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Konsumschwäche : Das Ende des amerikanischen Kaufrauschs

  • -Aktualisiert am

Über Jahre hinweg haben die Amerikaner gekauft, was das Zeug hielt, haben mehr Geld ausgegeben, als sie verdienten. Jetzt folgt die große Ernüchterung. Was tun, damit der Konsum wieder anspringt? Eine kreditfinanzierte Erhöhung der Staatsausgaben nach keynesianischem Vorbild wäre ein Fehler.

          Auf den Rausch folgt die Ernüchterung. Was auf den übermäßigen Genuss von Alkohol zutrifft, gilt auch für den Konsum insgesamt. Die amerikanischen Verbraucher machen gerade diese unangenehme Erfahrung: Über Jahre hinweg haben sie gekauft, was das Zeug hielt, haben mehr Geld ausgegeben, als sie verdienten, bis sie schließlich durch die Häuser- und Finanzkrise aus ihren Träumen gerissen wurden. Der Verbrauch knickte ein und hat inzwischen die gesamte Wirtschaft in die Rezession gezogen.

          Die Geschichte des Kaufrauschs ist schnell erzählt: Mehr als ein Jahrzehnt ist der Konsum in Amerika schneller gewachsen als die Einkommen. Die Sparquote der Haushalte sank in diesem Zeitraum von 5,7 Prozent des verfügbaren Einkommens auf nahe Null. Angeheizt wurde die Konsumlust durch den Boom auf dem Immobilienmarkt und an den Börsen. Weil der Wert ihrer Aktienportfolios, vor allem aber der der Häuser kräftig stieg, wähnten sich die Bürger reicher und glaubten, weniger Geld von ihren laufenden Einkünften auf die Seite legen zu müssen. Begleitet wurde dieser positive Vermögenseffekt von einer zunehmend laxeren Kreditvergabe der Banken und Finanzprodukten wie den „home equity loans“, bei denen der gestiegene Buchwert eines Hauses beliehen wird. Der Beitrag des privaten Verbrauchs zur jährlichen Wirtschaftsleistung wuchs somit beständig, er hat im vergangenen Jahr das Rekordniveau von 72 Prozent erreicht. Gleichzeitig stieg die Verschuldung der Haushalte: Zu 133 Prozent des verfügbaren Einkommens standen sie Ende 2007 durchschnittlich in der Kreide, tiefer als jemals zuvor.

          Ein rasches Ende der Misere ist nicht in Sicht

          Das Ende des Booms zeichnete sich ab, als die Blase auf dem Immobilienmarkt zerplatzte und die Häuserpreise zu fallen begannen. Der positive Vermögenseffekt hat sich in einen negativen umgekehrt, verstärkt noch durch den Bärenmarkt an der Börse. Viele Baby Boomer, die kurz vor dem Rentenalter stehen, sehen ihre Alterssicherung in akuter Gefahr. Sie und viele andere schränken sich ein und sparen wieder mehr. Belastend wirkt sich auch die Vertrauenskrise an den Finanzmärkten aus, denn sie führt zu einer großen Zurückhaltung der Banken in der Kreditvergabe, nicht nur untereinander, sondern auch an Unternehmen und Haushalte. Die Wirkungen dieser Kreditknappheit schlagen sich als Nachfragerückgang nieder. Das setzt die Wirtschaft unter Druck, nicht zuletzt die krisengeschüttelte Automobilindustrie. Der schnelle Anstieg der Arbeitslosigkeit – 2,7 Millionen Jobs sind in den vergangenen zwölf Monaten abgebaut worden – tut ein Übriges.

          Ein rasches Ende dieser Misere ist nicht in Sicht, und es lauern sogar zusätzliche Risiken: Die Verbraucherpreise sind im Oktober durchschnittlich um ein Prozent gefallen, so schnell wie seit 60 Jahren nicht mehr. Das ist zwar zunächst einmal eine gute Nachricht für Konsumenten, weil viele Dinge erschwinglicher werden. Gefährlich wird es dann, wenn die Haushalte beginnen, noch weniger Geld auszugeben, weil sie damit rechnen, dass Fernseher, Möbel oder Haushaltsgeräte bald noch billiger zu haben sein werden. Dann droht eine Lähmung der Konjunktur, aus der es nur schwer ein Entkommen gibt.

          Die Übertreibungen müssen korrigiert werden

          Die amerikanische Politik sieht der Entwicklung nicht tatenlos zu. Das gilt für die Notenbank Federal Reserve ebenso wie für die scheidende und die künftige Regierung. Die Währungshüter pumpen ungeheure Summen frischer Liquidität in die Wirtschaft. Gemeinsam mit dem Finanzministerium nehmen sie den Banken und anderen Marktakteuren Risiken ab in der Hoffnung, auf diese Weise die Kreditvergabe wieder in Gang zu setzen und eine Deflation zu verhindern. Der neugewählte Präsident Barack Obama lässt an einem Hunderte Milliarden Dollar schweren Konjunkturpaket basteln, das so schnell wie möglich nach der Amtsübernahme im Januar auf den Weg gebracht werden soll.

          In dem Bemühen um eine Rettung der Verbraucher und der gesamten Wirtschaft gerät aber ein wenig in den Hintergrund, dass eine allzu sorglose Kreditvergabe ganz entscheidend zur aktuellen Krise beigetragen hat. Dass diese Übertreibungen nun korrigiert werden, ist notwendig und wünschenswert. Der Konsum muss sich wieder stärker an der Einkommenswicklung orientieren, auch um den Preis niedrigerer Wachstumsraten. So wichtig es ist, die Kreditklemme zu überwinden, so wichtig ist es auch, die Entstehung einer neuen, auf Pump finanzierten Vermögenspreisblase zu verhindern.

          Wer wie Obama der Wirtschaft auf die Beine helfen will, sollte nicht auf eine kreditfinanzierte Erhöhung der Staatsausgaben nach keynesianischem Vorbild setzen. Das stimuliert die Konjunktur nur wenig und verdrängt zudem private Investitionen. Auch Steuerschecks oder Konsumgutscheine sind eine schlechte Idee, das lehrt die Erfahrung mit dem ersten Konjunkturpaket dieses Jahres. Sie entfachen nur ein Strohfeuer und treiben die Staatsverschuldung in die Höhe. Den amerikanischen Verbrauchern und Unternehmen wäre mit dauerhaften Steuersenkungen weit mehr geholfen.

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