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Konsum : China läßt die Puppen tanzen

Spielwarenkonzerne haben schon längst als Produktionsort entdeckt Bild: Mattel

Spielzeug oder Schuhe. Kühlschränke oder Brillen. Ware aus China überschwemmt deutsche Kaufhäuser. Mit bester Qualität. Weihnachten scheint chinesisch zu werden.

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          Baby Born ist ein echter Superstar in Europas Kinderbetten. Mehr als 10 Millionen Puppen dieses Namens hat die Firma Zapf Creation AG kleinen Mädchen bisher schon ans Herz legen können. Zapfs Hauptquartier in Rödental liegt in einem traditionsreichen Zentrum der deutschen Spielzeugindustrie im Coburger Umland. Einige Produzenten wie Märklin halten sich dort noch. Sonst ist es zappenduster. Ein Museum erinnert an bessere Tage.

          Winand von Petersdorff-Campen

          Wirtschaftskorrespondent in Washington.

          Die Musik spielt längst anderswo. Baby Born ist eine Asiatin. Die runden Augen täuschen. Die börsennotierte Zapf Creation läßt seit Anfang der neunziger Jahre in China produzieren. Denn Puppenmachen ist immer noch zu einem großen Teil Handarbeit. Und darin ist China konkurrenzlos billig mit Stundenlöhnen zwischen 50 Cent und einem Euro. "Die Qualität ist gut", sagt Zapf-Direktorin Monika Collee. Mit heiklen Produkten wie Kleinkinderspielzeug kann man sich keine Fehler leisten.

          Irgendwo ein paar fleißige Chinesen

          Spielzeug-Megakonzerne wie Mattel und Hasbro setzen längst schon auf das Reich der Mitte. 70 bis 80 Prozent der weltweiten Spielwarenproduktion kommen aus China. Doch nun drängen chinesische Produkte in Kaufhäuser, Baumärkte, Discounter und Media-Märkte. "Erfolgs-Kampagnen wie ,Geiz ist geil' wären undenkbar, wenn nicht irgendwo an der Wertschöpfungskette ein paar fleißige Chinesen sitzen würden", sagt ein Branchenkenner.

          Rund die Hälfte der weltweit produzierten Kühlschränke, Brillengestelle, Schuhe, Sandwichtoaster und Föns kommen inzwischen aus China. Textilien sowieso. In der Unterhaltungselektronik haben Chinesen als sogenannte Lohnveredler ihre Finger im Spiel. Und Werkzeuge: "alles, was unter dem Namen Topcraft bei Aldi liegt", erklärt Thomas Sturm vom Ostasiatischen Verein die Herkunft. Akkuschrauber "made in China" haben in Deutschland angeblich einen Marktanteil von 90 Prozent. Auch Stichsägen und Bohrmaschinen aus Fernost erobern die Regale.

          Die Löhne sind niedrig

          "Weihnachten wird chinesisch", provoziert Markus Taube, Ökonom und Sinologe der Universität Duisburg. "90 Prozent des Baumschmucks kommen daher." Auch der Gabentisch wäre karg ohne chinesische Mitwirkung.
          Obi hat dort nicht nur Filialen, der Baumarkt kauft auch genau wie Aldi, Lidl, Tchibo, Metro und Karstadt-Quelle. Der französische Einzelhandelsriese Carrefour kaufte voriges Jahr Güter für 1,3 Milliarden Euro in der Zentralrepublik, nächstes Jahr wollen die Franzosen 2,6 Milliarden Euro dort ausgeben.

          Der Gründe für den atemberaubenden Erfolg: Die Löhne sind niedrig und bleiben es nach Taubes Prognose in den nächsten 10 bis 15 Jahren. "Es gibt ein schier unerschöpliches Reservoir an Arbeitskräften." 150 Millionen bis 200 Millionen Menschen sind vor allem in Zentralchina arbeitslos oder unterbeschäftigt, schätzt Taube. Sie seien bereit, für wenig Geld zu arbeiten, und hielten auf lange Zeit das Lohnniveau niedrig.

          Jagd auf die Spitze der Weltwirtschaft

          Einen kräftigen Schub bekam das Land durch den Beitritt in die Welthandelsorganisation WTO und die Vorbereitung darauf. 1992 und 1993 explodierten im Vorgriff auf die Zeit des Handels ohne Barrieren die Direktinvestitionen in China, 1995 nahmen viele chinesisch-ausländische Joint-ventures die Produktion auf, 50 Prozent des Exportvolumens verdankt das Land diesen Gemeinschaftsunternehmen. Inzwischen ist klar: Das Land jagt an die Spitze der Weltwirtschaft.

          Dabei helfen auch Chinesen, die an ausländischen Universitäten studiert haben und zurückgekehrt sind, um das Land mit patriotischem Eifer an die Spitze zu bringen. "Dieser Eifer trägt manchmal unangenehm nationalistische Züge", sagt Taube. Aus zahlreichen Akademien bilden sich inzwischen Firmen, die sich auch höherwertige Technik zutrauen. Peking betreibt mit riesigen Summen Technologieförderung. Das Land will sich nicht mit dem Status der verlängerten Werkbank zufriedengeben. Schließlich hilft dem Land der künstlich niedrig gehaltene Wechselkurs. Der ärgert vor allen die Amerikaner, die deshalb sogar schon mit Handelskrieg drohen.

          Beide Seiten profitieren

          Manche Länder beschwören inzwischen die gelbe Gefahr herauf. "Kein Land in der Geschichte ist dramatischer auf die Bühne der Weltwirtschaft getreten als China", sagt WTO-Generalsekretär Supachai Panitchpakdi. Nur zwei Jahre nach dem Beitritt zur WTO ist China mittlerweile der viertgrößte Handelsblock der Welt nach den Vereinigten Staaten, der EU und Japan. Und klar ist schon: Japan wird bald abgehängt. Für Deutschland ist China jetzt schon der wichtigere Handelspartner.

          Doch gerade an Deutschland sieht man: Beide Seiten profitieren. In den ersten acht Monaten wuchs das Importvolumen aus China um 18 Prozent gegenüber dem Vorjahr auf 15 Milliarden Euro, die Exporte nach China aber schnellten sogar um 28 Prozent auf knapp 12 Milliarden Euro in die Höhe.

          Wie eng die beiden Welten verwoben sind, spürt man in Hessen. Die Wiesbadener Landesregierung betreibt eine Standortkampagne unter dem stolzen Motto: "Hessen - Hier ist die Zukunft". Der Titel schmückt unter anderem schwarze Schirmmützen, deren Waschhinweisschild klein und diskret angibt, woher die Kopfbedeckung stammt: "Made in China", heißt es dort.

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