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Kontaktnachverfolgung : Gesundheitsämter im Software-Streik

Im Gesundheitsamt Bitterfeld-Wolfen in Sachsen-Anhalt Bild: ZB

Die Politik hat ein Ziel: Eine einheitliche IT soll die Pandemiebekämpfung verbessern. Doch viele Ämter setzen auf eigene Lösungen.

          2 Min.

          Der Streit um die flächendeckende Einführung des Datenverarbeitungsprogramms Sormas in den rund 380 deutschen Gesundheitsämtern wird zum Politikum. Seit November pochen Bund und Länder darauf, dass alle Ämter mit der einheitlichen Software arbeiten, um die Corona-Pandemie effektiver bekämpfen zu können. Bis Ende Februar soll die flächendeckende Einführung vollzogen sein, bisher sind etwa 150 Ämter diesem Aufruf gefolgt. Viele andere weigern sich aber mit Hinweis auf die hohe Arbeitsbelastung und gut funktionierende andere Systeme. Schätzungen gehen davon aus, dass rund 40 unterschiedliche Programme zur Kontaktnachverfolgung im Einsatz sind. Sormas ist eine Open-Source-Software, die fortlaufend erweitert wird und für die Kommunen kostenlos ist.

          Corinna Budras
          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

          Nun werden Brandbriefe zwischen Kommunen und Ministerien ausgetauscht, sowohl auf Bundes- als auch auf Landesebene. Die Landkreise halten eine flächendeckende Einführung von Sormas „weder für erstrebenswert noch derzeit erreichbar“, schrieb etwa der Landkreistag, der 290 der kommunalen Ämter vertritt, vergangene Woche an Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU). Die Kommunen beklagen eine erhebliche Mehrarbeit, weil in der Übergangszeit Datensätze doppelt eingegeben werden müssten.

          Das Virus trifft die Kommunen unterschiedlich

          Was umgekehrt die Politik dazu bewegt, an dem Beschluss festzuhalten, steht in einem Antwortschreiben der nordrhein-westfälischen Landesregierung auf die Bedenken dortiger Kommunen: Um die teils sehr unterschiedlichen Infektionszahlen in Städten und Gemeinden besser analysieren zu können, sei es notwendig, eine einheitliche Software zu nutzen. Das ermögliche es, das Pandemiegeschehen viel gezielter zu bekämpfen.

          Dass Kommunen gute Erfahrungen auch mit anderen Programmen gemacht haben, wird von der Politik nicht bestritten. Allerdings sei es wichtig, sich auf ein einheitliches System zu einigen, das man ständig weiterentwickeln könne, argumentierte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) jüngst. Sie möchte die flächendeckende Implementierung deshalb kurzfristig vorantreiben.

          Kontaktverfolgung in ganz Europa?

          Auch unabhängige IT-Fachleute halten Sormas für eine gute Idee, weil nur so Kontakte auch über Kreis- und Ländergrenzen hinaus verfolgt werden können, womöglich irgendwann sogar in ganz Europa, schließlich wird die Software auch in Frankreich und der Schweiz genutzt. „Die Sormas-Technik ist das Herzstück der Pandemiebekämpfung“, betonte am Donnerstag Tobias Opialla, Mitinitiator des Innovationsverbunds Öffentliche Gesundheit zur Vorstellung eines Strategiepapiers zur Bekämpfung der Corona-Pandemie. Das Papier wurde gemeinsam mit der Björn Steiger Stiftung und dem ehrenamtlichen IT-Netzwerk „CIO Corporate Citizens“ entwickelt.

          Sie unterstützen derzeit viele Gesundheitsämter dabei, die Software einzuführen, und kennen deshalb die Probleme der Umstellung. „Die Bedenken der Kommunen lassen sich ausräumen, wenn man das System den Mitarbeitern vor Ort nur besser erklärt“, erläutert etwa Anke Sax, die sich als erfahrene IT-Managerin bei „CIO Corporate Citizens“ engagiert. Viele mögliche Anwendungen seien oft schlicht nicht bekannt.

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