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Konsequenzen aus dem Absturz : Europa will Boeing selbst überprüfen

Ein Flugzeug und seine Folgen: Die Boeing 737 Max 8 Bild: AP

Die zwei Boeing-737-Max-Abstürze schüren Misstrauen. Zum ersten Unglück sind Tonaufnahmen aus dem Cockpit bekannt geworden.

          Erst soll es eiliges Suchen gegeben haben, dann Stille. Vor dem Absturz des Boeing-737-Max-Flugzeugs der indonesischen Gesellschaft Lion Air im Oktober haben die Piloten einem Bericht zufolge noch im Handbuch nach Hinweisen gesucht, um das Unglück abzuwenden. Das sollen Personen, die einen Mitschnitt des Stimmrekorders gehört haben, der Nachrichtenagentur Reuters berichtet haben.

          Timo Kotowski

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Roland Lindner

          Wirtschaftskorrespondent in New York.

          Während der Kapitän vergeblich gesucht habe, habe der Kopilot die Kontrolle über das Flugzeug verloren. Der aus Indien stammende Kapitän sei demnach zuletzt still gewesen, der indonesische Erste Offizier habe „Allahu Akbar“ vor dem Aufprall auf das Wasser gerufen.

          Auch zum vorletzten Einsatz des Flugzeugs, das schon zuvor technische Schwierigkeiten hatte, gab es weitere Informationen. Ein dritter Pilot, der auf dem Notsitz im Cockpit mitgeflogen sei, habe den beiden Diensthabenden den Hinweis gegeben, die Automatik abzuschalten, die die Flugzeugnase nach unten drückte, meldete die Agentur Bloomberg.

          Einen Tag später stürzte das Flugzeug ab. „Die Piloten scheinen nicht bemerkt zu haben, dass das Stabilisierungssystem nach unten drückt“, wurde eine ungenannte Person, die den Mitschnitt angehört haben soll, zitiert. „Sie dachten nur an Fluggeschwindigkeit und Höhe.“ Im Zwischenbericht der Ermittler des Unglücks in Indonesien waren Aufnahmen aus dem Cockpit nicht berücksichtigt, der Stimmrekorder wurde erst mehr als zwei Monate nach dem Absturz gefunden.

          Zweifel nehmen zu

          Nach zwei Abstürzen geht es in den Ermittlungen um das Verhalten der Piloten und darum, wie sicher die MCAS-Automatik an Bord der 737-Max ist. Boeing-Chef Dennis Muilenburg hatte in einer Stellungnahme gesagt, Boeing sei seit „mehr als 100 Jahre im Geschäft mit Luftfahrtsicherheit“ tätig. Doch nach den Unglücken stehen in der Branche Gewissheiten in Frage, Skeptiker sehen eine Phase des internationalen Misstrauens anbrechen.

          Die europäische Luftfahrtbehörde EASA will den Flugzeugtyp einer zusätzlichen Prüfung unterziehen, bevor er in Europa zurück in den Betrieb darf. Zur europäischen Erstzulassung 2018 baute man noch auf ein Abkommen mit den Vereinigten Staaten, grundsätzlich wechselseitig Entscheidungen der Luftfahrtbehörden anzuerkennen.

          Flugzeuge von Boeing dürften lange am Boden bleiben

          Brüche hatte der Pakt bekommen, als die EASA vor der amerikanischen FAA ein Flugverbot aussprach. Erste Luftfahrtmanager warnen, dass das Misstrauen künftige Zulassungen erschweren könnte. Wenn Europäer bei Boeing genauer hinsehen, könnten Amerikaner Airbus-Flugzeuge schärfer inspizieren. Noch ist offen, wann das von Boeing angekündigte Update für die 737-Max einsatzbereit ist. Wie lange danach Prüfungen verschiedener Länder dauern, ist die nächste Unbekannte. Prognosen, dass nach zwei bis drei Monaten Jets in den Betrieb zurückkehren, gelten mittlerweile als sehr optimistisch.

          Die Vorsicht der EASA dürfte dadurch bestärkt werden, dass sie selbst in die Kritik geraten ist. „Eine Flugsicherheitsbehörde, die einen Softwarefehler erst als Risiko einstuft, wenn schon zwei Flugzeuge abgestürzt sind, stellt für den Bürger selbst ein Risiko dar“, ließ der CSU-Europaparlamentarier Markus Ferber verlauten. EASA-Chef Patrick Ky verwies darauf, seine Behörde sei schon aus formalen Gründen nicht in die Absturzermittlungen einbezogen gewesen und somit auf öffentliche Informationen sowie Mitteilungen der FAA angewiesen.

          Der Kritik vorangegangen war eine Anhörung Kys im EU-Parlamentsausschuss für Verkehr und Tourismus in Brüssel. Dort wurde auch deutlich, wie intensiv in Amerika ein Update nach dem ersten Absturz vorangetrieben wurde. Wie aus der online verfügbaren Präsentation zur Anhörung hervorgeht, waren der EASA am 7. Februar von Boeing und FAA zwei Änderungen vorgestellt worden: eine zum MCAS-System und eine zu Warnmeldungen im Cockpit. Datenblätter folgten am 7. März – vor dem Absturz in Äthiopien am 10. März.

          In Amerika steigt indes der Druck auf die FAA. Verkehrsministerin Elaine Chao wies ihren Generalinspekteur an, den Zulassungsprozess des Flugzeugs zu überprüfen. Er solle „eine objektive und detaillierte faktische Geschichte der Aktivitäten erstellen, die zur Zertifizierung der Boeing 737-Max 8 geführt haben“. Das Verfahren steht in der Kritik, da es Herstellern seit einigen Jahren erlaubt, mit eigenen und selbst bestimmten Mitarbeitern mitzuwirken.

          Zumindest die Frage nach der FAA-Führung scheint sich zu klären. Seit mehr als einem Jahr leitet übergangsweise Daniel Elwell die Behörde, nun hat Präsident Donald Trump den früheren Delta-Air-Lines-Manager Steve Dickson für eine dauerhafte Besetzung nominiert. Zeitweilig hatte Trump die Absicht gehabt, seinen Privatpiloten auf den Posten zu hieven. Reuters berichtet zudem, dass Boeing Änderungen im technischen Führungspersonal vorgenommen habe.

          John Hamilton, bislang in der zivilen Sparte in Doppelfunktion Chefingenieur und Vice President, solle sich auf erstere Position beschränken. In einer internen E-Mail hieß es, dies solle ihm erlauben, sich auf Untersuchungen rund um die Unglücke zu konzentrieren.

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