https://www.faz.net/-gqe-qt21

Konsumgüter : Tesa will besser sein als Mutter Beiersdorf

  • Aktualisiert am

Dürften sich in so gut wie jedem Haushalt finden: Tesa-Klebebänder Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Der Hamburger Klebebandhersteller Tesa will zur ertragsstärksten Einheit der Beiersdorf AG werden und damit seine Zukunft im Konzern absichern. „Wir haben den Ehrgeiz, die Muttergesellschaft zu schlagen“, sagt Vorstandschef Steinmeyer.

          3 Min.

          Der Hamburger Klebebandhersteller Tesa will zur ertragsstärksten Einheit der Beiersdorf AG werden und damit seine Zukunft im Konzern absichern. „Wir haben den Ehrgeiz, die Muttergesellschaft zu schlagen“, sagt Tesa-Vorstandschef Dieter Steinmeyer im Gespräch mit dieser Zeitung. Die Tesa AG gehört zu 100 Prozent zur Beiersdorf AG, die ihren Schwerpunkt im Markengeschäft mit Körperpflegeprodukten wie Nivea, Eucerin und 8×4 hat. In dieser sogenannten Consumer-Sparte hat Beiersdorf 2005 eine Umsatzrendite vor Steuern und Zinsen (Ebit-Rendite) von 11,6 Prozent erzielt. Tesa erreichte 8,4 Prozent.

          Steinmeyer hat sich nicht nur vorgenommen, das Mutterhaus bei der Rendite zu überflügeln. Bei Tesa laufen die Geschäfte im Moment so gut, daß er davon überzeugt ist, seine Ertragsziele früher zu erreichen: Schon 2007 will Steinmeyer die Umsatzrendite auf 10 Prozent hieven - zwei Jahre früher als ursprünglich geplant. Auch bei der angestrebten Kapitalrendite erhöht der Tesa-Chef das Tempo: „2007 oder 2008 wollen wir eine Kapitalrendite von 25 Prozent schaffen.“ Damit soll aber nicht das Ende der Fahnenstange erreicht sein: „Wir wollen noch ein gutes Stück weiterkommen.“

          „Früher galten wir als häßliches Entlein“

          Wer die Geschichte von Tesa kennt, wird sich ob dieses Selbstbewußtseins und dieser Ambitionen verwundert die Augen reiben. Steinmeyer weiß am besten, wie es noch vor einigen Jahren um Tesa bestellt war: „Früher waren wir das fünfte Rad am Wagen und galten als das häßliche Entlein.“ Die Rendite war negativ, und die Perspektiven waren düster. „Beiersdorf tat sich schwer, mit dem Klebebandgeschäft umzugehen.“ Bei der Steuerung von Ressourcen und Führungskräften lag der Fokus im Konzern eindeutig auf Nivea. Zudem war und ist das vornehmlich auf Industriekunden ausgerichtete Geschäft von Tesa ganz anders strukturiert als das auf Endkunden fokussierte Körperpflegegeschäft.

          Bild: F.A.Z.

          Beiersdorf überlegte, Tesa zu verkaufen. Doch statt dessen steckte man 150 Millionen Euro in den Um- und Neuaufbau des Unternehmens, das - ausgegliedert in eine AG - von 2001 an selbständig seinen Weg ging. Diese Strategie erwies sich als goldrichtig, wie die seither kontinuierlich steigenden Renditen beweisen. Im Industriegeschäft, das 78 Prozent des Umsatzes von zuletzt 735 Millionen Euro trägt, ist Tesa mit einem Marktanteil von 7 Prozent weltweit die Nummer zwei hinter 3M (28 Prozent) und vor der japanischen Nitto (5 Prozent). Nur diese drei Marktführer unter weltweit 350 Klebebandherstellern seien global aufgestellt und damit in der Lage, ihren Kunden überall hin zu folgen, sagt Steinmeyer.

          Finanzinvestoren fragen an

          Je erfolgreicher Tesa ist, um so schwerer soll es Beiersdorf fallen, sich von dieser Tochtergesellschaft zu trennen: „Ein Verkauf von Tesa ist kein Thema, solange wir so gut Wert addieren“, argumentiert Steinmeyer. Ganz sicher kann er da aber nicht sein. Schließlich will Beiersdorf-Vorstandschef Thomas-Bernd Quaas sein Kerngeschäft durch einen Zukauf im Ausland stärken. Und das Interesse an Tesa ist gewaltig: Allein 2005 hätten rund 20 Investmentbanken und Finanzinvestoren angefragt, ob sie nicht bei Tesa zum Zuge kommen könnten, erzählt Steinmeyer. Doch Beiersdorf dürfte allein schon deshalb abgewinkt haben, weil ein Verkauf vor dem Jahr 2008 zu einer Steuernachzahlung von rund 140 Millionen Euro zwänge.

