Vergnügen, das kostspielig ist: Eine Ballkarte kostet 160 Euro. Trotz dieses stolzen Preises sei der Philharmonikerball mit 3.600 Karten rasch ausverkauft gewesen, wie der Organisator des Balls, Andreas Grossbauer, berichtet.

          Wer es auf die Veranstaltung der Philharmoniker nicht schafft, hat sehr viele andere Optionen. Allein in Wien gibt es 450 Bälle. Zum Ballvergnügen gehören elegante Anlässe der Saison wie der Ball der Wiener Philharmoniker, Technikercercle und der Exportschlager Opernball genauso wie die als „Gschnas“ bezeichneten Maskenfeste. Es muss aber nicht immer Walzer im Dreivierteltakt sein, auch Salsa und andere lateinamerikanische Tänze sind mittlerweile Garanten für rauschende Ballnächte.

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