          Nur, was passiert nach Ablauf dieser Frist. Und was, wenn der Verkäufer eines Objekts der Begierde sagt, daß man nur bei einem Tausch gegen Tesa ins Geschäft komme? Angeblich hat Henkel schon mehrfach vergeblich die Angel nach Tesa ausgeworfen, um das eigene Klebstoffgeschäft (Pattex) zu stärken. Steinmeyer gibt zwar zu, daß Tesa und Henkel „extrem gut zusammenpassen würden“. Gleichwohl ergebe sich daraus für Tesa kein größerer Mehrwert: „Wir können Tesa auch ohne Henkel oder irgendeinen anderen Partner weiterentwickeln.“ Der Erwerb von Uhu wäre indes eine „ideale Ergänzung“ für das Tesa-Konsumentengeschäft, sagt Steinmeyer. Doch Gespräche darüber führt er nicht (mehr), weil die Preisvorstellungen des griechischen Uhu-Eigentümers Joseph G. Nissim Lichtjahre von denen Steinmeyers entfernt sind.

          Fast die Hälfte der Erlöse mit neuen Produkten

          Steinmeyer betont, daß Tesa der Muttergesellschaft nicht auf der Tasche liege. „Wir können unsere Investitionen selber finanzieren.“ Dabei ist er besonders stolz auf die Innovationsrate: „Was uns nach vorne treibt, ist die Fähigkeit, neue Produkte herauszubringen.“ So mache Tesa heute 45 Prozent seines Umsatzes mit Produkten, die in den vergangenen fünf Jahren - oft in Kooperation mit den Kunden - entwickelt worden sind. Ein Beispiel: Beheizbare Autospiegel werden von einer Tesa-Klebemasse gehalten, die elektrische Energie in Wärme umwandelt und die Außenspiegel deutlich schneller tauen und trocknen läßt. „Für ein Klebeband mit solch einem Zusatznutzen bekommen Sie ganz andere Margen“, freut sich Steinmeyer.

          In Deutschland, wo Tesa den Umsatz wegen der Verlagerung der klassischen Industrieproduktion ins Ausland in den vergangenen fünf Jahren nur mit Mühe und Not gehalten hat, versucht Steinmeyer mit neuen Produkten für die Medizin- und Sicherheitstechnik am Ball zu bleiben. Seine 200 Forscher und Entwickler haben unter anderem ein Klebeband für Blutzuckermeßstreifen und einen aufklebbaren Datenträger namens Holospot erfunden. Mit dem Holospot soll Produktfälschern das Leben schwergemacht werden. Er klebt auf den Autoersatzteilen von Siemens VDO, den Mienen von Montblanc - und auf den Nivea-Shampoo-Flaschen in Rußland.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Durch geschlossene Cafés geht auch gesellschaftlicher Austausch verloren.

          Kontaktverlust : Was Corona mit unseren Bekanntschaften macht

          In der Pandemie kommen uns lockere Kontakte abhanden: Menschen, deren Telefonnummer wir nicht haben. Das ist schlimm. Schwache Bindungen spielen für unser Leben nämlich eine fundamentale Rolle.
          Feuerwehr im Einsatz

          EUGH-Urteil : Rufbereitschaft kann Arbeitszeit sein

          Wenn ein Feuerwehrmann zu Hause sitzt und sich für den Einsatz bereit halten muss – arbeitet er oder ruht er? Darüber hat nun der Europäische Gerichtshof entschieden.
          Seite an Seite: Wissenschaftler Christian Drosten und Politiker Jens Spahn bei einer Pressekonferenz im vergangenen Jahr

          Experten in der Pandemie : Wenn Wissenschaft zu Ideologie wird

          In der Corona-Krise verschmilzt die Figur des Experten mit der des Aktivisten. So entsteht der Eindruck, in Forschungsbefunden liege der Schlüssel zu politischem Handeln. Für die Demokratie ist das gefährlich. Ein Gastbeitrag.
          Auch so eine Überschrift: „Es hilft, wenn mal die Katze durchs Bild läuft“

          Kolumne „Nine to five“ : Kuriose neue Arbeitswelt

          „Polizei jagt Homeoffice-Sünder“ – solche Schlagzeilen wären doch vor Corona undenkbar gewesen. Im Archiv eines Jahres Pandemie-Heimarbeitswelt kommen da so einige zusammen. Eine kleine Kostprobe.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.